Wirtschaft : Geb. 1951

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Beim Tanzen, an der Pferderennbahn – überall fand sie Freunde. Manche lernten sich erst an ihrem Krankenbett kennen.

Vera Koch trug Hut. Zu jeder Gelegenheit einen anderen. Zum Tanz den kleinen Schwarzen mit dem Spitzenschleier, zum Pferderennen das opulente Modell, beim Kanadier Fahren die Baseballkappe – nach den Bestrahlungen einen Turban. Oft kombinierte sie die Kopfbedeckung mit dem passenden Schal. Vera Koch war eine Erscheinung, trotz ihrer zierlichen Statur, sie war blond, selbstbewusst und kapriziös im besten Sinne, elegant, aber nicht aufgerüscht.

Ihre Wohnung am Kreuzberger Erkelenzdamm, dritter Stock Vorderhaus, strahlte weiß. Weiße Bettwäsche, weiße Handtücher, sogar weiße Stoffservietten. Unzählige Bücher, die sie an den Wochenenden gierig verschlang, während die Hochbahn vorbeiquietschte. Es gab Gina, die langhaarige Katze. Und den Traber Step Proud. Werktags arbeitete sie als Chefsekretärin in einer Anwaltskanzlei. Sie liebte gutes Essen, die Tanzkurse, das Pferd, Zeitungen, die vielen Freunde und Bekannten, das wohltuende Alleinsein. Ihre Freundeskreise trennte sie sorgsam, vielleicht unbewusst. Es gab die Leute für die Rennbahn und die Leute für den Wiener Walzer und die Leute aus der Nachbarschaft – der Spagat zwischen den Welten gelang Vera Koch mühelos. Ein ausgefülltes, glückliches Leben.

Kreuzberg 36 war Vera Kochs Kiez, mit dem sie fest verwurzelt war, seit sie 1976 von Lehrte nach Berlin kam. Als dieser Kiez am 1. Mai 1987 von Autonomen kurzfristig zur polizeifreien Zone gemacht wurde, fand sie das nicht schlecht. Als sie am 1. Mai 2000 in ihre Wohnung zurückkehren wollte, bekam sie von einem Polizisten mit Schutzhelm einen Schlagstock über den Kopf. Sekunden später waren sowohl Polizist als auch Vera Koch schwer erschrocken. Sie weinte, er nahm sie in den Arm und brachte sie in ihre Wohnung. Vera Koch hatte ein paar Monate zuvor ihre Rehabilitations-Kur an der Ostsee nach einer Brustkrebs-Operation beendet und war noch immer geschwächt.

Im Oktober 2000 entdeckten Ärzte in ihrem Gehirn zwei Tumore. Eine aggressive Chemo-Therapie, kombiniert mit einer Strahlenbehandlung, konnte das Wachstum stoppen. Sie litt unter Sprachstörungen und Orientierungsschwierigkeiten. An besonders schlechten Tagen nahm sie den falschen U-Bahn-Ausgang und verlief sich. An guten Tagen wirbelte sie beim Quickstep über das Parkett und lachte die Angst einfach weg. In der Tanzschule dachte man lange, sie sei kerngesund. Sie selbst sprach nur wenig über die Krankheit und reagierte auf Nachfragen ihrer Freunde eher ausweichend.

Vera Koch wurde am 23. Juli 2001 50 Jahre alt. Es gab eine Tanzreise ins Weserbergland, sie hatte niemandem von ihrem Geburtstag erzählt. Morgens tanzen, mittags tanzen, abends tanzen – das hielt sie auf der Erde. Ein Trip ganz nach Vera Kochs Geschmack. Paddeln gehen, mitten im Sommer, schönes Wetter. Vera Koch, in vorderster Position, paddelte noch lächelnd weiter, als alle anderen schon erschöpft waren. Hinter ihr warf man sich Blicke zu: Woher nimmt diese Frau bloß die Kraft? Vera Koch glühte vor Freude. Ein herrlicher Tag.

Anfang des Jahres ging es Vera Koch sehr schnell sehr viel schlechter. Die Ärzte diagnostizierten einen weiteren Hirntumor. Man brachte sie nach Hause, und an ihrem Krankenbett kamen alle zusammen: die Freunde von der Rennbahn Karlshorst, die Nachbarn, die Tänzer. Die Besucher bestaunten sich – so viele Leute, einige lernten sich erst jetzt kennen und alle verband die tiefe Zuneigung zu einer ungewöhnlichen Person, die manchmal eine Freundschaft für Monate auf Eis legte, um später mit einem Anruf alles aus der Welt zu wischen; die bis zur Schmerzgrenze diskutieren und streiten konnte, um wenige Augenblicke später wieder lieb und zart zu sein. Es kümmerten sich so viele, dass ein Besuchsplan nötig wurde.

Ihr müsst sie loslassen, sagte die behandelnde Ärztin am 18. Februar. Vera Koch starb um die Mitternachtsstunde. Ihre Freunde begruben sie in ihrem schwarzen Lieblingskleid. An ihre Seite legten sie Lars Gustafsons „Erzählungen von glücklichen Menschen“, ihre Tanzschuhe und ein Foto ihres Pferdes. Auf dem Kopf trug sie das schwarze Schleierhütchen.

Sie war niemals einsam. Und gern allein. Esther Kogelboom

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