Wirtschaft : Geb. 1956

Archie Kent Horspool

Kirsten Wenzel

Er kam aus der neuen Welt, aus Utah. Dort aber, das fand auch seine Mutter, gehörte er nicht hin. Europa konnte ihm gar nicht alt genug sein.

Hautenger Lederanzug, hohe Stilettostiefel, langes, platinblondes Haar. Er sah ganz schön sexy aus, als sie ihn kennen lernte. Sie trug ihm eine üppiges Make-up auf, zog einen Lidstrich und schminkte seinen schönen Männermund dunkelrot. Mitte der achtziger Jahre war das Musical „Ein Käfig voller Narren“ ein großer Erfolg in Berlin. Archie Horspool, der amerikanische Tänzer, stand als Hanna aus Hamburg auf der Bühne des Theaters des Westens, sang, schmiss die langen Beine in die Höhe und verliebte sich hinter der Bühne in die Maskenbildnerin.

Er zog zu ihr in die Künstlerkolonie in Wilmersdorf, und ein paar Jahre später bekamen sie einen Sohn. So wurde Berlin sein Zuhause. Nach Kalifornien, Neuseeland, Salt Lake City, Brüssel, Genf. Den größten Teil seiner Jugend hatte der große, dunkelblonde Mann in Provo verbracht, einer Stadt mit Blick auf die Rocky Mountains, in Utah, dem Bundesstaat der Mormonen. Auch seine Eltern und die sieben Geschwister gehörten zu der strengen Religionsgemeinschaft. Seine Mutter hatte ihre acht Kinder in zehn Jahren zur Welt gebracht. Der Glaube der Mormonen verbietet unter anderem Alkohol, Nikotin und Sex vor der Ehe, schreibt gesunde Ernährung vor und das Anlegen eines Lebensmittelvorrats für ein Jahr. Deshalb stand im Keller der Familie eine besonders große und immer randvoll gefüllte Tiefkühltruhe. Jeden Sonntag verbrachte Archie mit den Geschwistern den gesamten Tag im Tempel, dort gab es eine Sonntagsschule.

Als er 18 war, sagte er sich vom Glauben der Mormonen los, wie der Rest der Familie. Aber er trank und rauchte auch in Zukunft nicht, kaufte sein Müsli und das tägliche Gemüse im Bioladen. Er entschied sich für einen Beruf, der seinen Körper fit hielt. Disziplin und Leistung hatte er als Kind gründlich gelernt, und so begann er mit 19 Jahren als Spätstarter das Tanzstudium in Salt Lake City, ackerte viele Stunden am Tag im Ballettsaal, studierte Deutsch und im Nebenfach Ernährungswissenschaften.

Seine Mutter nannte ihn ihren „europäischen Sohn“. Er selbst meinte auch, er gehöre nach Rom und Paris, dorthin, wo die Kultur wohne, weit weg von Utah. Er fand bereits nach einem Jahr ein Engagement in Brüssel. Europa konnte ihm gar nicht alt genug sein. In Agrigent auf Sizilien fotografierte er den abgeblätterten Putz an einem verlassenen Haus, als wäre er ein Kunstwerk. Ganze Kisten mit Fotos aus Italien und Frankreich haben sich über die Jahre in seiner Wohnung angesammelt.

Als er in Belgien und in der Schweiz tanzte, las er alle Bücher und Zeitungen auf französisch und weigerte sich, ein englisches Wort zu sprechen, so lange, bis sein Französisch perfekt war.

So hielt er es auch in Deutschland. Alles andere als das Lotterleben, wie es Hanna im „Käfig voller Narren“ führte. Er besuchte keine Parties, er war – vernünftig. Eisern könnte man sagen. Er achtete darauf, dass sein Körper nach dem Auftritt genügend Schlaf bekam. Er aß nach der Probe die belegten Vollkornbrote, die ihm seine Frau mitgegeben hatte und legte sich vor dem Auftritt eine Stunde hin. Am Wochenende kochte sie für ihn. Vollwertküche. Nach Amerika fuhr er nur einmal im Jahr, aber alle paar Monate kam per Post die Familienzeitung, in der jeder aus dem großen Horspool-Clan berichtete, wie es gerade um ihn stand.

Mit 36 hörte er auf zu tanzen und begann seine zweite Karriere als Fotograf. Mietete sich ein großes Atelier in der Schützenstraße. Ein Auto brauchte er nicht, er war Mitglied bei StattAuto und Unterstützer von Greenpeace. Einer muss ja anfangen, sagte er zu seiner Frau. Ein Unternehmen aufbauen, seine eigene Firma sein: wieder eine Frage der Disziplin, des Ehrgeizes. Als Teenager hatte er mal bei einem Konzert der Rolling Stones fotografiert, jetzt nahm er sich vor, von dem geliebten Hobby leben zu können, ein bedeutender Fotograf zu werden, mit Adams und Newton als Vorbild.

Die Kontakte in die Theaterwelt, sein geschulter Blick für den Tanz erleichterten den Anfang. Er fotografierte, was auf der Bühne geschah, für Programmhefte und die Schaukästen vor dem Theater. Als Leslie Caron in dem Musical „Grand Hotel“ eine alternde Diva spielte, hätte das sein Durchbruch sein können. Der weibliche Star aus dem alten Musikfilm „Ein Amerikaner in Paris“ ließ sich in Berlin nur von Archie Horspool persönlich fotografieren. Nur ihm vertraute sie, was das vorteilhafteste Licht betraf und die Auswahl der richtigen Bilder.

Doch dann kam der Lymphdrüsenkrebs. Ausgerechnet Archie, sagten seine Freunde. So einer wie er lässt sich nicht fallen. So einer reibt sich noch mehr Rohkost jeden Tag, so einer probiert jede mögliche Diät aus.

Und die härtesten Chemotherapien. Die doppelte Hochdosis gaben sie ihm im Winter 1996. Danach hätte er gesund werden müssen, aber der Krebs kam zurück. Als er nichts mehr tun konnte, schob er den Gedanken an die Krankheit so weit weg, wie er konnte, fotografierte eisern weiter, trainierte die Baseballmannschaft seines Sohnes und feuerte die Jungs am Wochenende beim Auswärtsspiel von der Bank aus an.

So einer wie er will nicht sterben. Bis zum Schluss nicht. Mit schwindenden Kräften reiste er im Sommer noch einmal in die USA, zur Lieblingsschwester, zusammen mit seinem Sohn. Aber irgendwann unterliegt der Wille doch einmal. Als er merkte, dass der Tod nahen könnte, flog er mit der allerletzten Kraft nach Berlin zurück. Er wollte in Deutschland sterben. Zuhause. Und auf demselben Friedhof wie Marlene Dietrich begraben sein.

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