Wirtschaft : Geb. 1961

Burghard Damerau

Thomas Loy

Er hat ein Buch auf der Demonstration gelesen. Tolle Idee! Neue Protest-Form! Lesen gegen die Engstirnigkeit! Ach was. Er musste sich aufs Seminar vorbereiten. Nur deshalb hat er gelesen.

Im Museum suchte sich Burghard Damerau meist ein oder zwei Bilder aus, um sie lange zu betrachten. Im Belvedere in Wien stand er mit einem Freund einmal fünf Stunden vor einem Frauengemälde von Gustav Klimt. Kunst total. Wie gefährlich das sein kann, lässt sich in „Alte Meister“ von Thomas Bernhard nachlesen. „Die Kunst ist das Höchste und Widerwärtigste gleichzeitig“, sagt da der Herr Reger, die Hauptfigur. Seit 30 Jahren ging Herr Reger zu den Alten Meistern, obwohl sie ihm verhasst waren, weil er sie längst durchschaut hatte. Jeden zweiten Tag traf er sich mit dem Weißbärtigen Mann von Tintoretto. Der Weißbärtige Mann hielt ihn am Leben, war seine geistige Existenzgrundlage.

Burghard Damerau und Herr Reger waren seit vielen Jahren gute Bekannte. Bernhards „Alte Meister“ war das Thema des Seminars, das Burghard Damerau jeden Dienstag hielt. Auch an jenem Dienstag im Juni, auf den der Mittwoch folgte, an dessen Morgen er sich aus dem Fenster stürzte.

Für die Boulevardpresse lag die Sache auf der Hand: Vereinsamter Literaturprofessor nimmt sich das Leben, nachdem ihm das viele Bücherlesen die Freude am Dasein vergällt hatte. Klassische Fehlinterpretation mangels analytischer Tiefenschärfe, hätte Burghard Damerau an den Rand geschrieben. Alles Denkfaule und Vordergründige, alles Laute und Grelle war ihm ein Gräuel.

Vor einigen Jahren ging er mal demonstrieren. Er tat es ungern, aber es war eine Protestveranstaltung, bei der man als kritischer Dozent wohl dabei sein musste. Also stellte er sich irgendwo in die Menge und las ein Buch.

Später, als auf einer Uni-Versammlung Methode und Wirkung des Protestes erörtert wurden, erinnerte sich eine Studentin an den lesenden Demonstranten und erkannte in ihm die zeitgemäße Agitationsform gegen bildungsresistente Politiker und ihre billigen Sparfantasien. Das öffentliche Lesen als ein Fanal gegen den kleinbürgerlichen Erbsenzählerstaat. Da klärte der Dozent sie auf: Das Buch habe er lesen müssen, um sich auf ein Seminar vorzubereiten. Ohne dieses Buch zu lesen, hätte er das Seminar nicht halten können. Folglich habe er nur lesend demonstrieren können. So einfach ließe sich das mit dem Buch begründen. Burghard Damerau konnte penetrant ehrlich sein.

Das Wahrhaftige interessierte ihn und die Kunst, es hinter den vielen Masken der Menschen sichtbar zu machen. Die Literatur entpuppte sich als geeignetes Vehikel. Außerhalb der Literatur blieb Burghard den Menschen gegenüber höflich-distanziert, wirkte ausgeglichen und beherrscht. So beherrscht, dass man Angst bekommen konnte, sagt ein Freund. Aggressionen schien er in seinem Innenreich so perfekt aufzulösen, dass nichts mehr nach außen drang.

Burghard Damerau lehrte an der Freien Universität Deutsche Literatur, und zwar so eindringlich, dass viele Studentinnen ihn fast schwärmerisch verehrten. Er konnte Begeisterung und Euphorie entfesseln und war dabei ein Perfektionist, immer bestens vorbereitet. Burghard schätzte auch das Gespräch mit Studentinnen – weniger mit Studenten. Die Geschlechterrollen und -rituale thematisierte er in seinen Aufsätzen. Das typisch Männliche war ihm zuwider. Damit stellte er auch einen Teil seiner „wilden Jugend“ in Frage, das Handwerken und die sportlichen Herausforderungen. Einmal ist er mit dem Fahrrad bis nach Paris gefahren.

In einem Dorf an der Schlei in Schleswig-Holstein wuchs Burghard Damerau auf. Und merkte bald, dass er anders leben wollte als seine Eltern. Das war seine antibürgerliche, konsumkritische Öko-Zeit. Burghard nähte und strickte sich seine Klamotten selbst, lehnte den weihnachtlichen Geschenkeritus ab und machte keinen Führerschein. Es ging ihm um Prinzipien und Symbole. Um für die Dritte Welt zu spenden, verkaufte er seinen geliebten Mont-Blanc-Füller.

Er las schon als 16-Jähriger Schwerverdauliches von Bernhard und anderen Zeitgenossen. Im Deutsch-Leistungskurs wählte er als Einziger eine Erzählung von Ingeborg Bachmann als Klausur-Thema. Für seine Interpretation bekam er keine Note, sondern die Ohnmachtserklärung des Deutschlehrers: „Entzieht sich einer Bewertung.“ Die Schule lieferte nicht mehr genug Nahrung für seinen Verstand. Burghard Damerau abonnierte „Die Zeit“ und fuhr zu einer Peter-Stein-Inszenierung an die Berliner Schaubühne.

Berlin war die Stadt, die seinen Ansprüchen gerecht wurde. Dort wollte er studieren. In seiner Habilitationsschrift suchte er nach der „Wahrheit in der Literatur des 19. Und 20. Jahrhunderts“. Eine unlösbare Aufgabe, darunter machte er es nicht.

Während er an der „Habil“ arbeitete, verließ er nur selten seine Eremitage. Burghard Damerau lebte bewusst zurückgezogen. Das Destillat seiner Gedankenflut schrieb er in ein Tagebuch. 20 Bände sind es geworden. Er schrieb auch Gedichte, ohne sie zu veröffentlichen. Manchmal bekam ein Freund einige zu lesen. Seine langjährige Partnerin, die ehemalige Schaubühnen-Aktrice Libgart Schwarz, brachte die Verse ein paar Mal zum Klingen.

Als die Beziehung zu Libgart zerbrach, geriet das minutiös ausbalancierte Leben des Burghard Damerau ins Wanken. Er begann mit einer Psychoanalyse, schaute auf seine Kindheit zurück, fragte sich, warum er nicht mehr zur Ruhe kam. War das anspruchsvolle, elitäre Leben in der Kunst schuld? Verwechselte er die Kunst mit dem Leben? Zum ersten Mal seit Jahren zog er wieder Jeans an und nahm den fast abgebrochenen Kontakt zur Heimat wieder auf. Doch das Experiment misslang. Zuletzt fand Burghard keinen Schlaf mehr, hielt es allein in seiner Wohnung kaum noch aus. Und dann fasste er den finalen Entschluss. Ohne dass sie es merkten, verabschiedete er sich von seinen Freunden, bedankte sich nochmal für alles. Am Morgen jenes Mittwochs öffnete er das Fenster seiner Wohnung im 5. Stock, wartete, bis die Hausmannsfrau mit dem Blumengießen fertig war, nahm seinen Mut zusammen und sprang.

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