Wirtschaft : Geb. 1961

Goedecke Hansen

Kirsten Wenzel

Morgens im Auto hörte er die Nachrichten im Deutschlandfunk, danach stieg die Adrenalinkurve. Abends um sechs erreichte sie ihr Maximum.

Freitags durfte Max immer lange aufbleiben, so lange bis sein Vater nach Hause kam. Irgendwann in der Nacht stand Goedecke Hansen dann in der Tür, in der Hand den großen, orangefarbenen Koffer. Meist hatte er den ganzen Tag noch nichts gegessen, dann gab es Erbsensuppe oder einen Braten, auch wenn es schon nach Mitternacht war. Am nächsten Morgen fuhren Vater und Sohn zusammen ins Einkaufszentrum nach Altona, um die neuesten Computerspiele zu testen. Dann gingen sie schwimmen oder besichtigten den unterirdischen Bunker im Hamburger Hafen, sie hörten zusammen eine Hardrockscheibe aus Papas Musiksammlung, und ab und zu stieg Goedecke Hansen in den Fischteich im Garten, um den Filter zu reinigen, und Max schaute dabei zu.

Sonntag Abend packte Goedecke Hansen den orangefarbenen Koffer, zwei Dosen Holstenbier und den Walkman mit der Kassette, auf der „die Harte“ stand, und fuhr wieder nach Berlin. Vor ihm lag eine anstrengende Woche, in der Nachrichtenredaktion von SpiegelTV. Er arbeitete dort als Chef vom Dienst, jeden Tag Punkt 18 Uhr war Sendetermin. Morgens im Auto hörte er noch ruhig die Nachrichten im Deutschlandfunk, danach stieg die Adrenalinkurve kontinuierlich nach oben. Abends um sechs erreichte sie ihr Maximum, um bei ein paar Bier in den zwei, drei Stunden danach langsam wieder abzusinken. Zigtausend Nachrichten mussten im Laufe des Tages seine Augen und Ohren, seinen Kopf passieren wie einen Filter. Anrufe von Korrespondenten und Reportern, Agenturmeldungen und zugerufene Gerüchte, all das rann durch ihn hindurch. Als Chef vom Dienst entschied er, welche Nachricht, welche Bilder, welcher Bericht in die Sendung kamen und welche nicht.

Einmal hat er Max nach Berlin eingeladen, um ihm zu zeigen, wo er arbeitet. Er saß in der Redaktionsküche hinter Glas, rauchte und telefonierte. Später stand er gegen die Wand gelehnt und diskutierte, und ein Kollege nannte ihn „Balloo, der Bär“, weil er so groß war und auch ein bisschen dick, und weil es lustig aussah, wie er seinen Rücken an der Wand entlang rollte, um ihn zu massieren. Vieles von dem, was der Vater mit dem Kollegen diskutierte, klang sonderbar. Worte wie „crashen“ und „grillen“ kamen da vor. „Grillen“ bedeutet, jemandem, von dem man etwas erfahren möchte, so lange auf die Pelle zu rücken, bis er es sagt. Besonders oft grillen die Leute von SpiegelTV Politiker. Der Kollege des Vaters war Reporter und ziemlich gut darin, Hansen war es nicht. Zur Hochzeit des Reporters hat er aus Spaß einmal versucht, ihn nachzumachen. Morgens stand er im blauweißen Ringelshirt vor der Haustür des Traupaares und stellte immer wieder dieselben zudringlichen Fragen. Das Mikrofon streckte er dabei weit von sich weg. Der Reporter lachte, denn wenn man jemanden grillen will, muss man sich mit dem ganzen Körper direkt vor ihm aufbauen und ihm keinen Ausweg mehr lassen. Man sah Hansen einfach an, dass er diese Recherchemethode nicht besonders mochte.

Es gab andere unangenehme Jobs, die er lieber übernahm. Zum Beispiel ans Telefon gehen, wenn die Chefs aus Hamburg anriefen und an einem Bericht kein gutes Haar ließen. Sie riefen oft an, Kritik gilt im Spiegel als als eine der höchsten Tugenden, das hält man aus oder eben nicht. Goedecke Hansen war auch dort der Filter und ließ nur das Konstruktive, Brauchbare bis zu den Autoren durch, die ätzende Kritik aus Hamburg blieb als schwer abbaubarer Rückstand im inneren Sieb zurück. Wenn er sich zu sehr nach Max sehnte oder wenn er einmal ein Wochenende nicht nach Hamburg kommen konnte, schickte er ihm eine Kassette mit einem kleinen Nachrichtenfilm, extra für Max gedreht und getextet, zum Beispiel über den ersten Mai oder über ein Tigerbaby, das im Zoo geboren wurde.

Max’ Vater war sehr gern in Berlin, obwohl er in Hamburg ein schönes Backsteinhaus hatte und in Berlin nur ein winziges Zimmer, mit einer Matratze auf dem Boden und einem Fernseher davor. Er zog abends gern mit den Kollegen um die Blöcke, er war stolz auf seine Arbeit. Max’ Mutter kann sich noch daran erinnern, wie sie als junges Ehepaar in Hamburg am Spiegel-Gebäude entlang spazierten und er sie fragte: Ob ich das jemals schaffe, dort zu arbeiten? Damals war er arbeitslos und musste in einem Möbelhaus jobben. Er hatte sich gerade durch das schwere Sinologiestudium gequält, hatte gehofft, die seltene Sprache würde ihm Türen öffnen, aber keiner wollte ihn. Und dann hat er es doch geschafft, über viele Umwege, Hamburger Rundschau, Morgenpost, NDR. Er hat dann das Büro von Spiegel-TV in Berlin mitaufgebaut, sie nennen ihn ihren „Ciccerone“. Es gab Grund genug, stolz zu sein.

Manchmal blieb Goedecke Hansen aber auch wochenlang in Hamburg. Max wunderte das nicht, es geschah, so lang er denken konnte. Erst war sein Vater dann immer im Krankenhaus, danach lag er müde auf dem Sofa. Und wenn der Vater in dieser Zeit keine Haare auf dem Kopf hatte, setzte Max zum Spaß seine grüne Glibberspinne auf den blanken Schädel.

Vor einigen Monaten verreiste die Familie Hansen noch einmal. Um auf einen kleinen Sandhügel auf Fuerteventura zu gelangen, brauchte der Vater eine Ewigkeit. Max stand oben und feuerte ihn an: Papa, du schaffst das. Wenn du oben bist, fühlst du dich, als wär’s der Mount Everest. Ab und zu war der Vater eben schwach, das war normal, so wie er ab zu nachts um drei in die Küche ging, um den Kühlschrank leer zu essen. Auch die Kollegen hatten sich daran gewöhnt, „Goedi“ war todkrank. Aber deshalb muss man doch nicht sterben.

Von dir und Mama wegzugehen, das tut weh, hat der Vater zu Max gesagt. Aber zu sterben – das ist nicht schlimm. Ich bin sogar richtig neugierig. So viel Neues liegt vor mir. Vielleicht treff ich dort drüben alte Verwandte oder kleb’ als Geist noch für ein Weilchen unter der Decke.

Max wird noch etwas brauchen, um das alles zu verstehen. Er ist vor einer Woche acht Jahre alt geworden.

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