Wirtschaft : Geb. 1967

Dean Ladwig

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„Wenn ich wiederkomme, wirst du mich nicht mehr verstehen“, sagte er zu seiner Großmutter in Kroatien.

Still und in sich gekehrt wirkte der zierliche Mann. Unscheinbar. Doch urplötzlich, wie angeknipst, schien hinter seinen fast schwarzen Augen ein Licht anzugehen. Dann faszinierte er die Leute, die ihn zuvor kaum wahrgenommen hatten. Diese Fähigkeit half ihm auf seinem Weg, der ihn zielstrebig nach oben führte.

Das war zunächst nicht schwer, denn er hatte ganz unten angefangen. Oft sprach er von der ärmlichen Kindheit in seinem kleinen kroatischen Heimatdorf. Auf dem Ofen habe er im Winter sitzen müssen, damit ihm warm wurde, erzählte er Franciska Stache, einer Freundin und Kollegin. Mit vier Jahren holte ihn die Mutter, die Kosmetikerin war, nach Berlin. Die Großmutter brachte ihn zum Flughafen. „Wenn ich wiederkomme, wirst du mich nicht mehr verstehen“, sagte der Knirps.

In Berlin gehörte Dean Ladwig schnell dazu. Bald sprach er aktzentfrei Deutsch, machte Abitur und verdiente sein erstes Geld, gar nicht wenig, in einer Immobilienfirma. Er träumte davon, irgendwann als Millionär in sein Heimatdorf zurückzukehren. „Doch Dean ging es nicht nur ums Geld“, sagt Franciska Stache. Er war neugierig, las philosophische Bücher, beschäftigte sich mit der Bibel und dem Buddhismus. Er wollte Neues ausprobieren. „Ob sich eine Idee umsetzen ließ, interessierte ihn mindestens so sehr wie die Frage, ob sie Geld bringt“, sagt sie.

1995, Dean war damals 29 Jahre alt, bekam er eine der ersten AOL-Disketten in die Hand. „Damit kann man Geld verdienen“, sagte er. Ladwig kaufte ein Modem, erkundete das Internet und begann, an seiner Geschäftsidee zu basteln. In einem sieben Quadratmeter kleinen Büro arbeitete er bis tief in die Nacht. Und rauchte bis man die Luft schneiden konnte. Ein gemieteter Server in den USA, eine Art Knotenpunkt im Internet, war die Ausgangsbasis. Ladwig verkaufte Internetadressen an deutsche Firmen. Sein Geschäft vergrößerte sich schnell, die Firma zog in größere Räume, Personal wurde eingestellt.

Dean Ladwig arbeitete noch mehr, wirkte wie getrieben, wie einer, der weiß, dass er nicht viel Zeit haben wird. Und es gab immer wieder Phasen des Rückzugs. „Wenn Dean gegen elf Uhr ins Büro kam“, sagt Franciska Stache, „brachte er kaum ein ,Morgen’ zwischen den Zähnen hervor. Mit einem Kaffee und den Zigaretten verkroch er sich in seinem Büro. Stunden später riss er die Tür auf und kam wie verwandelt, voller Energie und Ideen wieder heraus.“

Die Extreme lagen bei Dean Ladwig nah beieinander. Er war sowohl kreativer Chaot, als auch von überraschender Konsequenz. „Wenn er sich etwas wirklich vorgenommen hatte, setzte er es auch um“, sagt Franciska Stache. Als er über eine Frauenbeziehung nicht hinwegkam, beschloss er, erst mal sieben Jahre lang Single zu bleiben. Daran hielt er sich. Und fand nach Ablauf der Frist sehr schnell wieder eine Lebensgefährtin.

„Dean“, sagt Franciska Stache, „war keiner, der wehmütig zurückblickte.“ Wie ein Stehaufmännchen sei er ihr vorgekommen. Wenn es Krisen gab – zum Beispiel Ende der neunziger Jahre, als seine Firma kurz vor dem Ruin stand – habe er die Realität akzeptieren und gleichzeitig in die Zukunft blicken können. Ein manchmal zynischer Optimist sei er gewesen.

Dass er es auch blieb als er von seiner Krankheit erfuhr, hat viele überrascht und manche überfordert. Für seine Firma hatte Dean Ladwig zwei Jahre zuvor gekämpft, die Firma hatte sich wieder erholt. Dem Krebs im eigenen Körper setzte der 35-Jährige keinen Widerstand entgegen. Höchstens ein halbes Jahr habe er noch zu leben, sagten ihm die Ärzte im Januar dieses Jahres – „außer es passiert ein Wunder.“

An Wunder glaubte Dean Ladwig nicht: „Ich habe zu viel gearbeitet, zu viel geraucht, ungesund gelebt, was gibt es da zu hadern?“ Er grinste breit und sagte zur Kollegin: „Einen Vorteil hat die ganze Sache. Ich hatte eine Zeit lang riesige Zukunftsängste. Die fallen jetzt weg. Ich hab’ ja keine Zukunft mehr.“

Der Tod kam dann ganz still und leise und hinterließ ein entspanntes Lächeln auf seinem Gesicht.

Der Geruch der unzähligen Zigaretten, die Dean Ladwig in seinem Büro geraucht hat, ist verzogen. Die wenigen persönlichen Sachen sind in Kisten verpackt. Nur die große Deutschlandkarte hängt noch an der Wand. Bunte Fähnchen zeugen von den Erfolgen seiner Firma. Ursula Engel

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