Wirtschaft : Gefährliche Geschäfte in der Luft

Die Fluggesellschaften bauen wieder Kapazitäten auf. Das dürfte die Preise unter Druck setzen

Keith Johnson

Die Fluggesellschaften machen sich große Sorgen wegen der Konkurrenz durch Billigflieger und die Terrorgefahr. Doch ihr größtes Problem liegt anderswo: Die Airlines überschwemmen den Markt mit zusätzlichen Flügen und größeren Maschinen. Denn sie wollen an der Erholung der Branche nach der zweijährigen Krise teilhaben. Der internationale Luftverkehr werde in diesem Jahr um etwa sieben Prozent wachsen, erwartet die Internationale Luftverkehrsvereinigung (International Air Transport Association, IATA). Doch noch stärker als die Nachfrage nach Flügen steigt das Angebot der Gesellschaften. Das ist für die finanzielle Situation der Fluglinien gefährlich, weil die Durchschnittspreise – und damit die Gewinne – weiter unter Druck bleiben.

Besonders heikel dürfte für die Fluggesellschaften der europäische Markt sein. Der erholt sich wegen des schwächeren Wirtschaftswachstums in Europa langsamer als der Markt in den USA. Noch immer liegt hier das Passagieraufkommen unter dem Niveau von 2001. Das Wachstum bei den Passagierzahlen sei „extrem niedrig“ und ein deutlicher Aufschwung zeichne sich damit noch nicht ab, teilte die Association of European Airlines (AEA) Anfang März mit.

Billigflieger wachsen schneller

Wie ihre Konkurrenten in den USA und Asien erweitern die europäischen Fluggesellschaften ihr Streckennetz, fliegen häufiger und stocken in ihren Sommerflugplänen die Kapazitäten auf. Europäische Billigflieger wie Ryanair und Easy-Jet – die weniger als 20 Prozent am europäischen Flugmarkt halten, während die Billigflieger in den USA einen Marktanteil von fast 30 Prozent halten – wachsen noch immer sehr viel schneller als die traditionellen Fluglinien. Aber auch sie wachsen heute langsamer als während der stürmischen Expansion in den vergangenen zwei Jahren. Beide europäische Billigflieger wollen ihre Kapazitäten in diesem Jahr um etwa 20 Prozent erweitern.

Für den gesamten Markt rechnen Branchenbeobachter damit, dass die großen Fluglinien in Europa, den USA und Asien ihre Kapazitäten in diesem Jahr um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr vergrößern. Damit würde der Flugverkehr zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 wieder zunehmen.

Die meisten Airlines hoffen auf einen Zuwachs im Geschäft mit Langstreckenflügen. Das war von der Krise besonders empfindlich getroffen worden. Für die Gesellschaften ist das um so schmerzhafter, weil Langstreckenflüge profitabler als Kurzstreckenflüge sind. Wenn alle Fluggesellschaften jetzt gleichzeitig ihre Kapazitäten aufstocken, ist die Gefahr groß, dass die Sitze schwerer zu füllen sein werden und die Preise fallen.

Für die Passagiere ist die Kapazitätserweiterung kurzfristig von Vorteil, nachdem in den vergangenen zwei Jahren die Airlines ihre Angebote sehr eingeschränkt hatten. Die Linien fliegen neue Ziele an und bieten mehr Langstreckenverbindungen. Das hilft Geschäftsreisenden, die sich weniger Gedanken über den Preis als über den Flugtermin machen. Ein Mehr an Kurzstreckenflügen läuft dagegen auch auf billigere Flugtickets hinaus, vor allem, da Billigflieger vier Mal so schnell wachsen wie die nationalen Fluggesellschaften. Doch das Mehr an Sitzen und Strecken ist auch für die Passagiere eine Gefahr: Zu billige oder zu viele leere Sitzplätze könnten kriselnde Fluglinien dazu bringen, verlustreiche Flugstrecken zu streichen, Personal abzubauen oder sie sogar in den Konkurs zwingen, wie es 2002 in Belgien und in der Schweiz mit den großen Fluggesellschaften geschah.

Und trotz dieser Gefahr haben die Mehrzahl der europäischen nationalen Fluggesellschaften kürzlich ihre Kapazitäten erweitert und planen für dieses und das kommende Jahr weitere Kapazitätsaufstockungen. Dazu gehört auch die Lufthansa. Die Fluglinie kündigte eine Reihe neuer Langstreckenrouten an und plant einen weiteren Ausbau ihres Flugverkehrs im Laufe des Jahres.

Welches Risiko in der Ausweitung der Kapazitäten liegt, ist einigen Managern der europäischen Fluggesellschaften durchaus bewusst. Die Flugpreise hätten sich infolge des starken Wettbewerbs „bereits sehr verschlechtert“, sagt Arturo de Benito, der bei Iberia für das Management der Flugzeugflotte zuständig ist. „Eine Kapazitätserweiterung wird die Preise wahrscheinlich weiter nach unten treiben.“ Andere Flugmanager haben nach eigenem Bekunden keine Bedenken. Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber sagt, Fluglinien reagierten nicht so empfindlich auf einen Angebotsschock. Das liege teilweise daran, dass viele Gesellschaften heutzutage durch das Leasen von Flugzeugen flexibler seien und schneller Kapazitäten abbauen könnten als früher, falls sich die zusätzlichen Kapazitäten als unrentabel herausstellen. „Vor zwei Jahren hätte ich mir Sorgen gemacht“, sagt Mayrhuber. Aber jetzt könne sich niemand leisten, bei Flügen lange Zeit Verluste zu machen.

Nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 haben weltweit Fluggesellschaften Tausende von Jets auf dem Boden gelassen, den Kauf neuer Flugzeuge aufgeschoben und Kapazitäten abgebaut, um auf den Nachfrageeinbruch zu reagieren und die Verluste einzudämmen. Unter den europäischen Gesellschaften ist KLM fast die einzige, die noch immer diese Strategie verfolgt. Die niederländische Fluggesellschaft kehrte im vergangenen Quartal wieder in die Gewinnzone zurück – eher dank eines Abbaus als einer Erweiterung der Kapazitäten.

Noch stärker als ihre europäischen Pendants haben im vergangenen Jahr die amerikanischen Fluglinien ihre Kapazitäten infolge des Irak-Kriegs und der Sars-Epidemie abgebaut. Seit der zweiten Jahreshälfte 2003 seien die Umsätze der US-Fluggesellschaft kontinuierlich gestiegen, heißt es beim amerikanischen Luftfahrtverband Air Transport Association. Das habe mit den niedrigeren Kapazitäten zu tun. Doch in diesem Jahr erweitern auch die amerikanischen Fluggesellschaften ihr Angebot. Im Februar seien weltweit 1,8 Millionen mehr Sitze verfügbar gewesen als ein Jahr zuvor, heißt es beim britischen Marktforschungsunternehmen OAG Data. Das sei ein Zuwachs von drei Prozent.

Nicht alle Marktsegmente nehmen in gleichem Maße am Wachstum teil. So schrecken die Airlines im transpazifischen Passagierverkehr davor zurück, die Kapazitäten hochzufahren. Der Grund: Die Sars-Epidemie, die Vogelgrippe und Terroranschläge haben ihnen im vergangenen Jahr viel Schaden zugefügt. Dagegen legte der Passagierverkehr nach Lateinamerika – sowohl von den USA als auch von Europa aus – nach vorläufigen Angaben im März zweistellig zu. Ein Wachstumstreiber ist auch der Luftverkehr zwischen Europa und den USA, der im März um vier Prozent anstieg.

Der Kapazitätsausbau im Luftverkehr könnte sich als kostspielig herausstellen. Graham Mockett von OAG Data: „Überkapazitäten zahlen sich nicht aus.“

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