Wirtschaft : Geheimnisvolle Fabriken sind kein Garant für den Erfolg

ULF SOMMER (HB)

Continental liegt im Rennen um die Weltspitze nur auf Rang vier / Doch die Hannoveraner werden zum Shooting-Star der AnalystenVON ULF SOMMER (HB)Es stinkt, es qualmt, der Gummi brennt: Nach jedem Formel1 Grand Prix läßt Bridgestones Chefingenieur Hirohide Hamashima alle abgefahrenen Reifen einsammeln und unter Aufsicht verbrennen.Was wie ein geheimnisvolles Ritual anmutet, ist ein knallhartes Duell der Japaner gegen den US-amerikanischen Konkurrenten Goodyear.Das Rennen auf der Piste um die besten Reifen und an der Börse um die höchsten Kurse komplettiert Michelin: Der dritte Big Player baut weiter an seinen C3M-Fabriken, eines der bestgehütetsten Geheimnisse der französischen Industrie.Dem Vernehmen nach weiß nur eine Handvoll Ingenieure, wie diese kleinen Anlagen funktionieren.Trotz Rezession in Japan und Wirtschaftskrise in den asiatischen Absatzmärkten vor der Haustür rechnet das 80000-Mann-Unternehmen Bridgestone Corporation nach seinen Rekordgewinnen 1996 und 1997 mit einer weiteren Ertragssteigerung um 2,8 Prozent.Potential sehen die Japaner in Europa, wo sie sich hinter Michelin, Continental, Goodyear und der italienischen Pirelli unterrepräsentiert sehen.Angesichts des stärkeren Exports durch den schwächeren Yen und steigender Nachfrage in den USA teilen Investmenthäuser wie Morgan Stanley und Lehman Brothers den Optimismus.Nach 362 Siegen in 33 Jahren überläßt US-Reifenhersteller Goodyear Tyre & Rubber Company den Japanern freiwillig das Formel1-Geschäft.Branchenschätzungen zufolge kostete die Amerikaner ihr Engagement allein in der vergangenen Saison 500 Mill.Dollar, doppelt soviel wie noch ein Jahr zuvor.Goodyear-Chef Samir Gibara investiert das viele Geld lieber in neue Technologien, wie in seinen "Allstahlreifen" ein aus Stahl ummantelter Gürtel.Er ermöglicht auch bei vollständigem Druckverlust noch Fahrten bis zu 80 Kilometer Entfernung.Mit dem pannensicheren EMT- (extended mobility tires) Reifen rüsten in den USA bereits General Motors und Chrysler ihre Sportwagen aus.Selbstbewußt kündigte der Ägypter Gibara an, Goodyear mit seinen 90 000 Beschäftigten bis zum Jahr 2000 zum Weltmarktführer zu trimmen.Um diesen Platz kämpft aber auch Europas führender Reifenhersteller Michelin.Ähnlich wie Goodyear arbeitet auch Michelin an pannensicheren Reifen: Ab dem Jahr 2000 soll es möglich sein, mit "Plattfuß" noch 200 Kilometer weit zu fahren.Doch Analysten zeigten den Franzosen wiederholt die gelbe Karte: Als Michelin im März eine Steigerung des Reingewinns um 34,3 Prozent auf 3,9 Mrd.Franc verkündete, stürzte die Aktie in Paris gleich um 10 Prozent auf 369 Franc ab.Hintergrund: Der Gewinnsprung entstand fast ausschließlich durch den Wegfall außerordentlicher Belastungen.Auch an höheren Umsatz- und Verkaufszahlen finden Branchenexperten einen Makel: Der Konzern schaffte es nicht, Lieferengpässe im Lkw-Markt in den USA zu beseitigen."Michelin gelang es nicht, das günstige Umfeld zu nutzen", urteilte Martin Ziegenbalg von Dresdner Kleinwort Benson und nahm den Wert auf "Halten" zurück.Ohne Formel 1 liegt die Continental AG gemessen an Umsatz- und Verkaufszahlen weit abgeschlagen auf Rang vier.Vorstandsvorsitzender Hubertus von Grünberg schmiedet seit 1991 aus dem einst defizitären Übernahmenkandidaten ein hochprofitables Unternehmen.Inzwischen schreiben auch die Bereiche Nutzfahrzeugreifen und Pkw-Erstausrüstung nach langer Durststrecke schwarze Zahlen.1999 sollen die zum Reifenbereich gehörenden Handelsgesellschaften die Gewinnschwelle erreichen.Nach hohen Ertragsverbesserungen 1996 und 1997 begann das erste Quartal mit einer Gewinnsteigerung um 85 Prozent auf 163 Mill.DM vielversprechend."Die Erfolgsgeschichte hat sich noch nicht nachhaltig im Kurs niedergeschlagen", bewerten die Analysten der Vereins- und Westbank.Phantasie verleiht nach Ansicht von Experten zudem die jüngste Fusion der Autoriesen Daimler und Chrysler, wodurch sich für Conti der US-Markt weiter öffnen sollte.

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