Wirtschaft : Gemeinsam für Europa

Die deutsche Industrie will stärker in der Türkei investieren – und das Land enger an die EU binden

Jana Gioia Baurmann

Berlin - „Die Türkei ist der ideale Partner für uns“, sagte Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Er eröffnete am Montag das erste Deutsch-Türkische CEO-Forum, zu dem mehr als 50 Wirtschaftsvertreter aus beiden Ländern nach Berlin gekommen waren. Die Türkei habe im vergangenen Jahrzehnt eine beeindruckende Wirtschaftsentwicklung vollzogen und eine wettbewerbsfähige Realwirtschaft aufgebaut, sagte Keitel. „In Zukunft können wir uns gemeinsam um die Länder des Arabischen Frühlings kümmern.“

Auch seine türkische Kollegin Ümit Boyner, Präsidentin von Tüsiad, sieht ihr Land als „Tür zu einer Region, in der zurzeit sehr viel passiert.“ Die Türkei habe die Wirtschaftskraft und Deutschland sei die treibende Kraft in Europa, sagte Boyner. Tüsiad ist der Verband türkischer Unternehmer und Partner des BDI.

Vor 50 Jahren waren durch das Gastarbeiterabkommen vor allem türkische Arbeitkräfte in Deutschland gefragt. Heute wird die Türkei, die bereits ein wichtiger Handelspartner für Deutschland ist, zunehmend auch für Investoren attraktiv. Das türkische Wirtschaftswachstum wird in diesem Jahr voraussichtlich zehn Prozent erreichen. Damit gehört der anatolische Tiger, wie die Türkei auch genannt wird, zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

Der Handel mit der Türkei laufe „hervorragend“, nun müsse man die gegenseitigen Investitionen vorantreiben, bekräftigte BDI-Präsident Keitel, vor allem in den Bereichen Energie, Umwelttechnik und Verkehr. Der Energiemarkt der Türkei wächst rasant, der Bedarf an Elektrizität soll jährlich um bis zu acht Prozent steigen. Der deutsche Energieversorger RWE will zwischen 2012 und 2014 pro Jahr rund 900 Millionen Euro in Zentral- und Osteuropa investieren – auch in der Türkei. In Denizli wird zurzeit ein Gaskraftwerk gebaut, darüber hinaus will sich RWE an der türkischen Strombörse beteiligen. Und Europa profitiert auch von der Brückenfunktion des Landes, etwa zum Kaspischen Meer, das über Öl- und Gasvorkommen verfügt. Für die Energieversorgung in Europa sei die Türkei wichtig, sagte der stellvertretende türkische Ministerpräsident Ali Babacan.

Doch es geht um mehr als nur um Energie: „Wir müssen darüber nachdenken, welche Bedeutung die Türkei in der aktuellen Situation für Deutschland hat“, gab Keitel zu bedenken. In Zeiten, in denen EU-Mitgliedsstaaten vor der Pleite stehen, käme der anatolische Tiger gelegen. Ein Plädoyer für den EU-Beitritt? Explizit möchte sich Keitel dazu nicht äußern, doch „in der Regel marschiert die Wirtschaft weit vor den politischen Prozessen.“ Keitel befürwortet eine „emotionsfreie Debatte über die EU-Beitrittsverhandlungen“, der Dialog solle „offen und fair fortgeführt werden“. BDI-Vize-Präsident Arend Oetker sagte: „Der Prozess darf nie aufhören, das Ergebnis muss offenbleiben.“ Jana Gioia Baurmann

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