Wirtschaft : Gen-Technik: Aufklärung über grüne Tomaten

Rainer Hank

Neue Technologien provozieren zum Zeitpunkt ihrer Einführung immer starke Widerstände. Das Neue ist per se verdächtig. Dass Ängste irrational sind, weiß man hinterher. Schrill wirkt aus heutiger Sicht die Angst des späten 19. Jahrhunderts vor den Gefährdungen des Reisens mit der Eisenbahn: Schwindel, Nervosität oder unvorhersehbare Sexualstörungen haben zeigenössische Verbraucherschützer damals all jenen prophezeit, die sich mit der Dampflokomotive durch die Lande ziehen ließen. Ähnlich verschreckt reagieren die Menschen heute auf die Gentechnik. Die Vorstellung, Nahrungsmittel könnten "irgendwie" anders sein, obwohl sie gleich schmecken oder aussehen, irritiert. Diese Vermutung wiegt schwerer als die Unbedenklichkeitserklärung vieler Bioethik-Kommissionen. Mehr noch: Genetische Schädlingsbekämpfung könnte ungefährlicher sein als die Keule chemischer Insektizide. Aber von diesem Grad der Differenzierung ist die Debatte weit entfernt: Fast die Hälfte der Bundesbürger ist der Meinung, natürliche Tomaten enthielten keine Gene. Da bleibt für Aufklärer noch viel zu tun. Wenn Bundeskanzler Schröder jetzt zu einem Moratorium auffordert, in welchem Genfrüchte zwar erforscht, aber nicht vermarktet werden, dann widerspricht das im Grundsatz jeder Logik des Marktes. Doch angesichts der Ängste gibt es bislang noch gar keinen Markt. Wird das Moratorium zur Aufklärung genutzt, dann entsteht auch ein Markt für grüne Produkte. Akzeptanz aber wird es nur geben, wenn die Politik sich an die Spitze der Aufklärer setzt.

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