Wirtschaft : Gen-Technologie: "Wir brauchen Vertrauen in die Eigendynamik der Märkte" (Interview)

Herr Strube[der Weltkonzern BASF hat gerade ein V]

Jürgen Strube (60) ist Vorstandsvorsitzender der BASF AG. Der promovierte Jurist ging gleich nach dem zweiten Staatsexamen 1969 zu dem Chemiekonzern. Er arbeitete zunächst im Finanzressort, dann in der Logistik. Nach langen Auslandsaufenthalten in Brasilien und den USA wurde der geborene Bochumer Anfang 1985 in den Vorstand der deutschen BASF berufen, im Juni 1990 übernahm er den Vorsitz. Strubes Konzept zielt auf eine stärkere internationale Orientierung. Erst vor wenigen Tagen erhielt die BASF die Genehmigung für den Bau eines milliardenschweren Großprojektes in China. Strubes Ziel ist es, Randaktivitäten abzustoßen und Kerngeschäftsfelder global auszubauen. Die Umstrukturierung hat allein in Ludwigshafen 10 000 Arbeitsplätze gekostet.



Herr Strube, der Weltkonzern BASF hat gerade ein Verbindungsbüro in Berlin eröffnet. Macht das Sinn? Die Musik spielt doch heute ganz woanders.

Das sehe ich anders. Der Effekt der Globalisierung wird deutlich überschätzt, der Einfluss der Politik deutlich unterschätzt. Ich lege großen Wert darauf, dass wir die starken deutschen Wurzeln der BASF pflegen. Darum müssen wir in einen fortlaufenden Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern treten. Wir wollen schließlich an der Willensbildung beteiligt sein.

Aber die Berliner Politik meint es gar nicht gut mit Ihnen. Denken Sie an die Ökosteuer. Die BASF verbraucht allein in Ludwigshafen mehr Energie als ganz Luxemburg. Da haben Sie ein Problem.

Wir haben nur dadurch ein Problem, dass die heutige Regelung der Ökosteuer bis zum Jahr 2003 begrenzt ist. Wenn wir in Ludwigshafen weiter investieren sollen, brauchen wir eine Berechenbarkeit der Kosten.

Werden Sie denn gehört in der Politik?

Auch in der Politik ist klar, dass wir aufeinander angewiesen sind. Was würde es der Politik nützen, wenn sie keine Wirtschaft hätte, die durch Investitionen Arbeitsplätze schafft, Wertschöpfung ermöglicht und damit Gewinne erzielt und mit diesen Gewinnen auch wieder zur Steuerkraft beiträgt?

Geht Ihnen die Steuerreform von Bundesfinanzminister Eichel weit genug?

Es ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, aber es könnte noch etwas weitergehen. Ich wünschte, wir hätten alle etwas mehr Vertrauen in die Eigendynamik der Märkte. Mehr Wachstum bedeutet mehr Steueraufkommen. Mehr Steueraufkommen bedeutet mehr Entlastung für den Haushalt, und das wiederum mehr Investitionsmöglichkeiten. Darum sollten wir nicht bei jeder Steuerentlastung gleich wieder eine Gegenfinanzierung fordern und dabei vergessen, dass manche Gegenfinanzierung schon antizipiert wurde. Das so genannten Steuerentlastungsgesetz war für die Großunternehmen eher ein Steuerbelastungsgesetz.

Warum legen Sie so viel Wert auf die deutschen Wurzeln der BASF?

Der Aufbruch in die Welt kann nicht dadurch stattfinden, dass man hinter sich die Schiffe verbrennt. Wettbewerbsstärke muss man zuallererst aus dem Heimatmarkt schöpfen. Das ist bei uns inzwischen nicht nur Deutschland, sondern Euroland. Erst als zweiten Heimatmarkt hat die BASF heute die Nafta ...

also die amerikanische Freihandelszone ...

und ist damit über Deutschland hinaus zu einem transatlantischen Unternehmen gewachsen.

Dennoch sieht es so aus, als wollten Sie sich aus Deutschland verabschieden. Sie verlagern immer mehr Unternehmensbereiche ins Ausland.

Die richtigen Gesprächspartner findet man nur dort, wo die großen Märkte sind. In der Pharmazie oder im Pflanzenschutz ist das heute nicht mehr in Deutschland, sondern in den USA und Großbritannien.

Liegt das an der deutschen Politik?

Nicht nur. Wir haben in Deutschland lange Zeit nur die Risiken, nicht die Chancen gesehen. Andere Länder haben die Chancen früher erkannt.

In der Biotechnologie scheint Deutschland den Anschluss langsam zu finden.

Zumindest auf dem Gebiet der "roten" Gentechnologie - mit der Zielrichtung Pharmazie - hat sich in den letzten Jahren eine Änderung zum Besseren ergeben. Dafür haben wir heute eine Zustimmungsrate in der Bevölkerung von über 80 Prozent. In dieser Branche entstehen viele Arbeitsplätze, viele Unternehmen stehen vor dem Börsengang.

Bei der grünen, der Agrar-Biotechnologie, überwiegt dagegen die Ablehnung. Woran liegt das?

Das liegt vor allem daran, dass für den Verbraucher noch kein unmittelbarer Nutzen erkennbar ist. Den haben bisher nur die Erzeuger der Pflanzenschutzmittel und die Farmer.

Wie wollen Sie das ändern?

Wir wollen die grüne Gentechnologie auf andere Ziele lenken. Dann wird auch die öffentliche Meinung umschwenken. In Soja finden Sie zum Beispiel natürliches Vitamin E. Wenn es gelingt, den natürlichen Anteil zu steigern, dann hätten wir auf einmal eine neue Quelle für das Vitamin. Und wenn es gelingt, Pflanzen zu züchten, die weniger Wasser verbrauchen oder mehr Hitze aushalten, ist der Nutzen für den Verbraucher eher ersichtlich als bei einer Anti-Matsch-Tomate, die besonders widerstandsfähig gegenüber einer Zahnbürste ist.

Wieviel Geld ist Ihnen das wert?

Für die Pflanzenbiotechnologie wollen wir in den nächsten zehn Jahren 700 Millionen Euro an laufenden Aufwendungen aufbringen. Für Akquisitionen werden wir weitere Mittel aufwenden. Im Pflanzenschutzbereich wollen wir sehr viel stärker wachsen als bisher.

Sie haben doch gerade erst für 3,8 Milliarden Dollar die Pflanzenschutzsparte von American Home Products gekauft.

Dafür sind wir jetzt auch weltweit die Nummer drei im Pflanzenschutz. Wir werden weitere Unternehmen zukaufen, wenn sich eine Chance bietet.

Welche Folgen hat die Entschlüsselung des menschlichen Genoms für die Pharma-Industrie?

Durch die Entschlüsselung ist ein Türspalt geöffnet. Aber es wird sehr viel Forschungsaufwand erfordern, diese Tür ganz aufzustoßen. Für die pharmazeutische Industrie ist es hochinteressant, dass man die Zusammenhänge, die zu einer Krankheit führen, verstehen lernt und dann zielgerichtet nach bestimmten Medikamenten suchen kann. Dadurch werden die Kosten und der Zeitaufwand für die Entwicklung neuer Medikamente deutlich sinken.

In der Weltrangliste der Pharmakonzerne liegt die BASF nur auf Rang 30. Denken Sie nicht daran, die Pharmasparte ganz zu verkaufen?

Entscheidend ist nicht, wie groß ein Unternehmen ist, sondern ob es ihm gelingt, auf einigen Indikationsgebieten in die Spitzengruppe vorzustoßen und Zugang zu wichtigen Märkten zu finden.

Dazu gehören auch die USA. Seit dem 7. Juni ist die BASF an der New Yorker Börse notiert. Was hat Ihnen der Börsengang gebracht?

Er hat uns die Möglichkeit eröffnet, unsere Aktie den amerikanischen Anlegern und unseren Mitarbeitern in Nordamerika anzubieten. Außerdem wollen wir die Aktie als Akquisitionswährung nutzen.

Was wollen Sie denn akquirieren?

Wir wollen in den Bereichen zukaufen, in denen die BASF schon Stärken hat. Anders als in Deutschland hat die Pflanzenbiotechnologie in den USA eine Weltspitzenposition, so dass Akquisitionen hier natürlich von großem Interesse sind.

Wann wird es soweit sein?

Das weiß ich heute noch nicht.

Ärgert es Sie nicht, dass Anleger Millionen in die New Economy pumpen, während die Aktienkurse der Old Economy, also auch die Chemie- und Pharmatitel, auf niedrigem Niveau vor sich hindümpeln?

Ich hoffe immer noch, dass die Anleger irgendwann auch auf die BASF-Aktie kommen. Bei starkem Dollar und schwachem Euro eine BASF-Aktie zum gegenwärtigen Kurs zu kaufen, ist doch geradezu ein Schnäppchen ...

Was könnte Anleger an der BASF faszinieren?

Wir wollen in den nächsten drei Jahren unseren Gewinn jeweils um wenigstens zehn Prozent steigern. Außerdem wollen wir Aktien im Wert von bis zu zwei Milliarden Euro zurückkaufen. Damit haben wir einige Fixpunkte am Aktionärshimmel aufgezeigt, die potenziellen Aktionären Mut machen sollten, die Aktie zu kaufen.

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