"Generation Null" : Neue Einwanderungswelle rollt auf Deutschland zu

Sie sind Ärzte, Ingenieure und IT-Experten. Doch in ihrer Heimat haben sie kaum Chancen auf eine Zukunft. Viele junge Griechen, Spanier und Portugiesen suchen sich deshalb Arbeit in Deutschland.

Claudia Obmann,Anne Grüttner
Es reicht. Ende Mai demonstrierten Spanier auf dem Platz Puerta del Sol in Madrid gegen die Wirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit in ihrem Land.
Es reicht. Ende Mai demonstrierten Spanier auf dem Platz Puerta del Sol in Madrid gegen die Wirtschaftskrise und die hohe...Foto: AFP

Sie hat es so satt, sich mit Nebenjobs durchzuschlagen. Statt weiter Supermarkt-Kunden neue Produkte schmackhaft zu machen, verlässt die junge spanische Architektin Cristina Garcia jetzt ihre Heimat. Richtung Deutschland. Um endlich eine Stelle zu finden, die ihrem Bildungsniveau entspricht. Dafür lässt sie Freunde und Familie zurück. Der Flug ist gebucht, ihr Koffer gepackt.

Von der Uni in die Arbeitslosigkeit: Drei Jahre hat die Spezialistin für nachhaltige Städteplanung und Erneuerbare Energie daheim vergeblich eine Stelle gesucht. Sie klapperte nahezu alle Architekturbüros in Madrid ab, doch „viele hatten zugemacht, die übrigen reduzierten Stellen und Gehälter, um zu überleben“, berichtet die 29-Jährige. Dann las sie, dass in Deutschland junge Akademiker knapp sind, paukte am Goethe-Institut Deutsch, um sich dann im Ausland zu bewerben.

Mehrsprachig, international erfahren – Cristina Garcia gehört zur bisher am besten ausgebildeten Generation von Südeuropäern, geradezu prädestiniert dazu, am Aufbau einer modernen Gesellschaft mitzuwirken. Doch nun will sie wie viele andere junge Ärzte, Ingenieure und Computerfachleute nur noch weg. Denn in Spanien, Griechenland, Portugal und Italien schaffen sie oft nicht den Sprung ins Berufsleben. Im Gegenteil, die jungen Spanier werden von ihren Landsleuten inzwischen als „Generation Null“ bezeichnet, weil sie wegen der Wirtschaftskrise und der Beschäftigungsstruktur kaum Chancen am Stellenmarkt haben.

Eine neue Gastarbeiterwelle rollt auf Deutschland zu. „Angesichts von Jugendarbeitslosenquoten der bis zu 24-Jährigen von 41, 32 und 27 Prozent in Spanien, Griechenland und Italien gilt Deutschland mit 9,9 Prozent vielen Südeuropäern als Traumland“ , sagt Integrationsministerin Maria Böhmer. Migrationsforscher rechnen deshalb mit einigen Zehntausend neuen Migranten aus Spanien, Portugal und Griechenland in den nächsten Jahren. Diesmal sind es aber nicht Kumpel und Kollegen für die Produktion wie in der Vergangenheit, sondern ambitionierte Akademiker zwischen 25 und 35. Sie wollen für die Exportnation Deutschland Produkte entwickeln, neue Märkte erschließen oder internationale Verträge gestalten.

In Spanien ist die Aufbruchsstimmung offenbar am größten: Die Fach- und Führungskräftevermittlung (ZAV) der Bundesagentur, die ausländisches Personal für deutsche Arbeitgeber sucht, vermeldet von dort 17 000 Job-Interessenten. Vor allem IT-Spezialisten und Ingenieure bringt die ZAV inzwischen auf speziellen Bewerbertagen in Barcelona und Madrid, demnächst dann auch in Athen, mit deutschen Arbeitgebern in Kontakt. Wie beim Speed-Dating können deutsche Personalmanager dann vor Ort im 30-Minuten- Takt Kandidaten kennenlernen.

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