Wirtschaft : Germany’s Next Bahn-Model

Show im Multiplexkino für die neuen Azubis.

Markus Fischer

Berlin - Für Maik ist schon die Stadt Berlin sehr aufregend, stammt er doch aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Cottbus. Suchend schaut er sich um: Als er das Sony Center am Potsdamer Platz entdeckt, muss er über sich selbst lachen. Wie konnte er das Hochhaus nur übersehen? Im Multiplexkino hat die Deutsche Bahn einen ganzen Saal für ihre rund 380 neuen Auszubildenden aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gebucht. Gerade 21 Jahre alt ist Maik. Nach der zehnten Klasse hat er das Gymnasium abgebrochen und dann eine Elektrikerausbildung gemacht. Seine Gelassenheit hat ihm dabei geholfen, die Bewerberauswahl bei der Bahn zu überstehen. Erst das Schreiben, dann ein Wissenstest und zum Schluss das Auswahlgespräch. Wenn er davon erzählt, wirkt es wie ein Spaziergang.

Nun soll er zum „Elektroniker für Betriebstechnik“ ausgebildet werden und sich um die Elektrik in den Bahnanlagen kümmern. Bevor er damit anfängt, bekommt er von seinem Arbeitgeber aber noch eine Show geliefert. Der Kinosaal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Maik zieht sein Nadelstreifenhemd zurecht, bevor er sich hinsetzt, unweit von ihm sitzt ein Kollege in kurzen, abgewetzten Hosen und grünem T-Shirt. Die ersten zaghaften Versuche, sich kennenzulernen, werden jäh unterbrochen, als die Musik aufgedreht wird und ein aktueller Popsong mit wuchtigen Bässen durch den Saal dröhnt. Zwei Moderatoren stürmen unter großem Applaus auf die Bühne vor der Leinwand, sie werden in den nächsten zwei Stunden die Einheizer und Alleinunterhalter geben. Das ganze Ambiente soll sagen: Die Bahn ist jugendlich und cool. Dabei setzt der Konzern nicht nur auf laute Musik, sondern bedient sich auch beim Quoten-Hit von Ex-Model Heidi Klum: Als die „Bahn Next Top Models“ auftreten, glänzen die Augen von Sarah aus Berlin. Die Bahn-Modenschau gefällt der zukünftigen Servicemitarbeiterin. In den typischen Blautönen, wie sie jeder Bahnreisende kennt, präsentieren Auszubildende älterer Jahrgänge ihre Arbeitskleidung. Einige „Bahn-Models“ laufen schüchtern die Treppe zur Bühne hinab und trauen sich kaum aufzusehen, andere marschieren sichtlich stolz über die Stufen, zeigen sich dem Publikum von allen Seiten.

Die Chancen dafür, dass Sarah den blauen Blazer mit passendem Rock, weißem Hemd und roter Krawatte auch bald tragen wird, stehen gut, denn über 90 Prozent der Auszubildenden werden übernommen, sagt eine Unternehmenssprecherin. Die Bahn stellt immer mehr Auszubildende ein. Im Jahr 2010 waren es etwa 2900, dieses Jahr beginnen 3700 ihre Ausbildung. Das hat vor allem mit der alternden Belegschaft des staatseigenen Konzerns zu tun. Fast die Hälfte der knapp 200 000 Mitarbeiter in Deutschland ist älter als 50 Jahre. In den kommenden Jahren gehen etwa 80 000 in den Ruhestand. Unter ihnen sind auch die Großeltern von Sarah. Sie ist bereits das neunte Familienmitglied, das für die Deutsche Bahn arbeiten will. Und so nimmt sie es wörtlich, als die Moderatoren zum Schluss in ihre Mikrofone brüllen: „Herzlich willkommen in der Familie der Eisenbahner!“ Maik sieht die Präsentation etwas nüchterner: „Nette Show, aber eine Familie ist die Bahn für mich nicht. Das ist ein Betrieb, in dem ich arbeiten werde.“ Markus Fischer

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