Wirtschaft : Gertrud Rögler

Geb. 1944

Kirsten Wenzel

Sie machte sich nichts aus Titeln. Aber mit Titel hätte sie es viel weiter gebracht. Wo kauft man eigentlich dünne Strümpfe in Berlin? Die „Röglerin“ wusste so ziemlich alles, aber wo man Nylons für ein langes Kleid bekam, das lag nun wirklich außerhalb ihrer Zuständigkeit, da fragte sie doch lieber ihre Freundin.

Große Brille, schlichter Rundschnitt, ungeschminkt: Um ihr Aussehen machte sie normalerweise wenig Aufsehen. Doch für den Anlass musste es sein: Sie stand auf der Gästeliste, als ihre Cousine den Nobelpreis für Medizin verliehen bekam. Ein Termin in Stockholm mit sehr strenger Etikette, für den es sich standesgemäß, wenn auch ohne übertriebene Aufregung, vorzubereiten galt.

Dass ihre Cousine sie dabei haben wollte, lag auf der Hand. Schon als Kinder hatten sie zusammen gespielt; Gertrud hatte längst begriffen, worüber die erfolgreiche Verwandte sprach, wenn von der drosophila melanogaster die Rede war, als das für den Rest der auch nicht ganz ungebildeten Familie noch nach böhmischen Dörfern klang. Zwei Frauen, die für die Wissenschaft lebten, die sich über Biologie und Medizin mühelos verständigten. Die Cousine forschte in Heidelberg, Gertrud Rögler arbeitete als Ärztin in der Infektionsmedizin im Virchow-Krankenhaus in Wedding. Aids gehörte zu ihrem Gebiet, der Kampf gegen mulitresistente Bakterien, Malaria und tückische Tuberkulosen. Ein Feld, auf dem man logisch denken und viel wissen muss: Mit welchem Gegner, welcher Herkunft, welcher Variation hat man es zu tun? Mosaiksteine zusammenlegen, um die Ecke denken, den richtigen Zeitpunkt der Erkenntnis abwarten statt zu schnell ein Medikament zu verschreiben – das lag ihr, und damit rettete sie viele Leben.

Zur Entspannung löste sie das Kreuzworträtsel der „Zeit“, saugte Weltwissen in sich auf: die Kultur der Nabbathäer, deutsche Geschichte, jüdisches Leben, alles übers Theater bis zu Erstaufführungsdaten und auch wer im Krankenhaus mal mit wem verheiratet war. Eine wandelnde Infosäule für Freunde, Kollegen, Bekannte: Anruf genügt.

Sie hatte keine Kinder, keinen Mann, war immer einteilbar für Nacht- und Wochenenddienste, beliebt, nicht nur, weil sie gut gelaunt die Wetten bei der Fußball-WM auf der Station organisierte. Sie verließ die Station erst, wenn alle Patienten versorgt waren, ein Vorbild für die Studenten und Ärzte im Praktikum. In der Traueranzeige der Klinik heißt es: „eine hervorragende Ärztin, eine große Persönlichkeit, eine fachliche Institution“. So eine, sollte man meinen, müsste es weit bringen. Doch als Gertrud Rögler sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen ließ, war sie, trotz jahrzehntelanger Erfahrung, immer noch die kleine Assistenzärztin.

Warum? Eine Kollegin erinnert sich, wie sich die Frauen in den Anfangsjahren besonders unter Beweis stellen mussten, gefordert, aber nicht gefördert wurden. Die Männer machten Karriere, die Frauen waren die „Wasserträgerinnen der Station“. Die Röglerin mit ihrem preußischen Pflichtgefühl, den hohen moralischen und beruflichen Standards fügte sich der Aufteilung. Sie machte sich nichts aus Titeln, eine Achtundsechzigerin, versäumte vor lauter Dienst am Patienten das Promovieren, verachtete mild die Autisten unter den Kollegen, denen es mehr ums Fortkommen als ums richtige Arztsein ging. Sie sagte: „Ich promoviere nur mit einer richtigen wissenschaftlichen Arbeit oder gar nicht“, dabei blieb es. Mehr Sein als Schein – damit kommt man nicht weit im titelverliebten Krankenhausbetrieb.

Der Doktortitel fehlte – da nützte noch so viel Kompetenz und Erfahrung nichts. Im Gegenteil: Welchem Chef gefällt es schon, wenn er sich bei Diskussionen belehren lassen muss? „Konjunktive gab es in ihrem Leben nicht“, sagt eine Freundin – sie sagte, was sie dachte, was sie wusste. Ihre Freunde schätzten ihre Geradlinigkeit; doch beruflich machte sie ihr das Leben nicht leichter.

Bei Freunden und Familie hatte sie es nicht nötig, um Anerkennung zu kämpfen, hier galt sie als Kapazität. Ihr 60. Geburtstag wurde im Haus der berühmten Cousine gefeiert, mit Festvortrag über Malaria-Epidemologie. Sie wohnte an den Gleisen des S-Bahnhofs Charlottenburg, fuhr mit dem Rad zur Arbeit, rauchte wie ein Schlot. Einen Kollegen gab es mal, über den sie auffällig wohlwollend sprach. Mehr nicht. Dass ihr etwas fehlte, hat sie nie gesagt. So aufgeschlossen sie in Gesprächen war, so sehr sie als Patentante am Familienleben anderer Anteil nahm – ihr Körper signalisierte Zurückhaltung. Da war etwas Herbes in ihrem so vernünftigen, hellen Wesen, das ihr Innerstes gut beschützte. Man scheute sich, sie in den Arm zu nehmen, sagt die Freundin, man hatte Angst, es könnte ihr nicht recht sein.

Wenn sie nicht gerade im Theater war, lag sie am liebsten mit einem Buch auf dem Sofa. Das Chaos auf ihrem Schreibtisch begutachtend, sagte sie achselzuckend: „Die Entropie schreitet fort.“ Das war der gemütliche „Badenser Touch“ aus ihrer Heimat.

Als sie in Ruhestand ging, sorgte man sich zunächst, was sie nun treiben würde, so ganz ohne die Klinik. „Altenpflege“, antwortete sie, weil sie sich seit Jahren um eine demente Tante kümmerte. Es wurden nur sechs glückliche Monate, in denen der Druck des Berufsethos langsam von ihr abfiel. Bis der Bruder und die Nichte zum Abendessen zu Besuch waren und sie sagte: „Ich brauche einen Notarzt.“ Nie war sie in ihrem Leben krank gewesen. Jetzt beschrieb sie dem Rettungspersonal präzise: Der Brustschmerz strahlt hoch bis ins Kinn. Herzinfarkt. Man brachte sie auf die Intensivstation, in die Klinik, in der sie über 35 Jahre ihren Dienst versehen hatte. In der Nacht wachte die ganze Familie, auch die Cousine, an ihrem Bett. Die Kollegen bemühten sich stundenlang um sie. Vergeblich. Ihr Herz war schon zu sehr verletzt.

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