Gesellschaftsforschung : Mehr Armut trotz Wachstums?

Die von Armut Bedrohten werden zwar mehr, aber sie werden nicht ärmer, erklärt Holger Lengfeld von der Universität Leipzig.

Holger Lengfeld
Armut ist relativ: Unterm Strich geht es den Armen des Landes heute besser als früher.
Armut ist relativ: Unterm Strich geht es den Armen des Landes heute besser als früher.Foto: epd

Armut ist ein ärgerlicher Umstand. Wer arm ist, dem fehlt das Nötigste zum Leben, und er oder sie fühlt sich vom sozialen Leben ausgeschlossen. Seit rund zehn Jahren aber wächst die Wirtschaft, und die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Da verwundert, was die Schlagzeilen jüngst über Befunde wissenschaftlicher Studien berichteten: „Armutsbericht 2017: Deutschland erreicht Negativrekord“ (Südwestrundfunk); „Vier Millionen trotz Arbeit armutsgefährdet“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“); „Jedem fünften Kind in Deutschland droht die Armut“ („Berliner Morgenpost“). Werden also immer mehr Menschen von der positiven Entwicklung abgehängt?

Die Antwort auf diese Frage hat mit wissenschaftlicher Statistik zu tun, mit dem Wandel am Arbeitsmarkt und Veränderungen der Art, wie wir leben wollen. Um das Rätsel zu lösen, muss man sich die Studien genauer ansehen.

Die Löhne der Mittel- und Oberschichten haben stärker zugelegt

In Gesellschaften wie unserer wird Armut statistisch mit Bezug auf den Durchschnitt aller verfügbaren Einkommen bestimmt. Von Einkommensarmut bedroht ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat, das ein Haushalt wirklich ausgeben kann. Dabei werden alle geldlichen Zuflüsse berücksichtigt, wie Nettolöhne, Renten, Zinserträge und Sozialleistungen. Für eine alleinstehende Person im eigenem Haushalt liegt die 60-Prozent-Schwelle monatlich derzeit bei rund 1000 Euro.

Wie neueste Studien zeigen, ist die Zahl der Menschen mit Einkommen unterhalb der 60-Prozent-Schwelle seit gut 15 Jahren größer geworden. Sie liegt derzeit bei etwa 16 Prozent.

Die wichtigste Ursache dafür ist: Die Bruttolöhne der Mittel- und Oberschichten haben zeitgleich stärker zugelegt als die der unteren Schichten. Allerdings zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dass seit 2010 auch die Bruttolöhne der Geringverdiener messbar gestiegen sind.

Armut-Statistiken werden oft falsch interpretiert, sagt Holger Lengfeld.
Armut-Statistiken werden oft falsch interpretiert, sagt Holger Lengfeld.Foto: promo

Fast alle haben heute mehr als früher

Die statistische Armutsberechnung überdeckt damit, dass der Wohlstand fast aller Menschen zugenommen hat. Aber weil sich die Löhne ungleich entwickeln, verschiebt sich der 60-Prozent-Schwellenwert nach oben. Das führt dazu, dass manche trotz Erwerbstätigkeit in die Zone der Armutsgefährdung rutschen, obwohl sie sogar mehr als zuvor verdienen. Dies betrifft oft Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation, die – häufig in Teilzeit – schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs ausüben, etwa bei Lieferdiensten oder im Rahmen von haushaltsnahen Dienstleistungen.

Eine Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) belegt darüber hinaus: Zwischen 1991 und 2015 haben die fünf Prozent der Ärmsten reale Verluste beim verfügbaren Einkommen erlitten, alle anderen aber haben Zugewinne verbucht.

Dies ist nur scheinbar ein Widerspruch zur Beobachtung, dass sich die Bruttolöhne auseinanderentwickelt haben. Denn der Sozialstaat sorgt durch Umverteilung dafür, dass sich die Schere, die sich zwischen den Bruttolöhnen der oberen und unteren Schichten der Gesellschaft öffnet, bei den verfügbaren Einkommen wieder weitgehend schließt. Dennoch verbleibt ein kleiner Spalt. Genau der ist für einen Teil des Anstiegs des Armutsrisikos verantwortlich.

Single-Haushalte sind stärker gefährdet

Hinzu kommt, dass man das Armutsrisiko differenziert betrachten muss. Jüngere, die in einem Haushalt alleine leben, haben das höchste Armutsrisiko unter allen Haushalten. Wer allein lebt, hat höhere Wohnkosten, was sein verfügbares Einkommen reduziert und das Armutsrisiko erhöht. Der Anteil dieser Wohn-Singles ist seit 15 Jahren deutlich gestiegen.

Auch Studierende gelten als armutsgefährdet, aber nur bis zu dem Tag, an dem sie mit dem Examen in der Tasche auf den Arbeitsmarkt treten. Weil die Zahl der Studierenden in den letzten fünf Jahren um über 100 000 wuchs, stieg – man ahnt es – auch die Gesamtzahl der von Armut Bedrohten.

Gleiches gilt für die Flüchtlinge, die seit 2015 nach Deutschland eingewandert sind. Bevor die meisten von ihnen hierzulande Arbeit gefunden haben, dauert es einige Jahre. Bis dato sind sie statistisch arm.

Und schließlich geht auch ein Teil des Anstiegs der Kinderarmut darauf zurück, dass immer mehr biologische Eltern entscheiden, nicht mehr zusammen, sondern getrennt leben zu wollen. Besonders dann, wenn sie Teilzeit arbeiten, sind Alleinerziehende sehr oft arm.

Flüchtlinge müssen von vorn anfangen

Fazit: Die von Armut Bedrohten werden statistisch zwar mehr, aber sie werden zumeist nicht ärmer. Das aber widerspricht dem Alltagsverständnis, wonach Anstieg von Armut heißt, dass sich die Lage der Betroffenen real verschlechtert. Und es kommt noch ein Aspekt hinzu: Die statistische Zunahme der Armut ist auch die Folge dessen, dass sich unsere Art, wie wir selbstbestimmt leben wollen, geändert hat.

Dieser Widerspruch zwischen Armutsstatistik und Alltagsverständnis wird in den jüngsten Medienberichten kaum thematisiert. Das kann zu falschen Interpretationen führen. Hier wünsche ich mir mehr journalistischen Mut, den Leserinnen und Lesern auch kompliziertere Sachverhalte zuzumuten, um ihnen ein abgewogenes Urteil zu ermöglichen. Denn Niedriglöhne in Verbindung mit Teilzeitarbeit und Kinderarmut sind größere gesellschaftliche Probleme als die Lage der Studierenden, die nur temporär über ein geringes Einkommen verfügen, oder die materielle Situation der meisten Flüchtlinge in unserem Land, die verständlicherweise von vorne anfangen müssen, um sich einen bescheidenen Wohlstand aufzubauen.

Einiges am jüngsten Anstieg der Armut ist zweifellos brisant. Darüber kann und muss man politisch streiten, nicht nur in Zeiten des Wahlkampfs. Eines aber ist es nicht: ein Rätsel.

Holger Lengfeld ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig und Forschungsprofessor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW)

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