Gestörte Leitung : Wann wird in Deutschland das Gas knapp?

Nachdem Russland seine Gaslieferungen an die Ukraine drastisch gekürzt hat, kommt es in Teilen Europas zu Engpässen. Das wirft viele Fragen auf.

Kevin Hoffmann Barbara Junge
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Der staatliche russische Gasmonopolist Gasprom hat nach eigenen Angaben am Dienstag deutlich weniger Erdgas über die Ukraine an europäische Kunden geliefert als üblich. 65 Millionen Kubikmeter strömten über Pipelines gen Westen, in den Tagen zuvor hatte die Liefermenge angeblich noch 300 Millionen Kubikmeter betragen.

Wie wichtig ist Russland als Gaslieferant für Deutschland?

Russland deckt 37 Prozent des deutschen Erdgasbedarfs und ist damit der wichtigste Lieferant – vor Norwegen mit 26 Prozent und den Niederlanden mit 18 Prozent. Deutsche Gasquellen reichen für 15 Prozent des heimischen Bedarfs. Jeweils vier Prozent des Gases stammen aus Großbritannien und dänischen Quellen. Russland pumpt etwa 80 Prozent des Gases für Westeuropa über vier Pipelines, die durch die Ukraine laufen. Wegen des bilateralen Konflikts funktionieren diese nur sehr eingeschränkt. Ein kleiner Teil des russischen Gases fließt durch die Jamal-Europe-Pipeline, die durch Weißrussland und Polen verläuft.

Wie viele Verbraucher sind betroffen?

Fast jede zweite Wohnung in Deutschland wird mit Gas beheizt – insgesamt rund 18 Millionen Haushalte. Bei den Neubauwohnungen sind es sogar zwei Drittel, wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft mitteilt. Die Abhängigkeit vom Gas nimmt also eher zu als ab. Die größten Importeure sind die Eon-Ruhrgas und der Chemiekonzern BASF, die Gas weiterverkaufen. Beide Konzerne sind über Tochterunternehmen mit der Gasprom verbunden.

Welche Folgen hat der Konflikt für Berliner Gaskunden?

Vorläufig keine. Das behauptet zumindest der wichtigste Regionalversorger Gasag, der rund 90 Prozent aller Kunden in Berlin versorgt. Als Begründung verwies ein Sprecher am Dienstag darauf, dass die sechs Lieferanten der Gasag ihren Rohstoff aus ganz Europa und Nordafrika beziehen. Allerdings sind einige der Gasag-Lieferanten direkt von der russischen Gasprom abhängig oder in ihrem Besitz. Die drei wichtigsten Gaslieferanten der Gasag sind der größte deutsche Importeur Ruhrgas (gehört zu 100 Prozent dem Essener Versorger Eon), Wingas (ein Gemeinschaftsunternehmen der Gasprom und der BASF-Tochter Winter shall) sowie die VNG (Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft), wichtigster ostdeutscher Gasimporteur mit Sitz in Leipzig. Auch an diesem Unternehmen hält die Gasprom eine Minderheitsbeteiligung.

Wie lange würden die Vorräte bei einem Totalausfall reichen?

Die Versorger betreiben in Deutschland 46 große unterirdische Gasspeicher. Darin befindet sich nach Angaben der Gasindustrie genug Gas, um Deutschland für 40 Wintertage zu versorgen. Die Berliner Gasag speichert den Rohstoff 800 Meter unter der Hauptstadt in porösem Gestein. Insgesamt fasst der Speicher 680 Millionen Kubikmeter, ist laut Gasag gut gefüllt und könnte die Hauptstadt auch versorgen, wenn der Konflikt mehrere Wochen anhalten sollte. Allerdings verbrauchen die Berliner bei dem derzeitigen Wetter besonders viel: Bei einer Außentemperatur von minus fünf Grad Celsius muss die Gasag rund ein Viertel mehr Gas bereitstellen als bei null Grad. Wenn wie derzeit sogar Temperaturen um minus zehn Grad herrschen, liegt der Verbrauch sogar 50 Prozent höher. Insofern hängt es auch vom Wetter ab, ob die Krise Folgen für die Stadt haben könnte.

Wer trägt eigentlich die Schuld an der aktuellen Situation?

Der russische Bär kann das Brüllen nicht lassen, und die Ukraine schlüpft in die Rolle des Opfers, um Unterstützung durch die EU zu erhalten. So in etwa fasst Alexander Rahr, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), den aktuellen Konflikt zusammen. Beide Konfliktparteien tragen nach Rahrs Ansicht ihren Anteil an der Zuspitzung der Situation und damit an den Lieferengpässen in Europa. Russland, das das Ultimatum an die Ukraine ausgerechnet wieder zur härtesten Frostzeit gesetzt hat und so nicht nur der Ukraine, sondern auch der Europäischen Union beweisen wolle, wie abhängig man von Russland und seinem Gas ist. Die Ukraine, indem sie den Bären zum Brüllen reizt und die Europäische Union damit ganz materiell unter Druck setzt, sich auf die Seite der Ukraine zu schlagen.

Um allerdings beurteilen zu können, wer konkret die Lieferengpässe zu verantworten hat, müsste man wissen, wer wann welche Schalter betätigt. Denn die Ukraine wirft Russland vor, die Lieferungen nach Europa ganz stoppen zu wollen. Gasprom wiederum benennt die Ukraine als das Land, das eigenmächtig die Lieferungen reduziert habe.

Wer könnte in dem Konflikt vermitteln, und welche Rolle spielt die EU?

DGAP-Experte Rahr fordert eine Kontrolle vor Ort. Die EU, deren Ostflanke ganz konkret gefährdet ist, müsse an der Überwachung des russischen Gases über die Ukraine teilnehmen. Dann könne man auf Grundlage der Informationen in den Konflikt eingreifen. Dafür müssten jedoch qualifizierte Delegationen sowohl in die Ukraine als auch nach Russland geschickt werden. Bisher jedoch hält sich die EU abgesehen von Appellen weitgehend aus dem Streit heraus und vermeidet Schuldzuweisungen.

Die tschechische Ratspräsidentschaft hat vorsichtige Vermittlungsversuche unternommen, ist allerdings nicht uneingeschränkt die beste Vermittlerin. Zwar kennen sich die Tschechen in der Ukraine natürlich bestens aus und sind nahe genug an dem Konflikt, um ihn beurteilen zu können. Andererseits erschwert die Nähe zur Ukraine und die bekannt russlandkritische Position auch eine Verhandlungsführung, die von der russischen Seite akzeptiert wird. Eines der Themen, die Tschechien gerade auf die Agenda für seine Ratspräsidentschaft gesetzt hat, ist eine europäische Perspektive für die Ukraine.

Wie steht es um die geplante Ostsee-Pipeline?

Als Gerhard Schröder kurz nach seinem Auszug aus dem Bundeskanzleramt Vorsitzender des Aktionärsausschusses des Nordstream-Konsortiums wurde, hielt man das in Deutschland für wenig schicklich. Auf die Ostsee-Pipeline von Nordstream selbst indes konzentrieren sich deutsche wie europäische Hoffnungen. Sie würde Deutschland – wenn auch ohne vergleichbare Monopolstellung – in eine Verteilerrolle bringen, die heute die Ukraine innehat. Eine Abhängigkeit von den ukrainisch- russischen Beziehungen zumindest wäre Vergangenheit.

Die geplante sieben Milliarden Euro teure Pipeline soll bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas vom russischen Wyborg nach Greifswald transportieren. Zudem plant Gasprom im mecklenburgischen Hinrichshagen Europas größten Erdgasspeicher. Dort sollen einmal zehn Milliarden Kubikmeter Gas lagern – 15 Mal so viel, wie die Gasag unter Berlin bunkert.

Über welche Wege könnte Deutschland noch versorgt werden?

Derzeit laufen mehrere Bauvorhaben, die Europas Gasversorgung sicherstellen sollen. Darunter ist die Nabucco-Pipeline, ein acht Milliarden Euro teures Projekt, durch das 2013 voraussichtlich erstmals Gas aus Aserbaidschan und Zentralasien über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich strömen wird. Bis 2020 könnten dann bis zu 31 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr durch die 3300 Kilometer lange Röhre transportiert werden. Die schon bestehende Jamal-Europa-Pipeline, die von der Halbinsel Jamal in Nordrussland nach Frankfurt/Oder verläuft, soll verstärkt werden. Die Transportkapazität der Leitung soll bis 2010 auf 67 Milliarden Kubikmeter pro Jahr mehr als verdoppelt werden. Die Galsi-Pipeline könnte nach der voraussichtlichen Fertigstellung 2012 jährlich bis zu zehn Milliarden Kubikmeter Gas aus Algerien nach Italien transportieren. Die Transmed- Pipeline wiederum hat eine Kapazität von 27 Milliarden Kubikmeter pro Jahr und verläuft von Algerien über Tunesien nach Italien. Sie soll um 6,5 Milliarden Kubikmeter ausgebaut werden.

Wie stark sind die europäischen Nachbarländer betroffen?

Westliche Nachbarn wie Großbritannien spüren die Auswirkungen derzeit kaum. Die ehemaligen Ostblockstaaten und Länder Mitteleuropas dafür um so härter – die Slowakei rief am Dienstag bereits den Gasnotstand aus, weil die Liefermenge aus dem Osten über Nacht um 70 Prozent reduziert wurde. Der Versorger SPP drohte, nun jederzeit die Gasversorgung einzelner Großabnehmer komplett abzustellen. Zwar verfügt die Slowakei über Gasreserven für 70 Tage. Angesichts des derzeit kalten Wetters reiche aber der Druck in den Systemen nicht, um die Reserven komplett in Umlauf zu bringen, teilte der Wirtschaftsminister des Landes mit.

Österreich erreichte am Dienstag nur noch zehn Prozent der üblichen Gasmengen. Nach Angaben des Versorgers OMV konnte dies aber durch eigene Reserven ausgeglichen werden. Auch in Slowenien sanken die Lieferungen von russischem Gas um 90 Prozent. In Kroatien, Bulgarien und Mazedonien kommt angeblich überhaupt kein russisches Gas mehr an. Auch Ungarn erhielt am Dienstag kein russisches Erdgas. In Polen und Tschechien kommen zwar noch etwa 20 bis 30 Prozent der Gasmenge an. Die polnische Regierung in Warschau sieht sich dennoch gezwungen, die Gasversorgung für die Industrie zu kürzen. Auch Italien, nach Deutschland der zweitgrößte Gasprom-Kunde in der EU, erhält nur zehn Prozent der üblichen Liefermengen. Das Industrieministerium in Rom teilte mit, Gasimporte aus anderen Kanälen sollten nun erhöht werden.

Wem schadet der Streit, wer profitiert?

Am Ende verlieren alle, die mit Gas handeln. „Wir bedauern diese Krise, weil sie den ganzen Rohstoff in ein schlechtes Licht rückt“, sagte Gasag-Sprecher Klaus Haschker dem Tagesspiegel. Über 35 Jahre versorgt das Unternehmen die Verbraucher mit Gas, und nie sei es zu einem Engpass für die Kunden gekommen, sagt er. Einige Kunden könnten jetzt genötigt sein, auf andere Energieträger umzusteigen. Profiteure der Krise sind Länder wie Algerien und Iran. Zwar sind viele Staaten über langfristige Lieferverträge an die Russen gebunden. Die Krise dürfte jedoch dazu führen, dass die Verbraucherländer nach anderen Lieferanten suchen. Die Türkei fragte schon einmal beim Nachbarland Iran nach. Da zeigte man sich sofort bereit, mehr Gas zu liefern.

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