Gewerkschaft : Der IG Metall geht es um mehr

Die Gewerkschaft fordert Lohnerhöhungen zwischen sieben und acht Prozent- und mehr Gerechtigkeit. IG-Metall Chef Hubert nennt die Forderung "maßvoll".

Alfons Frese

Frankfurt am Main - Mit der höchsten Lohnforderung seit 16 Jahren zieht die IG Metall in die kommende Tarifrunde. Zwar sei die wirtschaftliche Lage derzeit „mehr als unübersichtlich“, wie Gewerkschaftschef Berthold Huber einräumte. Doch die Erwartungen der Arbeitnehmer seien nicht zuletzt wegen der Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln so hoch wie seit Jahren nicht.

Der Vorstand der Gewerkschaft beschloss am Montag in Frankfurt am Main, den regionalen Tarifkommissionen eine Forderung in der Bandbreite von sieben bis acht Prozent zu empfehlen. Nach Hubers Meinung ist das maßvoll und bleibt sogar unter der Erwartung der meisten Beschäftigten. Die endgültige Forderung beschließt die IG Metall in zwei Wochen.

In der deutschen Metall- und Elektroindustrie arbeiten knapp 3,6 Millionen Personen. Die Tarifverhandlungen beginnen im Oktober, für Anfang November kündigte Huber die ersten „Kampfaktionen“, also Warnstreiks an: Die IG Metall werde schnell Druck aufbauen, um noch im November zu einem Abschluss zu kommen, denn „das Christkind sitzt uns im Nacken“. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bezeichnete die Forderungsempfehlung als „unberechtigt und gewaltig überzogen“. Auch der Tarifpartner der IG Metall, der Arbeitgeberverband Gesamtmetall, wies die Forderung zurück. „Wir können froh sein, wenn wir im nächsten Jahr überhaupt wachsen“, sagte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser.

Huber erläuterte die Empfehlung mit der erwarteten Inflationsrate von 2,5 Prozent im nächsten Jahr sowie der prognostizierten Produktivitätssteigerung um 1,5 Prozent. Zuzüglich zu diesem sogenannten verteilungsneutralen Spielraum fordert die IG Metall einen Gerechtigkeitszuschlag. Huber sprach von einem „ungerechten Aufschwung“. Zwischen 2004 und 2007 seien die Nettogewinne der Metallfirmen „um sagenhafte 220 Prozent gestiegen“, die Realeinkommen der Beschäftigten aber nur um zwei Prozent. „Der Aufschwung ist für eine massive Umverteilung von unten nach oben genutzt worden“, sagte Huber. In dieser Tarifrunde, die die IG Metall unter das Motto „Es geht um mehr“ stellt, gehe es daher auch um Gerechtigkeit.

Nach Berechnungen der IG Metall erreichen die Betriebe in diesem Jahr mit 4,2 Prozent eine Netto-Umsatzrendite wie zuletzt 1965. Und in der Elektroindustrie und im Maschinenbau seien die Auftragsbücher noch immer so voll, dass auch im kommenden Jahr ein Produktionswachstum bis zu fünf Prozent möglich sei.

Kannegiesser dagegen meinte, die Branche werde im Jahresdurchschnitt „eher unter als über der Null-Linie liegen“. Seit Beginn des Aufschwungs vor knapp drei Jahren sind in der Metallindustrie rund 230 000 Arbeitsplätze neu geschaffen worden. Die Arbeitgeber führen das nicht zuletzt auf die relative Lohnbescheidenheit zurück. Jedenfalls sind die Lohnstückkosten, die das Verhältnis von Arbeitskosten und Produktivität abbilden, seit Jahren rückläufig. In der Folge verbesserte sich vor allem die Wettbewerbsposition auf den Weltmärkten. So erhöhten sich die Exporte in den vergangenen acht Jahren um fast zwei Drittel, während der private Konsum nach Angaben der IG Metall gleichzeitig mit einem Zuwachs um 2,3 Prozent beinahe stagnierte.

Die Gewerkschaft zieht daraus die Schlussfolgerung, dass nun angesichts der sich abschwächenden Weltkonjunktur die Binnennachfrage forciert werden müsse: und zwar mit einem kräftigen Tarifabschluss. Alfons Frese

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