Wirtschaft : Gigabell als heilsamer Schock: Analysten erwarten weitere Zusammenbrüche, aber keine Pleitewelle

bfr

Den drohenden Zusammenbruch des Frankfurter Internet- und Kommunikationsunternehmens Gigabell werten Aktienanalysten als Warnschuss für Anleger, dem weitere folgen werden. Am Anfang werde dies zwar nicht den gesamten Neuen Markt, so aber doch ganze Bereiche des Marktes belasten. Dies werde der Markt aber dann wieder abschütteln, eine Pleitewelle sei nicht zu erwarten. "Wir werden im nächsten halben Jahr wohl noch ein, zwei weitere Pleiten erleben, aber das ist nicht weiter dramatisch", sagte Michael Eisenbeis von der Bankgesellschaft Berlin. Manche Neulinge im Internetgeschäft hätten ähnlich wie Gigabell eine hohe cash-burn-rate, also hohe Marketing-Ausgaben zur Gewinnung von Kunden, wobei zugleich die Umsätze deutlich hinter den Erwartungen zurückblieben.

Nach Einschätzung der DG Bank könnte sich Gigabell als "heilsamer Schock" für den Neuen Markt erweisen. "Das tut dem Neuen Markt nicht weh und wird eher einen positiven Effekt haben. Hoffentlich ist es für viele auch ein heilsamer Schock", sagte ihr Neuer-Markt-Experte Uwe Wulf. Vor allem Privatanlegern müsse deutlich werden, dass "Börse keine Einbahnstraße" mit garantierten Gewinnen sei. Aktionäre hätten jedoch die Pflicht, sich über die Unternehmen zu informieren, an denen sie sich beteiligen. Entscheidend sei aber, dass gerade der Neue Markt mit seinen mehr als 300 Gesellschaften "ein Risikomarkt" sei. Pleiten seien da zwangsläufig.

Gigabell hatte am Freitag als erstes Unternehmen am Neuen Markt ein Insolvenzverfahren wegen drohender Zahlungsunfähigkeit beantragt. Eine angelsächsische Investorengruppe sei mit der Erfüllung eines am 25. August unterzeichneten Vertrages in Verzug geraten, hieß es zur Begründung.

Der Fall Gigabell beschäftigt auch das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe). "Da kucken wir uns natürlich an, wie die Dinge gelaufen sind", sagte BAWe-Präsident Georg Wittich am Montagabend vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. Die Behörde interessiere sich vor allem dafür, ob Gigabell rechtzeitig die Anleger über die Schieflage informiert hat. Außerdem prüfe die Aufsicht, ob vor dem Insolvenzantrag noch größere Aktienbestände verkauft worden seien.

Am Dienstag berichtete Gigabell von neuen Anfragen für mögliche Beteiligungen oder Übernahmen. Die Nachhaltigkeit oder Ernsthaftigkeit aller Anfragen sei jedoch noch nicht geprüft worden. Sie zeigten aber, dass es nach wie vor für das Unternehmen Hoffnung auf Fortbestand gebe. Nach dem dramatischen Kursrutsch sprang die Aktie am Dienstag zeitweise um fast 20 Prozent nach oben. Andere stark gefallene Werte wie Infomatec, die wegen Falschinformationen in Ad-hoc-Meldungen in Verruf geraten war, sowie Metabox und Fortunecity konnten sich teilweise ebenfalls etwas erholen oder zumindest das niedrige Kursniveau halten.

Die Wertpapieraufsicht will gegen nichtssagende und verschleiernde Pflichtmitteilungen von Aktiengesellschaften strenger vorgehen. Die Behörde hat die Unternehmen bereits in einem Rundschreiben darauf hingewiesen, dass die Ad-hoc-Mitteilungen nicht für Werbezwecke missbraucht werden dürfen. "Wir hoffen nun, dass eine Besserung eintritt", sagte Aufsichts-Präsident Georg Wittich. Andernfalls müssten die Regeln im Zuge des nächsten Finanzmarktförderungsgesetzes verschärft werden. Zum Schutz der Anleger seien möglicherweise auch schärfere Instrumente der Handelsaufsicht nötig. Beispielsweise möchte die Behörde bei Internet-Dienstleistern Personalien von Nutzern abfragen können, um der Herkunft gezielter Falsch-Tipps nachzugehen. Das BAWe warnt schon seit längerem vor Gerüchten, die in Internet-Chaträumen zur Kursmanipulation gestreut werden. Der BAWe-Präsident kündigte zudem bis zum Jahresende einen Entwurf der nationalen Aufsichtsbehörden für eine europaweit einheitliche Richtlinie zum Anlegerschutz an.

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