Wirtschaft : Großaktionär fordert den Rücktritt von Boehm-Bezings

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Geveart-Chef André Leysen wirft dem Aufsichtsratschef Versäumnisse vor. Die Deutsche Bank will sich aus Industriebesitz zurückziehenfo

Carl von Boehm-Bezing, Aufsichtratsvorsitzenden bei Philipp Holzmann, soll von den Aktionären abgewählt werden. Das hat André Leysen, Chef der belgischen Gevaert-Holding, am Wochenende gefordert. Gevaert war bisher Holzmann-Mehrheitsaktionär. Leysen schließt sich damit dem Antrag der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) an. Wenige Tage nach der außerordentlichen Hauptversammlung des angeschlagenen Frankfurter Baukonzerns, die ein 3 Milliarden Mark schweres Sanierungspaket schnürte, zieht Leysen damit weitere Konsequenzen aus dem Holzmann-Debakel. Leysen will seine Gründe für diese Entscheidung dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, nach Rückkehr aus dessen Urlaub zunächst persönlich darlegen.

Der Gevaer-Chef beklagte, dass immer noch nicht geklärt sei, zu welchem Zeitpunkt die erneuten Milliardenverluste bei Holzmann hätten erkannt werden müssen beziehungsweise tatsächlich erkannt worden seien. Auf die Frage, ob er selbst im Laufe der letzten Wochen neue Erkenntnisse gewonnen habe, sagte Leysen nur: "Man lernt jeden Tag dazu." Weitergehend will er sich vorerst zu diesem Thema nicht äußern. Unter diesen Umständen werde Gevaert jetzt den DSW-Antrag auf der für Anfang März vorgesehenen neuen Holzmann-Hauptversamlung unterstützen.

Gevaert N.V. und Deutsche Bank werden nach den letzten Donnerstag beschlossenen Kapitalmaßnahmen ihre Rollen als Großaktionäre tauschen: Gevaert wird künftig 13 Prozent statt 30,4 Prozent an Holzmann halten, die Deutsche Bank 28 statt bislang 15 Prozent. Leysen hatte von Anfang an die Sanierung des Baukonzerns unterstützt, wollte aber keine Finanzmittel mehr einbringen. Die Verwässerung der Beteiligungshöhe im Zuge des jetzt eingeleiteten Kapitalschnitts mit anschließender Wiederaufstockung war somit in Kauf genommen worden. Er habe nichts dagegen, wenn die Deutschen Bank den Nachfolger für Boehm-Bezing stelle, sagte Leysen. Er habe Schwierigkeiten mit Boehm-Bezing, nicht mit der Deutschen Bank: "Ich sehe es als normal an, dass die Deutsche Bank jemanden nominiert. Wer den Aufsichtsrats-Vorsitz halte, hänge traditionell von der Größe der Beteiligung ab.

Leysen hätte als mit Abstand größter Einzelaktionär durchaus im Dezember die Ablösung Boehm-Bezings betreiben und möglicherweise auch durchsetzen können. Einen solchen Antrag hätte Gevaert aber bereits Ende November stellen müssen, sagt Leysen. Und zu diesem frühen Zeitpunkt sei es einfach unmöglich gewesen, eine Übersicht über alle Vorgänge zu bekommen, die zu dem Desaster führten.

Der Geveart-Chef erneuerte am Sonntag seine grundsätzliche Kritik an der Praxis der deutschen Unternehmenskontrolle. Interessenkonflikte seien bei Bankenvertretern in Aufsichtsräten programmiert. Bei Holzmann komme erschwerend hinzu, dass es bei der Aufarbeitung der Vergangenheit auch um die Beziehungen zur Deutschen Bank gehen könne. So gesehen habe Carl von Boehm-Bezing seinen Abgang aus dem Aufsichtsrat bei der Hauptversammlung am 30. Dezember verpasst, sagte Leysen.

Die Hauptversammlung am vergangenen Donnerstag hatte ein Sanierungskonzept gebilligt, das den Abbau von insgesamt rund 5000 Stellen im Konzern vorsieht. Zudem soll das Grundkapital auf 5,7 Millionen Euro von derzeit 148,1 Millionen Euro herabgesetzt und anschließend auf 13,3 Millionen Euro erhöht werden. Boehm-Bezing lehnte bei der Aktionärsversammlung einen Rücktritt ab. Er habe erst im Herbst von den existenzbedrohenden Verlusten bei Holzmann erfahren; der Aufsichtsrat und auch er als Vorsitzender hätten auf Grundlage des Kenntnisstands immer pflichtgemäß gehandelt.

Die Deutsche Bank ist sich nicht sicher, ob Holzmann in Zukunft selbstständig bleiben werde. Der Chef der Deutschen Bank, Rolf E. Breuer, sagte am Sonntag, im Interesse der Sanierung des Baukonzerns wäre es positiv, Holzmann würde Teil eines größeren Verbundes. Die Deutsche Bank wolle ihre Industriebeteiligungen ohnehin eher zurück fahren. "Hier macht Holzmann keine Ausnahme." Im Sanierungsfall Holzmann hat Bundeskanzler Gerhard Schröder nach Ansicht von Breuer nur eingreifen können, weil die beteiligten Bankvorstände sich nicht hätten einigen können. "Das Kreditgewerbe hat dem Kanzler eine Vorlage gegeben und er hat den Ball ins Tor gekickt", sagte Breuer. Die Deutsche Bank habe von Anfang an auf der Basis der Sanierungsfähigkeit des Holzmann-Konzerns ein Rettungsmodell befürwortet. Dies sei aber trotz hartnäckiger Verhandlungen im Wege der Solidarität des Kreditgewerbes nicht zu erreichen gewesen.

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