Wirtschaft : Günter Stock im Interview: "Die Pharmaindustrie hat eine goldene Zukunft"

Herr Stock[nach der Entschlüsselung des mens]

Günter Stock (56) ist Forschungs-Vorstand des Berliner Pharmakonzerns Schering. Nach dem Medizinstudium in Heidelberg habilitierte er im Fach Physiologie. 1983 kam er zu Schering., seit 1989 sitzt er im Aufsichtsrat. Stock, der Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ist, ist neben Vertriebs-Vorstand Ulrich Köstlin und Personal-Vorstand Hubertus Erlen aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Schering-Chef Giuseppe Vita. Mit der Entscheidung wird noch im September gerechnet. Zu seinen Chancen wollte Stock sich im Interview nicht äußern.



Herr Stock, nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts ist die Rede von einer "biotechnologischen Revolution", dem Anbruch eines neuen Zeitalters. Erwartet die Pharmaindustrie eine goldene Zukunft?

Wir werden die nächsten zehn Jahre gut damit beschäftigt sein, das herauszufinden. Bisher hatten wir in der Pharmaindustrie 500 biologische Strukturen als "Zielscheiben" für Medikamente. Heute können wir auf der Basis dieses Wissens um biologische "Targets" rund 20 Prozent der bekannten Krankheiten behandeln. Wenn wir verstanden haben, welche Funktion die entschlüsselten Gene haben, wird diese Zahl - optimistisch gerechnet - auf mindestens 10 000 Targets ansteigen. Danach werden wir viele Jahre damit beschäftigt sein, für diese Zielmoleküle Wirkstoffe zu entwickeln. Die Medizin hat eine goldene Zukunft - und damit auch die pharmazeutische Industrie.

Patienten setzten große Hoffnung darauf, dass mit Hilfe der Gen-Analyse individuelle Medikamente entwickelt werden. Die werden vielleicht besser wirken als bisherige, sind aber auch teurer. Wer soll das bezahlen?

Wenn es gelingt, vernünftige Therapien für kleinere Gruppen von Patienten zu machen, können wir Krankenhauskosten sparen, Arbeitszeit länger erhalten, die Lebensqualität steigern, länger leben. Wenn wir die Gesamtkosten betrachten, dann wird es günstiger. Wenn Sie die Rechnung dagegen ausschließlich im Gesundheitssystem durchführen, dann wird es unter Umständen teuer. Darum müssen wir lernen, über die Töpfe hinaus zu schauen. Wenn wir das gelernt haben, dann wird vielleicht auch die Diskussion ein bisschen einfacher.

Auf dem deutschen Pharmamarkt liegt der Marktanteil deutscher Firmen nur noch bei 40 Prozent. Geht es noch weiter nach unten?

Ich bin nicht pessimistisch. Ich halte die Gesundheitsindustrie in Deutschland für einen sehr interessanten Wachstumsmarkt. Es gibt keine Industrie, die so breit gefächerte Jobchancen hat. Da ist noch viel Potenzial.

Um die Kosten des Gesundheitssystems zu begrenzen, wird seit langem über die Einführung einer Positivliste diskutiert. Ist das der richtige Weg?

Mit der Idee, nur noch wirksame Medikamente zuzulassen, habe ich kein Problem. Aber eine Positivliste birgt die Gefahr, dass die Breite des Angebots eingeschränkt wird. Nehmen Sie die orale Verhütung: Es gibt verschiedene Pillen, aber Frauen vertragen nicht alle gleich gut. Dass Verträglichkeit und individuelle Ansprechbarkeit unterschiedlich sein können, wird bei der Diskussion um eine Positivliste leicht vergessen. Eine Einheitsmedizin ist sehr gefährlich. Patienten und Ärzte müssen wählen können.

Sehen Sie Chancen für eine Positivliste?

Nein. Ich glaube nicht, dass der Staat so intelligent reglementieren kann, wie es in einer Positivliste sein müsste.

Die Entwicklung eines neuen Medikaments kostet mehrere Millionen Dollar. Lohnt sich diese Investition noch, wenn die Medikamente nur noch für kleine Patientengruppen entwickelt werden?



Die ganz großen Pharma-Konzerne, die immer auf Blockbuster schielen...

also Medikamente, die im Jahr mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz einbringen...

werden nicht viel gewinnen durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Wir werden die Krankheiten in Zukunft in kleinere, speziellere Krankheitsgruppen unterteilen müssen. Schering dagegen konzentriert sich auf Spezialmärkte und ist relativ gut positioniert.

Aber die Entwicklungskosten sind doch für Schering genauso hoch.

Wir attackieren zusehends komplexe Krankheitsbilder, die bisher nicht ausreichend behandelt werden, etwa in der Krebsforschung oder der Neurologie. Auch solche Märkte bringen drei-, vier-, fünfhundert Millionen Euro Umsatz. Für eine Firma unserer Größe ist das hochinteressant.

Die ethischen Grenzen der Genforschung werden heftig diskutiert. Wie weit darf Forschung gehen?

Auf die Frage, wie man mit embryonalen Stammzellen umgehen soll, gibt es keine eindeutige Antwort. Aber wir haben in Deutschland Gesetze, die Stammzellentherapie verbietet. Ob das dem entspricht, was in zehn Jahren in der Medizin notwendig sein wird, bezweifle ich. Um den Anschluss an die internationale Forschung nicht zu verlieren, brauchen wir so schnell wie möglich eine klare Meinung in der Gesellschaft.

In Deutschland sind viele neue Biotech-Firmen entstanden. Haben diese Unternehmen das Potenzial, große Konzerne zu werden?

Wir machen jetzt nach, was wir in den USA seit acht Jahren beobachten können. Dort sind aus kleinen Gründungen wenige selbstständige, integrierte Pharmafirmen wie Amgen oder Biogen entstanden. Es ist sehr schwer, eine Pharmafirma zu werden. Die eine oder andere Biotech-Gründung wird es aber auch in Europa schaffen.

Sehen Sie Biotech-Firmen als Konkurrenten?

Für uns sind sie eine große Chance, Technologie und Produkte von außen hereinzuholen. Dafür geben wir 28 Prozent unseres Forschungsetats aus. Wir können gar nicht alle Technologien selbst entwickeln. Wir konkurrieren auf anderem Gebiet: Das enorme Kapital, das in die neuen Biotech-Firmen fließt, zieht erfahrene Leute ab. Über Stock-Option-Programme, also Mitarbeiterbeteiligungen, können sie mehr bezahlen.

Sie wollen sich stärker in den USA engagieren. Warum ist dieser Markt so wichtig?

Die USA machen 40 Prozent des Weltmarktes aus. Dort gibt es freie Preise und ein sehr innovationsfreundliches Klima. Der Markt ist wissenschaftlich sehr interessant. Wenn sie ein globaler Spieler sein wollen, müssen Sie in den USA zeigen, dass sie es können.

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