Wirtschaft : Gürkan Kesici

Geb. 1967

Stephan Reisner

Die paar Möwen am Spreeufer fand er viel zu zierlich. Ein Gedicht schreibt man nicht einfach so hin, erklärte er seiner Freundin. Es kommt auf die Stimmung an. Man muss mit seiner Umwelt in einem osmotischen Verhältnis stehen. Dann erst kommen die Worte. Oft erinnerte er sich mit leuchtenden Augen an seinen Großvater in Istanbul, der ihm und den Kindern aus der Nachbarschaft stundenlang Geschichten erzählte. Der Großvater besaß das, was Gürkan an seinem Vater so vermisste: Einfühlungsvermögen. Vielleicht kam Gürkan deshalb zur Literatur. Vielleicht aber verlor er deshalb auch irgendwann das Vertrauen in ein höheres Geschick. Tatsache ist, dass Gürkan Kesici den Freitod wählte, um sich vom Schmerz am Leben zu befreien.

In Gütersloh kam er zur Welt, doch bald nach seiner Geburt schickte der Vater die Familie zurück nach Istanbul. Er versprach, so schnell wie möglich nachzukommen. Dann ließ er sich scheiden.

Gürkan wuchs in der Wohnung der Großeltern auf. Der Blick aus dem Haus ging direkt aufs Wasser, ein paar Schritte, und er stand am Bosporus. Istanbul blieb für ihn zeitlebens die schönste Stadt der Welt. Er liebte die maritime Atmosphäre, die kleinen Fischrestaurants und vor allem die Möwen, große Exemplare mit wuchtigen Schnäbeln und stolzen Flügeln. Die paar Möwen am Berliner Spreeufer fand er viel zu zierlich.

Er lernte zu fischen und Fische zuzubereiten. Dann war sein Vater plötzlich wieder da. Die Familie vermittelte zwischen den geschiedenen Eheleuten. Aber der Vater neigte zur Trunksucht, und war er einmal angetrunken, wurde er handgreiflich. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn endete so lieblos, wie es begonnen hatte. Gürkan spielte mit Freunden auf der Straße, als man ihn ins Haus rief. Er solle nun von seinem Vater Abschied nehmen. Dem hatte jemand im Streit ein spitzes Werkzeug in die Brust gerammt. Gürkan warf einen letzten Blick auf den Toten. Losgelassen hat ihn dieser Anblick nie.

In der Türkei lernte er Anfang der Neunziger eine deutsche Urlauberin kennen, heiratete sie und zog nach Berlin. Lange hielt die Ehe nicht.

Oft dachte Gürkan daran, eine Anthologie über Möwen herauszugeben. Denn noch mehr als Möwen liebte er nur die Literatur. „Bücher verdrückte er wie Brot“, sagt seine Freundin: Türkische Klassiker von Sabahattiu Ali, Gegenwartsautoren wie Tomris Uyar und Bilge Karasu, europäische Moderne in türkischer Übersetzung, Gedichte von Erich Mühsam im Original. Oft hielt er Freunden literarische Referate. Er konnte hinreißend erzählen.

Seit Ende der Neunziger arbeitete er für Radio Multikulti, seit 2001 moderierte er die Büchersendung „Kitap Kurdu“, Bücherwurm. Er bastelte Jingles zusammen, sprach seine kurzen Buchkritiken, berichtete von Neuigkeiten aus der Literaturszene und animierte Redaktionsmitglieder, Gedichte vorzulesen.

Gürkan hatte hohe moralische und ästhetische Ansprüche. Wenn ihm ein arrivierter Autor mit einem Mal zu populistisch schrieb, ließ er ihn gnadenlos fallen. Wenn Literatur zum billigen Konsumgegenstand verkam, so war ihm das ein Graus. Einmal begann er, einen Roman im Stil von Ahmet Altan zu schreiben. Er wollte zeigen, nach welchem Muster Bestseller gestrickt sind. Der Spaß daran verging ihm, als das Manuskript zur Hälfte fertig war.

Die Hölle, das waren sicher nicht die anderen, sondern etwas in seinem Kopf, etwas, das immer wiederkehrte und ihn nicht losließ: die dunkle Seite der Vergangenheit, der Vater, der eine oder andere Versuch, das Buch des Lebens umzuschreiben, schließlich der Alkohol, mit dem er seine Depressionen zu ertränken suchte. Die besten Lehrsätze der Therapeuten verwandelten sich in spröde Alltagsformeln. Gürkan Kesici legte sich aufs Sofa, schluckte Tabletten, schloss die Augen und schlief ein. Wie ein ausgelesenes Buch klappte er sein Leben zu.

„Wenn der Mensch schon nicht über seine Geburt entscheiden kann, dann sollte er wenigstens über seinen Tod bestimmen dürfen“, hatte er mal gesagt.

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