Wirtschaft : Gute Wirtschaftspolitik ist verdichtete Wahrheit

Erhard-Preis an Weidenfeld und Lambsdorff

Lorenz Maroldt

Berlin - Der Laudator hatte die Gesellschaft im vollen Konferenzsaal des Ludwig-Erhard-Hauses freundlich gewarnt: Vor nichts und niemandem, sagte also Peter Gillies, vor keinem Thema und keiner Person scheue Ursula Weidenfeld zurück. Und so musste sich niemand wundern, als die stellvertretende Tagesspiegel-Chefredakteurin kurz darauf eine klare und durchaus provokante Rede hielt, an deren Ende sie den Vorsitzenden der Erhard-Stiftung auch noch fragte, ob sie den ihr zugedachten Preis dennoch behalten dürfe. Aber ja doch!

Ursula Weidenfeld und der mit ihr ausgezeichnete Otto Graf Lambsdorff wurden geehrt für ihre ordnungspolitische Haltung, die auch im oft wechselnden öffentlichen und politischen Wind eine verlässlich feste ist. So bekamen beide am Dienstagabend für ihre langjährige Arbeit und die dabei erworbenen Verdienste den renommierten Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik verliehen. Dass der frühere Bundeswirtschaftsminister Lambsdorff ihn nicht längst schon erhalten hat, also erst jetzt in die ehrenwerte Reihe der Preisträger aufgenommen wird, überraschte offenbar selbst die Jury. Man habe erst in den eigenen Unterlagen nachschauen müssen, berichtete der Stiftungsvorsitzende und langjährige Leiter des FAZ-Wirtschaftsressorts Hans D. Barbier.

Bei Lambsdorff würdigte die Jury das „Eintreten für die soziale Marktwirtschaft, insbesondere für die Durchsetzung und die Erhaltung ihres wirtschaftlichen Kernelementes – des Wettbewerbs“. In seiner Dankesrede hielt Lambsdorff ein Plädoyer für die Offenheit der Kapitalmärkte. Er wandte sich damit gegen Überlegungen der Bundesregierung, sensible Branchen und Unternehmen gegen die Übernahme durch ausländische Staatsfonds zu schützen.

Ursula Weidenfeld beschäftigte sich in ihrer Dankesrede mit der Frage, wie viel Wahrheit und wie viel Dichtung die Wirtschaftspolitik brauche. Kurz zusammengefasst lautet die Antwort, wenn richtig verstanden, sinngemäß so: Eine gute, weil aussichtsreiche Wirtschaftspolitik verdichtet die eine Wahrheit so, dass diese in eine andere übergeht. Mehr dazu ist demnächst in dieser Zeitung zu lesen.

Förderpreise wurden auch vergeben. Sie gingen an Philipp Krohn (Deutschlandfunk) und Daniel Schäfer („FAZ“) sowie an Juliane Fliegenschmidt, Julia Friedrichs und Eva Müller, die eine moralinfreie Reportage für den WDR über das Leben von Arbeitslosen und ihren Familien gefilmt haben.

Und da hinter allen das Bild Ludwig Erhards stand und über allem sein Handeln und Reden, zitierte ihn Ursula Weidenfeld so: „Die Wirtschaft hat nicht ein Eigenleben im Sinne eines seelenlosen Automatismus, sondern sie wird von Menschen getragen und von Menschen geformt.“ Deshalb wohl wird über sie auch weiter gerätselt, geforscht und gestritten werden. Lorenz Maroldt

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