Wirtschaft : Gutes neues Jahr

Ein neuer Flughafen, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, ein doppelter Abiturjahrgang: Was Berlin erwartet.

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Zeitenwechsel. Berliner Experten prognostizieren ein gutes Jahr – solange der Euro relativ stabil bleibt. Foto: dpa
Zeitenwechsel. Berliner Experten prognostizieren ein gutes Jahr – solange der Euro relativ stabil bleibt. Foto: dpaFoto: dpa

Eigentlich sah es so aus, als würde das neue Jahr ganz gut starten. Der Chef der Arbeitsagentur, Frank-Jürgen Weise, konnte im Dezember 2011 vor die Kameras treten und die niedrigste Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 20 Jahren verkünden. Auch für Berlin verhießen die Zahlen Gutes. Im Dezember waren 8670 weniger Menschen ohne Job als zum Jahresende 2010. Und auch das Einkommen ist gestiegen. Laut Statistikern hat ein Berliner Arbeitnehmer im letzten Quartal des Jahres pro Monat 2774 Euro verdient, 4,2 Prozent mehr als 2011. Selbst die Azubis haben profitiert. In Westdeutschland gab es 2,9 Prozent mehr Lohn, im Schnitt 708 Euro im Monat, im Osten 4,9 Prozent mehr, durchschnittlich 642 Euro monatlich.

In dieser Woche nun haben Wirtschaftsexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin aber das Ende des konjunkturellen Aufschwungs und damit des Jobwunders Deutschland für 2012 vorausgesagt.

Die Hauptstadt kommt voraussichtlich dennoch ganz gut weg. „Die Berliner Konjunktur hat sich in der Finanzkrise als recht robust erwiesen“, sagt Bernhard Schodrowski von der Industrie und Handelskammer (IHK) Berlin. Weil die Berliner Wirtschaft wenig exportiert und deshalb auch weniger darunter leidet, wenn der Euro schwächelt und in Europa oder anderswo weniger konsumiert wird. Zwei Prozent ist die Wirtschaft im Jahr 2011 gewachsen. 2012 soll es, so prognostiziert der Senat, noch ein Prozent sein.

Wenn der Euro nicht den Bach runter geht, stehen die Chancen gut, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiter entspannt, meint Schodrowski. Der Koalitionsvertrag der neuen Regierung werde die Wirtschaft weiter stärken. Und das hat Berlin bitter nötig. Im Dezember waren 218 697 Menschen ohne Job. Die Arbeitslosenquote lag bei 12,8 Prozent. Bundesweit waren es 6,6 Prozent. Ein schwacher Trost ist es, dass die Berliner Quote im Vergleich zum Vorjahr um 0,7 Prozent gesunken ist.

Der Sprecher der Arbeitsagentur Berlin Olaf Möller ist optimistisch. „Die Tendenz von 2011 wird sich fortsetzen“, sagt er. Dazu soll auch das neue Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt beitragen. Und das ist nicht das Einzige, was 2012 an Neuem bringt.

DIE WACHSTUMSBRANCHEN

Die von Kammern und Senatsverwaltung verfasste Liste der Wachstumsbranchen ist lang. Dazu gehören die Gesundheitswirtschaft, die Industrie, die Energietechnik, Verkehr und Logistik, Informationstechnologien, Medien, die Kreativwirtschaft, optische Technologien, die Ernährungswirtschaft und das Gastgewerbe. Im Handwerk seien Fachkräfte gefragt, die sich mit neuen Umwelttechnologien und dem Einsatz regenerativer Energien auskennen. „Jedes fünfte Unternehmen plant 2012 neue Mitarbeiter zu beschäftigen“, sagt Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (HWK) Berlin. Arbeitsagentur-Sprecher Möller hebt den Dienstleistungssektor, die Kommunikationsbranche, die Gesundheitsbranche und den Tourismus hervor. Für Callcenter, Dialogmarketing, Versicherungen, Büro und Verwaltung seien Mitarbeiter gesucht. Buchhalter, Therapeuten, Pfleger und Ärzte hätten gute Jobchancen. Rund 30 000 freie Stellen listet die Jobbörse der Arbeitsagentur in diesen Tagen.

DER DOPPELTE ABITURJAHRGANG

2012 verlassen zwei Abiturjahrgänge die Schulen, die Wehrpflicht fällt weg – damit drängen mehr junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. 1100 zusätzliche Ausbildungsplätze, davon 500 in der Berliner Verwaltung sind für die weiteren Bewerber geplant. Laut Senatsverwaltung wird das Angebot den Bedarf annähernd decken: Nach Erfahrungswerten entscheide sich rund ein Fünftel eines Jahrgangs für eine Ausbildung. In diesem Sommer würden gut 6000 Jugendliche zusätzlich die Gymnasien verlassen. Es werden voraussichtlich also rund 1200 Ausbildungsplätze mehr benötigt.

ARBEITSPLATZ FLUGHAFEN

Der Flughafen Schönefeld, der am 3. Juni an den Start geht, habe sehr positive Effekte auf den Arbeitsmarkt, auf Dienstleistungen wie auf technische Berufe, sagt Schodrowski von der IHK. 1600 Unternehmen der Handelskammer hätten davon direkt oder indirekt profitiert.

Und nach wie vor sind Mitarbeiter gesucht. In der Internet-Stellenbörse der Berliner Flughäfen sind aktuell zum Beispiel Stellen für Systemplaner, Flugplankoordinatoren oder Leiter in Property Management ausgeschrieben. Externe Unternehmen und auch Zeitarbeitsfirmen bieten Jobs an für Flugbegleiter, Fluggerätemechaniker, Piloten, Check-In- Agenten, Bundespolizisten, Verkäufer, Kundenservicemitarbeiter, Shuttlefahrer oder Ausbilder.

Bis Jobsuchende sich für Stellen am demnächst schließenden Flughafen Tegel bewerben können, werden allerdings Jahre vergehen. Einen Zeitplan für das „zweite Adlershof“, das dort entstehen soll, gebe es noch nicht, sagt IHK-Sprecher Schodrowski. Das geplante Zentrum für Medizintechnik, E-Mobility und Green Energy Solutions, das Wissenschaft und Wirtschaft zusammenbringt, soll Tausende Arbeitsplätze schaffen.

WAS GEFÖRDERT WIRD

Das Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen auf dem Arbeitsmarkt, soll den Vermittlern der Jobcenter mehr Spielraum geben, um flexibel, auf den Einzelfall bezogen, entscheiden zu können. Die Maßnahmen sollen fokussiert werden, ein Viertel der bisherigen Angebote fällt weg. Träger, die Maßnahmen durchführen, und alle Maßnahmen, die man mit einem Gutschein in Anspruch nehmen kann, werden künftig von einer externen Stelle zugelassen.

Wesentliche Änderungen gibt es auch bei den „Unterstützungsleistungen“. So wird der Gründungszuschuss von einer Pflicht- in eine Ermessensleistung umgewandelt und die Förderdauer gekürzt (siehe Kasten). Auch die Sonderregelungen zum Kurzarbeitergeld fallen wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung und Prognosen seit diesem Jahr weg.

Einer der Schwerpunkte der Arbeitsagentur ist die Unterstützung von Weiterbildung. So werden zum Beispiel die Kosten für die Weiterbildung älterer Beschäftigter in kleinen und mittleren Unternehmen anteilig übernommen. Befristet auf drei Jahre ist diese Förderung jetzt auch für Beschäftigte unter 45 Jahren möglich. Der Arbeitgeber muss mindestens 50 Prozent der Kosten dazuzahlen.

Auch beim Eingliederungszuschuss für Arbeitgeber gibt es eine Änderung. Konnte der Einstieg in die Arbeitswelt von der Arbeitsagentur bisher mindestens zwölf Monate gefördert werden, wird die Dauer des Zuschusses für Ältere ab 50plus nun in Absprache mit dem Arbeitgeber vereinbart.

WAS AUFS KONTO KOMMT

Nach einem EU-Bericht ist in Deutschland, wie auch in Finnland, Italien oder Frankreich, eine wachsende Kluft bei den Einkünften zu beobachten. Da wird sich aber wohl auch 2012 wenig ändern.

„Nur wenn der Arbeitsmarkt stabil bleibt, kommt es zu einer stärkeren Dynamik bei den Löhnen und zu einer Normalisierung der Lohnentwicklung“, sagt Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte der Hans- Böckler-Stiftung. Nach einer langen Phase schwacher Lohnentwicklung und teilweise sinkenden Reallöhnen sei das notwendig, um die deutsche Wirtschaft zu stützen.

Zudem werde sich die Gefahr von Niedriglöhnen ausweiten. Dazu trage eine Entscheidung des Bundeskabinetts bei, nach der die Einkommensschwelle bei Minijobs von 400 auf 450 Euro erhöht werden soll. „Mehr als 80 Prozent der Minijobber erhalten einen Niedriglohn“, sagt Herzog-Stein. Das Phänomen des Lohndumpings werde durch das Anheben der Einkommensschwelle verstärkt.

Auch bei der Angleichung der Löhne in Ost und West, die Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck kürzlich gefordert hat, wird sich in diesem Jahr wohl nicht viel tun. Viele Unternehmen in Ostdeutschland seien nicht an Tarife gebunden, das habe negative Folgen für die Lohnentwicklung, sagt Herzog-Stein.

Erstmals gibt es nun auch einen verbindlichen Mindestlohn für Leiharbeiter. Ab 1. Januar erhalten sie in den fünf ostdeutschen Bundesländern und Berlin 7,01 Euro. In den übrigen Bundesländern gibt es 7,89 Euro die Stunde. Zum 1. November steigt der Mindestlohn im Osten auf 7,50 Euro und im Westen auf 8,19 Euro.

Außerdem wird das Arbeitslosengeld II neu geregelt. Ab dem 1. Januar gibt es einen Aufschlag. Für alleinstehende Bezieher von ALG II und Sozialgeld („Hartz IV“) erhöht sich der Regelbedarf auf monatlich 374 Euro (vorher 364 Euro).

BEWERBEN IM INTERNET

„Man kann sich nicht darauf verlassen, dass es so gut weiter geht wie 2011“, sagt der Karriereberater Gerhard Winkler aus Berlin. Wer den Job wechseln will, sollte das bald machen, denn verschlechtert sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt, ist es besser, bereits im neuen Job zu sein.

Da man als neuer Mitarbeiter aber auch zu den ersten gehört, die wieder gehen müssen, ist abzuwägen, was man mit einem Jobwechsel gewinnt – und was man verliert. Da wirtschaftlicher Wandel nicht vom Himmel falle, sei es sinnvoll, die Branchennachrichten zu verfolgen und Marktgerüchte ernst zu nehmen.

Wer auf dem Absprung ist, sollte seine Unterlagen und die Profile auf Karriereportalen aktualisieren und in branchenspezifischen Blogs aktiv werden. Die Tools des Internets zu beherrschen, öffne weitere Türen bei der Jobsuche.

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