Wirtschaft : Haarscharf an der Asienkrise vorbei

EBERHARD KRUMMHEUER/HB

BANGKOK . Bangkoks Versuch, den Dauerstau auf den Straßen und seine gravierenden Umweltfolgen zu beseitigen, ist im Stadtbild unübersehbar: Auf hunderten Stahlbetonstützen in den Mittelstreifen der Straßen bahnt sich die Metro zwölf Meter über dem Verkehrschaos ihren Weg. Unter der Projektleitung von Siemens Verkehrstechnik baut die thailändische Hauptstadt ein knapp 24 Kilometer langes Hochbahnsystem. Am 5. Dezember wird das "Bangkok Transit System (BTS)" offiziell seiner Bestimmung übergeben. Projektleiter Josef Höllbacher ist ziemlich optimistisch, daß es auch klappt: "94 Prozent der Bauarbeiten sind heute schon abgeschlossen, und was das technische System betrifft, sind wir sogar schon bei 97 Prozent."Mit vorerst 35 dreiteiligen Metrozügen, eine Nachfolgeserie der Metro Singapur, die Siemens Verkehrstechnik bei seiner Tochter SGP in Wien bauen ließ, will BTS zum Jahresbeginn 2000 den fahrplanmäßigen Betrieb aufnehmen. In den Spitzenzeiten sollen bis zu 30 000 Menschen pro Stunde und Richtung befördert werden. Die erhoffte und erwartete Attraktivität des neuen Verkehrsmittels ist ein entscheidender Kalkulationsfaktor. "Wir rechnen mit 670 000 Fahrten am Tag", sagt Karoon Chandrangsu, verantwortlicher Direktor bei der als Bauherr und Betreiber fungierenden Bangkok Transit System Coperation (BTSC). Das hohe Verkehrsaufkommen soll den Metro-Betrieb rentabel machen und die Investitionen von 1,7 Mrd. US-Dollar schnell wieder einspielen.Karoon Chandransu: "Wir erwarten nach sechs bis acht Betriebsjahren den Eintritt in die Gewinnzone und nach zehn bis 13 Jahren den Abschluß der Tilgungszahlungen." Für die Finanzierung stellt BTSC - eine Gemeinschaftsgründung des Thai-Konzerns Tanayong, der Siam Commercial Bank und des thailändischen Bauriesen Italian-Thai Development Corporation (ITD) - aus Eigenmitteln etwa ein Drittel des Kapitalbedarfs. Den größeren Rest beschaffte ein Verbund von etwa 20 Banken unter Führung der Siam Commercial Bank, der Kreditanstalt für Wiederaufbau unter Mitwirkung der Österreichischen Kontrollbank und der International Finance Corporation der Weltbank.Im September 1998 wurde der erste Metrozug ins gerade fertiggestellte Depot geliefert - termingerecht und gerade einmal gut drei Jahre nach der endgültigen Vertragsunterzeichnung. Das Projekt hatte zwischenzeitlich immer wieder am seidenen Faden der kniffligen Vertrags- und Finanzierungsfragen gehangen. Mitten in der Bauphase brach zudem die Asienkrise aus. Der Absturz des Baht hatte die Finanzierung platzen lassen. Drei Tage lang wurde rund um die Uhr verhandelt, es gab hektische mitternächtliche Telefonkonferenzen zwischen Bangkok, Deutschland und New York, um zu retten, was noch zu retten war.Vor Ort zu sein, ist für Projektleiter Höllbacher der Schlüssel zur erfolgreichen Projektabwicklung. Die Siemens-Leute zimmerten gemeinsam mit dem Partner ITD eine schlanke Projektstruktur, bei der Managementaufgaben, Bauleitung und Controlling eng verzahnt sind. Ein eigens installiertes Zeit-Management-Programm macht jede einzelne Lieferung oder Leistung auf die exakte Planeinhaltung überprüfbar und ermöglicht so im Falle des Falles rechtzeitiges Gegensteuern.Für den Bau des Fahrwegs und der Bahnhöfe setzte ITD bis zu 10 000 ungelernte Arbeitskräfte ein. Gearbeitet wurde gleichwohl mit hoher Präzision, betont Höllbacher. Mit rund 500 Siemens-Mitarbeitern vor Ort wird das Projekt realisiert. Nachdem die Inbetriebnahme bereits begonnen hat, warten alle Beteiligten mit Spannung darauf, wie das neue Verkehrsmittel angenommen wird. "Der Ticketpreis ist der Schlüssel", weiß Karoon Changdransu - doch was die Fahrt kosten wird, ist noch unklar.In letzter Minute sollen alle Stationen mit Rolltreppen nachgerüstet werden - wenigstens für die Fahrt nach oben: Treppensteigen ist in Bangkok eine schweißtreibende Angelegenheit.

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