Wirtschaft : Hans-Gerhard Stahl

(Geb. 1951)||Er war ein Gewinner, und er war stolz darauf.

Anne Jelena Schulte

Er war ein Gewinner, und er war stolz darauf. Am 20. Dezember 1981 rasten der Maler Matthias Koeppel und der Geschäftsmann Hans-Gerhard Stahl, genannt Gary, über die Autobahn Düsseldorf-Bonn-Mainz. Kurz zuvor hatte Gary einen Blick auf Koeppels umfangreiche Sammlung von Gruppenfotos erhascht. Nun schlug er dem Maler vor, die Fotos zu veröffentlichen.

Der aber hatte Bedenken: „Siehst du nicht die Gefahr, dass man mich dann für einen Künstler hält, der auf jeder Hochzeit tanzt? Maler, Dichter und jetzt auch noch Gruppenfotos!“ – „Aber du kannst auf neun Hochzeiten tanzen, – vorausgesetzt, du tanzt neunmal gut.“

Niemals hätte Gary Bescheidenheit oder Besonnenheit gepredigt. Er war ein Emporkömmling, einer, der im gedeihenden Westdeutschland dem Lockruf des amerikanischen Traums folgte.

Aus Geldmangel wurde nach dem Ende der achten Klasse Hans-Gerhards bis dahin erfolgreiche Schullaufbahn für beendet erklärt. Der sinnenfreudige Junge mit der kräftigen Statur bekam eine Lehrstelle als Koch im besten Restaurant von Wuppertal.

Zwar liebte er die Nähe zu guten Speisen, doch die Küche war ihm zu eng und das Gehalt zu schmal. Draußen wuchs der Wohlstandsspeck der Bundesrepublik und Gary beschloss loszuziehen und sich eine saftige Schwarte davon abzuschneiden. Die Arbeitslosigkeit Mitte der Sechziger betrug 0,7 Prozent, berufliche Experimente waren mehr Spiel als Wagnis.

Luxemburg klang nach einem guten Start für einen ertragreichen Beutezug. Also bewarb Gary sich beim Radio Luxemburg, das einen „ausgebildeten und erfahrenen Sprecher“ suchte. Er sei mal Schulsprecher gewesen, erklärte der Koch dem Personalchef. Da die Siegesgewissheit nicht nur in Garys Auftreten, sondern auch in seiner Stimme lag, wurde er eingestellt.

Nun begann sein Aufstieg. Mit 24 Jahren war er Pressechef der Deutschlandhalle Berlin, kurz darauf wurde er Musikverleger, Immobilienhändler, Gemäldesammler, Musical-Investor. Es war vollbracht. Gary residierte in den feinsten Hotels, speiste in den besten Restaurants, ließ sich chauffieren, trug maßgeschneiderte Anzüge und einen herrischen Gesichtsausdruck.

Es kam vor, dass jemand meinte: „Der tritt ja auf wie Napoleon“ – für Gary ein Kompliment. Er war ein Gewinner, und er war stolz darauf. Partnern und Freunden zeigte er neben dem gierigen Napoleon ein zweites Gesicht: den Märchenkönig, der Günstlinge mit luxuriösen Gaben überschüttet.

Für einen jungen, unbekannten Maler aus Brasilien buchte er für seinen Berlin-Besuch die Präsidentensuite des Hotels Steigenberger. Über das ganze Land verschickte er Präsentkörbe mit Delikatessen, die der geschulte Gourmet selbst ausgesucht hatte. Der Berlinischen Galerie schenkte er seine Bildersammlung realistischer Malerei. Für diese Tat belohnte ihn Richard von Weizsäcker mit einer persönlich verfassten Dankesrede, die Gary fortan bei keiner Gelegenheit unerwähnt ließ – sie war sein moderner Adelsbrief.

„Du siehst am Himmel eine Mark blitzen und schon gibst du 200 aus“, mahnte ihn mal ein Freund. Gary hörte nicht hin. „Denk auch mal ans Kleine, besorg dir eine Sekretärin, einen Buchhalter, schaff dir solide Strukturen!“ Gary hörte weg. Darum war er ja in diesem Märchen, weil er nur in großen Dimensionen dachte!

Doch als ihn ein Partner aus dem Immobiliengewerbe um eine große Geldsumme betrog und gleichzeitig das Finanzamt hohe Steuerforderungen geltend machte, fand Gary sich dort wieder, wo er begonnen hatte: Er war ein allein stehender Junge, der seine Villa gegen eine Eineinhalbzimmer-Wohnung tauschen musste und aufs Geld seiner Mutter angewiesen war. Äußerlich merkte man ihm seinen Fall nicht an. Die Maßanzüge würden noch fürs Jenseits reichen, getrunken hat er auch vorher schon. Täglich las er drei Wirtschaftszeitschriften und plante große Geschäfte für die Zeit nach den Schulden.

Nur alte Begleiter erkannten Veränderungen in seinem Verhalten. So wollte Gary die Gespräche mit seinem Freund und Anwalt plötzlich lieber in dessen Wohnzimmer als im Büro abhalten. Eine zaghafte Bitte um Freundschaft in einer Zeit, als manch ein vertrautes Gesicht sich von ihm abzuwenden begann.

Als die Wende kam, schwang er sich noch einmal in eine führende Rolle und wurde Generalbevollmächtigter einer Konsumgenossenschaft. Doch der Aufsichtsrat und der Betriebsrat sorgten bald für den Rücktritt des allzu gebieterisch auftretenden Chefs. So sehr Gary mit der Zeit ging, darin war er altmodisch geblieben: Er machte kein Hehl aus seiner Eitelkeit und seinem Gefallen an der Macht. Nie hat er irgendwelche Manager-Seminare besucht, in denen man sich soziale Kompetenz oder den Schein von Menschenfreundlichkeit antrainieren kann.

Nur noch wenige Monate, dann wäre Gary schuldenfrei gewesen. Er wusste, dass die Zeit der spektakulären Immobiliengeschäfte vorbei war. Gemeinsam mit einem befreundeten Arzt plante er die Eröffnung einer Privatklinik. „Gary wäre wiedergekommen“, sagen seine Freunde. „Ganz groß.“ Er starb plötzlich und für alle unerwartet an einer Lebererkrankung.

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