• Hans-Olaf Henkel: Immer auf der Siegerseite - BDI-Chef ist vom Hassobjekt zum geachteten Partner geworden

Wirtschaft : Hans-Olaf Henkel: Immer auf der Siegerseite - BDI-Chef ist vom Hassobjekt zum geachteten Partner geworden

Rainer Hank

Wenn Hans-Olaf Henkel heute im Berliner Interconti das Podium betritt, wird er den Zuhörern einen souveränen Auftritt bieten. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) wird zu dessen Jahrestagung stolz den Gast Jacques Chirac ankündigen. Das Thema seiner eigenen Rede - Verpflichtung zur Nachhaltigkeit - wird er dazu nutzen, so etwas wie ein politisches Vermächtnis zu formulieren. Und Widerspruch wird sich kaum rühren. Denn jetzt, wo er bald geht, haben sich alle mit Henkel arrangiert.

Dabei ist ist noch gar nicht so lange her, dass der frühere IBM-Chef als Brandstifter der Nation galt, und zwar nicht nur bei üblichen Verdächtigen wie dem IG-Metall-Vorsitzenden Klaus Zwickel oder dem CDU-Nörgler Heiner Geißler. Auch der moderate IG-Chemie-Vorsitzende Hubertus Schmoldt sah in Henkel eine Belastung für den Standort Deutschland. Und vor zwei Jahren, als Henkel zum zweiten (und satzungsmäßig auch letzten) Mal als BDI-Präsident bestätigt wurde, war selbst im Lager der Industriellen Gegrummel zu hören. Zu schroff, zu provokant, zu polarisierend sei der Segler vom Bodensee. Denn das deutsche Management ist in der Regel ein bisschen feige. Und deshalb wähnte man, Henkel könnte dem soliden Ruf der Nadelstreifenträger schaden, die sich gern gelassen geben.

Von diesen Vorbehalten wird nichts mehr zu spüren sein, wenn der 60-jährige Henkel Ende des Jahres sein Amt an den 61-jährigen Maschinenbauer Michael Rogowski übergibt. Sogar die Politik denkt heute anders über Hans-Olaf Henkel. Der Bundeskanzler, zum Beispiel, der sich noch am Wahlsiegabend ausgesprochen abfällig über den BDI-Präsidenten geäußert hatte ("Den haben wir fertig"), hat ihm zum 60. Geburtstag im März eine fast freundschaftliche Rede gehalten. Und das nicht nur, weil Henkel ein paar außerordentlich lobende Worte für die Eichelsche Steuerreform gesprochen hatte. Und schon gar nicht, weil die beiden Männer eine Neigung zu dicken Cohiba-Zigarren teilen.

Henkel mag man vieles nachsagen. Aber ein kaltschnäuziger Agent des Kapitals ist er nie gewesen. Der BDI-Chef ist ein Heißsporn, der kein Geheimnis daraus macht, dass er weiß, was Leidenschaft ist. In seiner Jugend schwärmte er für Castro, Chruschtschow und die Beatles. Später, an eben jenem Wahlabend 1998, hat er dann gesagt: "Ich bin immer auf der Seite der Sieger." Wer das für bare Münze nahm und den ironischen Ton überhörte, suchte den BDI-Chef als Opportunisten zu entlarven. Aber damit würde man es sich zu einfach machen. Henkel ist einer, der unkonventionelle Aktionen auch zu Marketingzwecken nutzt und häufig spontan sagt, was er meint.

Aber sein wirtschaftspolitisches Leitbild ist transparent und kohärent. Was er da so in der zweiten Hälfte der 90er Jahre gepredigt hat, ist ungefähr das, was die rot-grüne Regierung heute macht. Nein, das stimmt natürlich nicht. Aber Hans-Olaf Henkel hat immer gesagt, die Steuerbelastung müsse auf unter 35 Prozent sinken. Und die Regierung schlägt jetzt wenigstens eine Reduktion auf 45 Prozent vor. Der BDI hat immer gesagt, die Sozialen Sicherungssysteme müssten privatisiert werden. Und die rot-grüne Regierung fängt damit jetzt zumindest bei der Rente an. Henkel als Vordenker der Bundesregierung? Das wäre dann doch übertrieben. Henkel will mehr Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten. Das wollen weder Riester noch Schröder. Henkel will das Tarifkartell zerschlagen und das Monopol von Gewerkschaften und Arbeitgebern bei der Lohnfindung brechen. Da hält sich der Bundeskanzler lieber an das Bündnis für Arbeit und an den BDA-Präsidenten Dieter Hundt.

Aber trotzdem ist etwas dran an der Vermutung, Henkel sei Vordenker der Bundesregierung. Und deshalb lässt sich auch so etwas wie eine geschichtsphilosophische Antwort auf die Frage nach der plötzlichen allseitigen Akzeptanz Henkels geben. Denn es könnte sein, dass dem BDI-Chef in den späten 90er Jahren eine gewisse Weitsicht eignete, welche über den damaligen Horizont der politischen Akteure weit hinausreichte. Heute sagen Leute wie der Grüne Oswald Metzger, nur eine rot-grüne Regierung könne liberale Reformen anpacken, weil die Gefahr nicht bestehe, dass sie diese Reformen als Opposition kaputt mache. Nicht der BDI-Chef hat sich geändert. Aber die Umwelt. Daran wird auch Nachfolger Rogowski erinnern, wenn er antritt. Und er wird dem Vorgänger dafür danken, dass wichtige Impulse zur Reform der Deutschland AG von ihm ausgegangen sind.

Es bedurfte eines gewissen Maßes an Überredungskunst, um den Aufsichtsratsvorsitzenden des schwäbischen Maschinenbauers J. M. Voith AG aus Heidenheim für das Spitzenamt der deutschen Industrie zu gewinnen. Dabei war der Name Rogowski immer schon gefallen, wenn irgendwo über die Henkel-Nachfolge geplaudert wurde. Aber schließlich hat Rogowski gerade erst vom Vorstand in den Aufsichtsrat gewechselt. Und wollte eigentlich mehr Zeit für Familie und Hobbys haben. Aber wenn man weiß, dass an der Spitze der Findungskommission der Grandseigneur des BDI, Tyll Necker, stand, dann lässt sich auch erahnen, dass gegen den bestimmenden Charme Neckers kein Veto möglich war.

Die Mitgliederversammlung des BDI muss den Neuen natürlich noch wählen. Aber am positiven Resultat besteht kein Zweifel. Denn sie kennen ihren Rogowski. Immerhin war der promovierte Wirtschaftsingenieur mit den kurzen Stoppelhaaren und dem kantigen Profil in der Mitte der neunziger Jahre Präsident des Maschinenbauverbands. Und die Maschinenbauer sind in Deutschland nicht irgendwer, sondern Ideenzentrum technischer Ingenieurleistung, Herzstück des Mittelstands und Promotor des Exports. Also all das, was das deutsche Modell des wirtschaftlichen Erfolgs kennzeichnet, auch international.

Nicht nur aus Gründen der Kontinuität, sondern aus Überzeugung wird Rogwoski sich bei den Arbeitgeberverbänden bald ebenso unbeliebt machen wie Henkel. Er wird sagen, dass auch der Preis der Arbeit besser in Unternehmen - also am Markt - gebildet wird als an den Runden Tischen der Tarifparteien. Er wird das alles ruhiger, moderater im Ton machen als sein Vorgänger. Aber das ist nicht den schlechteste Startvoraussetzung. Denn nicht der BDI hat sich geändert. Sondern seine Umwelt.

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