Wirtschaft : Haushalte in der Schuldenlawine

Mittelstand wird zur Problemgruppe / Zahlungsmoral verschlechtert sich rapide Berlin (-olm).Ein Ende der nationalen Pleitewelle ist nicht in Sicht.Eine Herbstumfrage unter 350 Mitgliedsunternehmen des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) hat ergeben, daß bei einem Anstieg um rund 18 Prozent 1996 mit 26.400 Firmeninsolvenzen gerechnet werden muß.Das wäre ein neuer Pleitenrekord.Die Inkasso-Branche beziffert die Forderungsausfälle für die deutsche Wirtschaft allein durch Firmenzusammenbrüche von 1991 bis 1996 auf 170 Mrd.DM.Davon betroffen seien 400.000 Arbeitsplätze.Im gleichen Ausmaß, so das Ergebnis der am Mittwoch in Berlin vorgestellten Umfrage, verschlechterte sich auch das Zahlungsverhalten privater Haushalte. Wie die Vizepräsidentin des BDIU Gerti Hönings erklärte, seien mit zunehmender Tendenz inzwischen auch weite Kreise der Mittelschicht betroffen.Man gehe davon aus, daß insgesamt bereits mehr als 2 Mill.Haushalte in Deutschland überschuldet sind.In den zurückliegenden 20 Jahren, so Gerti Hönings, habe sich die Schuldenlast der Familien versiebenfacht.Die Bundesbank schätzt das Gesamtvolumen der privaten Verschuldung auf mehr als 1200 Mrd.DM.Allein die Konsumentenkredite machten am Ende des zurückliegenden Jahres rund 370 Mrd.DM aus, nach Meinung des BDIU sogar über 400 Mrd.DM.Für 1996 müsse nach Aussage des Inkasso-Verbandes mit einer weiteren Steigerungsrate von zehn Prozent gerechnet werden.Der größte Teil der Schuldenlawine wird allerdings durch die Immobilienkredite verursacht. Bei den etwa 700 kostenlos arbeitenden Beratungsstellen, die von Kommunen, Wohlfahrtsverbänden oder Verbraucherzentralen finanziert werden, herrscht Hochbetrieb.Die Wartezeiten für die Betroffenen betragen schon bis zu einem Jahr.Ulf Groth, Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung, fordert einen großzügigen Ausbau der Beratungsdienste, um schneller helfen zu können.Leider sei immer noch zu beobachten, daß die meisten aus Scham und stiller Verzweiflung erst dann eine Beratungsstelle aufsuchten, wenn Miete und Strom nicht mehr bezahlt werden könnten.Groth warnte in diesem Zusammenhang vor den vielen gewerblichen Schuldnerberatern, die sich immer häufiger Informationsdefizite der Betroffenen zunutze machten.Oft werde dabei der Eindruck erweckt, zur Ablösung oder Zusammenfassung von Altschulden könnten neue Kredite vermittelt werden.Auch angekündigte Vergleichsverhandlungen mit den Gläubigern fänden in den meisten Fällen nur auf dem Papier statt.Für die erhobene Provision der Beratung von bis zu sechs Prozent der Gesamtschuldensumme erhalte der Kunde in der Regel ein sogenanntes Finanzierungskonzept, das sich am Ende lediglich als bloße Zusammenfassung aller Schulden entpuppe. Als Ursache für die Probleme nennt Gerti Hönings fast immer eine großzügige Kreditaufnahme der Konsumenten und eine Überschätzung der finanziellen Möglichkeiten.Neben einer hohen Verschuldung vor allem bei Haushaltsgründungen würden heute bereits 70 bis 80 Prozent aller Pkw-Käufe über Finanzierungsmodelle abgewickelt.Von 1987 bis 1995 seien allein die Ratenkredite auf 182 Mrd.DM geklettert und hätten sich damit verdoppelt.Die Suche nach den Gründen für schlechte Zahlungsmoral habe ergeben, daß nach der meist hohen Überschuldung die Spirale der Probleme vor allem auch durch die Folgen der Arbeitslosigkeit in Gang gesetzt werde.Allerdings, so die Einschätzung der Inkasso-Unternehmen, bezahlten knapp ein Drittel der privaten Haushalte unter Verweis auf die schlechte Zahlungsmoral der öffentlichen Hand vorsätzlich ihre Rechnungen nicht mehr.Vielfach werde spekuliert, daß wegen Überlastung der Gerichte mit einer Strafverfolgung nicht zu rechnen sei.Den Kreditinstituten gibt Ulf Groth an der Situation keine Schuld.Ihre Prüfinstrumente seien optimal und ließen eine Krediterschleichung nicht zu.Den Grund für die sich häufenden Kredit-Unfälle sieht Groth eher in der Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

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