Wirtschaft : Hausse für Namenswechsler

Viele Internetfirmen legen ihre alten Dotcom-Namen ab – die Folge ist häufig ein steigender Aktienkurs

Ken Brown

Jeder wusste, dass ein Unternehmen während der Börsenhausse schnell Geld verdienen konnte, indem es seinen Namen „internetisierte“. Man fügte am Ende ein „Dotcom“ oder irgend eine Art von „net“ hinzu. Für einen ordentlichen Gewinnsprung war eine radikalere Namensänderung notwendig – zum Beispiel von Nerox Energy in Etwo-media.com.

Seit die Internet-Aktienblase platzte, sind die einst trendigen Namen zur Zielscheibe unzähliger Witze geworden. Die Internet-Namen werden nun eher mit Unternehmenspleiten als mit Erfolgen assoziiert. Was also tun, wenn ein Unternehmen Skreem.com heißt? Ganz einfach, man verzichtet auf den Zusatz Dotcom und sucht sich einen respektableren Namen. Im Fall von Skreem.com war es Waterford Sterling.

Eigenartigerweise honoriert die Börse diese Umbenennungen. Eine Studie von Finanzprofessoren kam zu dem Ergebnis, dass die Kurse von Unternehmen, die sich ihrer Dotcom-Namen entledigt hatten, nach oben schnellten. Anleger belohnen ein Unternehmen offenbar für den Willen, sich von einer unschönen Vergangenheit zu lösen. „Ich denke, das ist ein eindeutiges Zeugnis für die Irrationalität der Anleger“, sagt P. Raghavendra Rau, Finanzprofessor an der Purdue University und einer der Autoren der Studie.

Irrationalität ist eine höfliche Erklärung, wenn sich Anleger stärker für Unternehmen wie Judge Group und Voyager Group interessierten, nachdem diese ihre Namen Judge.com und Save On Meds.net ablegten. Am Tag, an dem die Unternehmen öffentlich den Verzicht auf ihr Dotcom oder andere hippe Namenszusätze bekannt gaben, stieg der Aktienkurs der betroffenen Firmen im Schnitt um 15,8 Prozent, ermittelte die Studie. Und während des folgenden Monats erhöhte sich der Kurs der Namenswechsler insgesamt um 21,6 Prozent. Insgesamt schnitten die Aktien der Namenswechsler sehr viel besser ab als andere Internet-Unternehmen, wenngleich die Gewinne auch bei diesen Firmen minimal waren.

Wenn jemand für die Durchführung der Studie geeignet war, dann Rau und seine Kollege. Ihre Studie „A Rose.com by Any Other Name“ erschien vor einem Jahr im Journal of Finance und dokumentiert, wie Aktien während der Boomjahre einen Auftrieb erfuhren, wenn sie an ihre Namen ein Dotcom anhängten. Bei der neuen Studie hat Rau seine Daten aktualisiert und weitere Namenswechsler in die Untersuchung aufgenommen. Durch die zwei Studien konnten die Forscher außerdem die Serientäter unter den Namenswechslern ausfindig machen – also jene Unternehmen, die Dotcom an ihre Namen anhängten und später wieder strichen.

„Wir fragten uns, was bei einer Börsenbaisse mit jenen Unternehmen geschieht, die ein Dotcom an ihren Namen angehängt haben“, sagt Rau. „Wenn sie smart genug waren, den Namen einmal zu ändern, sind sie sehr wahrscheinlich so smart, es ein zweites Mal zu tun.“ Sein Verdacht bestätigte sich: Die 30 Unternehmen konnten bei jedem der zwei Namensänderungen zulegen. Am Tag, als der Namenswechsel bekannt wurde, gewannen sie an der Börse einen Vorsprung von 9,6 Prozent vor ihren Konkurrenten und 38,5 Prozent im Monat, nachdem sie auf ihr Internet-Anhängsel verzichtet hatten. Für ihre Studie untersuchten die Forscher zwischen Juni 1998 und August 2001 alle börsennotierten Unternehmen an den großen Börsen. Dabei machten sie 183 Unternehmen ausfindig, die ein Dotcom oder einen anderen Internet-Begriff an ihren Namen angehängt hatten und 67 Firmen, die darauf verzichteten.

Für das Unternehmen 1-800-Attorney’s aus Florida hätte der Namenswechsel nicht zu einem besseren Zeitpunkt kommen können. Das Unternehmen hieß früher Attorneys.com. Als sein Aktienkurs im Juni 2001 um 75 Prozent gegenüber dem Hoch im Jahr 2000 eingebrochen war, verzichtete das Unternehmen auf sein Dotcom. Innerhalb weniger Tage schnellte der Aktienkurs von etwa 11 Dollar um mehr als 40 Prozent auf etwa 16 Dollar hoch. Es war nicht das erste Mal, dass der Kurs von 1-800-Attorney’s einen schnellen Aufwärtsschub erhielt. Ein Jahr zuvor hatte das Unternehmen seinen Namen Publishing Co. of North America in Attorneys.com geändert, worauf sich der Aktienwert fast verdoppelte.

Die Texte wurden übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Calvin Klein), Karen Wientgen (Dotcoms), Svenja Weidenfeld (Zinssteuer), Christian Frobenius (Frankreich) und Matthias Petermann (Berlusconi).

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