Wirtschaft : Heinz Frentzel

(Geb. 1921)||Eine freie Stimme der freien Welt. Des Feindes Lieblingsfeind.

Kerstin Decker

Eine freie Stimme der freien Welt. Des Feindes Lieblingsfeind. Ehrenbürger von Houston / Texas und Träger des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“, stand unter seinem Namen in der Traueranzeige. Was dort nicht stand: Als der Oberagitator der DDR, Karl- Eduard von Schnitzler, noch in seinem „Schwarzen Kanal“ die „Lügen des Klassenfeindes“ entlarvte, sah man manchmal das einstürzende RIAS-Gebäude und davor den Kopf von Heinz Frentzel. Was muss einer getan haben, um Lieblingsfeind Karl-Eduard von Schnitzlers zu sein, in Texas geehrt zu werden und einen solchen Orden zu bekommen?

Es sah nicht nach Größe aus, als Heinz Frentzel 1921 im Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg in eine Drucker- und Setzerfamilie hineingeboren wurde. Was würde er werden? Drucker natürlich. Die Lettern so zusammenfügen, wie andere es auf dem Papier längst beschlossen hatten. Doch schon Ende der dreißiger Jahre hatte der Berliner Verlag Scherl einen Volontär, der war erst siebzehn Jahre alt und überaus strebsam. Er hatte beschlossen, dass es viel erstrebenswerter sei, die Reihenfolge der Buchstaben selbst festzulegen und andere sie setzen zu lassen. Heinz Frentzel brachte es noch bis zum Verlagsangestellten, als der Krieg auch nach ihm griff. Da war er zwanzig.

Jahre später traf ein verwundeter Panzerzugkommandant, aus Jugoslawien kommend, in Oberhof, Thüringen zur Rehabilitation ein. Noch war der Krieg nicht zu Ende, aber für ihn schon. Und als er zum ersten Mal in der „Conditorei Hofmann“ saß, dem besten Café am Platz, wusste er, dass er sich hier sehr gut rehabilitieren würde. Zur Conditorei gehörte ein Hotel. Vor allem aber gehörte zu dem Hotel die Tochter des Hauses, Liselotte. Der Buchdruckersohn fand, dass Oberhof, selbst wenn es nicht über eine nennenswerte Verlagslandschaft verfügte, einen passablen künftigen Lebensmittelpunkt darstellte, und dass Hoteliers manchmal die allerschönsten Töchter haben. Auch Liselotte verliebte sich in den leicht beschädigten Panzerzugkommandanten.

Es gab nur wenige Idyllen 1945 in Deutschland, das Leben von Heinz und Liselotte in Oberhof hätte eine sein können. Und selbst wenn es keine Verlage gab in Oberhof – Radioempfang hatten sie. Vielleicht dachte Heinz Frentzel bereits damals, dass das gesprochene Wort dem gedruckten sogar noch vorzuziehen sei. Es nimmt nicht erst den Umweg über Setzkästen und Druckerpressen, sondern ist sofort in der Welt. Der spätere Kommentator, Hauptabteilungsleiter Politik und Direktor für Politik und Zeitgeschehen des RIAS Berlin, Heinz Frentzel begann beim Landessender Thüringen. Doch bald merkten beide, dass sie sehr verschiedene Vorstellungen davon hatten, was aus dem Land nun werden sollte. Frei sollte es vor allem sein, fand der Kriegsentronnene. Gewiss schloss der Freiheitsbegriff des Heinz Frentzel auch die Freiheit der Hoteliers ein, also die Freiheit seines Schwiegervaters. Es ist nicht mehr feststellbar, was den jungen Mitarbeiter des Landessenders Thüringen schließlich ins Gefängnis brachte. Es war nicht schwer in jenen Jahren, dort zu landen.

Kaum entlassen, floh Heinz Frentzel mit seiner Frau Liselotte, einem Baby und einem Kleinkind nach Westdeutschland, um sofort nach dem Ende der Blockade in seiner Heimatstadt zu sein und „eine freie Stimme der freien Welt“ zu werden, zeitweise die freie Stimme der freien Welt.

Es war nicht leicht, so eine Stimme zum Vater zu haben, finden Heinz Frentzels Kinder. Einerseits schien es großartig. Denn nicht viele Väter wurden morgens im großen schwarzen Chevrolet von zu Hause abgeholt und abends wieder zurückgebracht. Auch dass Michael, Barbara und Brigitte in den ersten Schuljahren nie mit auf Klassenfahrt gehen durften, war durchaus ehrenhaft. Denn wer garantierte, dass die Kommunisten auf dem Weg durch die DDR nach Westdeutschland nicht Frentzels Kinder entführten? Und manchmal konnten sie mit der U.S. Army fliegen. An einen solchen Flug erinnert sich Barbara noch heute, weil man ehrenrührige Situationen besonders gut behält. Alle G.I.s im Flugzeug schauten zu, als das Mädchen aufs Töpfchen musste.

Trotzdem, die Vorteile überwogen, wenigstens auf den ersten Blick. Denn auch ihre politische Bildung war für ihr Alter bemerkenswert. Mit acht Jahren wusste Barbara Walter, geborene Frentzel, alles über den 17. Juni , mit neun alles über den Ungarn-Aufstand. Tagelang gab es kein anderes Thema. „Wir waren ein Kalter-Krieger-Haushalt“, sagen Heinz Frentzels Kinder. Und was für Post sie bekamen! Eine Ansichtskarte von Papas Freund: „Dear Michael, wish you all the best ...“ oder so ähnlich. Darunter stand: „John F. Kennedy“. Da machte es auch nichts, dass das Fernsehen der DDR, des Landes also, dem zuzutrauen war, dass es kleine Kinder kidnappt, den eigenen Vater vor seinem einstürzenden Funkhaus zeigte. Und dass die Parteizeitung dieses Landes den Namen Frentzel grundsätzlich mit Bindestrich schieb, „Frentzel-Fritzsche“, störte es wenig. Dabei war das ein starkes Stück, denn Hans Fritzsche war der Reichsrundfunkkommentator der Nationalsozialisten gewesen. Dass das Land, von dem sie umzingelt waren, so böse war, lag daran, erklärte Heinz Frentzel seinen Kindern, dass dort eine Diktatur herrschte. Michael, Barbara und Brigitte hatten zwar noch nie im Leben eine Diktatur gesehen, aber irgendwie konnten sie sie sich doch vorstellen: Eine Diktatur musste ungefähr so sein wie ihr Vater zu Hause.

Heinz Frentzel war zwar im Dienst eine freie Stimme der freien Welt – obwohl die Stimme der Freiheit auch im Radio oft bedenklich kriegerisch klang – zu Hause aber war er eher ein Diktator. Vielleicht lag es daran, dass er oft nicht zu Hause sein konnte, so dass er glaubte, in der kurzen Zeit die Familie besonders effektiv erziehen zu müssen. Vielleicht dachte er auch, dass Freiheit etwas für Erwachsene sei, Kinder und Ehefrauen aber Druck brauchen. Wie alle Diktatoren schreckte auch er vor Gewaltanwendung nicht zurück, man konnte sich jedoch vor ihr schützen. Barbara passierte es nicht zweimal, abends den Namen des Komponisten nicht zu wissen, den sie tagsüber im Musikunterricht behandelt hatten. Sie merkte bald, dass der Name gar nicht zu stimmen brauchte, Hauptsache, sie sagte ihn sofort, irgendeinen. Heinz Frentzels Kinder entwickelten die für Diktaturen so typische doppelte Identität: äußerlich angepasst, innerlich frei. Wenn der Vater John F. Kennedy auf seiner Wahlkampfreise begleitete oder sonst irgendwo auf der Welt war, fühlte die Restfamilie sich besonders frei und die Kinder versuchten sogar ihre Mutter zu überreden, den Diktator zu stürzen: Lass’ dich scheiden! Aber das konnte Liselotte Frentzel nicht, sehr lange nicht. Alles was sie über sich und die Rolle der Frau wusste, sprach dagegen.

Als Liselotte und Heinz Frenzel sich dann doch scheiden ließen, Mitte der Sechziger, waren die Kinder schon erwachsen und bald sehr stolz auf ihre Mutter: als Erstes lernte sie Autofahren, dann einen Beruf, und schließlich heiratete sie noch einmal. Die Hotelierstochter aus Oberhof erfuhr mit fünfzig Jahren, was Freiheit ist. Ihre Kinder erfuhren es auch, denn kaum volljährig zogen sie aus und wurden, das lag in der Luft, Achtundsechziger. Die Freiheitsbegriffe des Leiters der Hauptabteilung Politik beim RIAS und seiner Kinder begannen sich dramatisch zu unterscheiden, auch wenn aus dem Kalten Krieger mit den Jahren ein durchaus liberaler Mann wurde. Doch als Heinz Frentzel im Gefolge des Schahs von Persien durch Berlin fuhr, hatte er nur eine Angst: dass irgendwo unter der protestierenden Menge seine Tochter stehen und eine Tomate werfen würde.

Seit damals hatten sie – bis auf ein Essengehen – keinen Kontakt mehr zum Vater. Die Töchter haben ihn 1995 noch einmal besucht, in einem Pflegeheim in Süddeutschland. Er hat sie nicht mehr erkannt.

Schon 1982 ist Heinz Frentzel beim RIAS ausgeschieden. Vorzeitig und nicht ganz freiwillig. Er hatte nie mehr getrunken als andere zu seiner Zeit, in seinem Beruf, oder nur unwesentlich mehr. Doch jetzt hatte er Schwierigkeiten, die Form zu wahren. Er zog von Berlin an den Lago Maggiore und schließlich ins Heim. Die Bücher, die er noch schreiben wollte, hat er nicht mehr geschrieben. Es war der Alkohol, das Harald-Juhnke-Syndrom. Zuletzt fehlte ihm, dem Mann des Wortes, selbst die Sprache. Trotzdem trug Heinz Frentzel weiter den jeweils druckfrischen „Spiegel“ unterm Arm, so wie er es all die Jahre zuvor getan hatte. Lesen konnte er längst nicht mehr.

Die Kinder haben ihm einen „Spiegel“ auf den Sarg gelegt.

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