Wirtschaft : Heiße Ware aus dem Netz

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Musik braucht nicht viel Platz im Reisegepäck. Mobiles Musikhören war nie komfortabler als heute. Ob Minidisc, CD oder MP3-Player – gigantische Mengen an Information werden auf hauchdünne Scheiben gepresst oder winzige Chips geladen. Federleicht, jederzeit zum Abspielen bereit und überall zu haben. Die wichtigste Quelle für den digitalen Musikgenuss ist das Internet – der größte elektronische Umschlagplatz.

Das Netz bietet Musikfans ein Universum frei empfangbarer Daten, die bei den Nachfolgern der abgeschalteten Tauschbörse Napster (Kazaa, Limewire, Morpheus und andere) immer noch kostenlos getauscht und auf mobile Tonträger heruntergeladen werden können. Der Download-Boom hat den Musikvertrieb revolutioniert. 2001 wurde erstmals mehr Musik kopiert als verkauft. Nach einer GfK-Studie vervielfältigten allein in Deutschland 17 Millionen Personen Musik auf 182 Millionen CD-Rohlinge. Fast ein Drittel der Hörer nutzte dabei illegale Gratis-Angebote im Netz. Die Beute der Musik-Piraten: 492 Millionen Songs.

Doch die friedlichen Musikräuber, die von der Industrie mit immer preiswerterer Hard- und Software versorgt werden, haben einen mächtigen Gegner bekommen: die Musikbranche. Sie setzt nach langen, meist vergeblichen juristischen Auseinandersetzungen mit den illegalen Musikvertreibern auf eine Angebotsoffensive. Dabei handelt sie nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche. Entweder die illegalen Vertriebswege werden mit Kopiersperren und Datenmüll verstopft. Oder die Branche eröffnet attraktive Internet-Portale, mit denen die Normal-Verbraucher geködert werden sollen, die sich nicht auf die Seiten der illegalen Musikdiebe wagen.

Listen.com bündelt die Großen

Dabei scheinen die Zeiten, in denen sich die Konzerne mit exklusiven, meist teuren und kommerziell erfolglosen Angeboten wie Musicnet oder Realone Konkurrenz machten, vorbei zu sein. In der vergangenen Woche wurde das bislang größte legale Bündnis der Branche geschlossen. Das amerikanische Musik-Portal Listen.com unterzeichnete mit der Universal Music Group einen Lizenzvertrag für den elektronischen Vertrieb von Musikstücken. Nach Vereinbarungen mit EMI, der Bertelsmann Music Group (BMG), Warner Music und Sony Music ist damit erstmals ein Online-Portal in der Lage, die Musikstücke aller großen fünf Plattenfirmen online anzubieten. Über seinen Abo-Service Rhapsody will Listen.com insgesamt 175000 Songs offerieren. Für 9,95 Dollar im Monat kann bei Listen.com Musik per Streaming-Verfahren angehört werden. Heruntergeladen oder getauscht werden können die Daten nicht. Und: In Europa wird das Angebot vorerst nicht zur Verfügung stehen.

In Deutschland startet die Vivendi-Tochter Universal am 9. August in Kooperation mit der Deutschen Telekom ein eigenes Internet-Musikangebot. Unter www.popfile.de sollen zum Start zunächst 5000 Titel für 0,99 Euro pro Titel zur Verfügung stehen. Bezahlt wird per Kreditkarte, Vorkasse oder über die Telefonrechnung. Einzelne Stücke sollen die Nutzer künftig auch auf CD brennen können. Eine unbegrenzte Nutzung der Musikstücke soll es auch bei popfile.de aber nicht geben.

Mutiger beim Musikvertrieb im Internet wollen die Plattenkonzerne erst werden, wenn die Kopierschutz-Technologie („Digital Rights Management“) ausgereift ist. Bislang ärgert die Industrie die User, indem sie illegale Tausch- und Downloadbörsen mit schadhaften Musik-Dateien überschwemmt („spoofing“) oder sie konfiguriert Audio-CDs so, dass sie nur im herkömmlichen CD-Player genutzt werden können, aber im CD-Rom-Laufwerk des PC – und mitunter auch im portablen CD-Spieler – ein Datenchaos hinterlassen.

Industrie greift zu Sabotage-Methoden

Die Methoden sind nicht unumstritten. Kritiker meinen, die Industrie sei dabei, den Konsum ihrer Ware zu kontrollieren. So wird im amerikanischen Kongress ein Gesetzentwurf diskutiert, ob man der Musikindustrie die Sabotageakte verbieten soll. An gesetzlichen Grundlagen für den Schutz von Urheberrechten wird auch in Deutschland gearbeitet. Private Musik-Kopierer, die keine kommerziellen Interessen mit gebrannten CDs verfolgen, dürften aber vor Strafen geschützt bleiben.

Die Netzgemeinde hilft sich unterdessen selbst und arbeitet angeblich an so genannten Fake-Filtern, die die inhaltsleeren Datei-Attrappen erkennen, die die Konzerne in Umlauf bringen. Auch die mit Kopierschutz versehenen CDs stellen inzwischen keine Hürde mehr für kundige Musik-Brenner dar. Kopierschutzdetektoren, die erkennen, ob die Silberscheibe eine Sperre enthält, lassen sich zum Beispiel bei www.clonywelt.com noch ganz legal herunterladen. Der Dienst gibt auch gleich hilfreiche Tipps, wie sich geschützte CDs kopieren lassen. Sollten allerdings die Kopiersperren der Musikindustrie wie geplant bis Ende des Jahres in der Europäischen Union rechtlich geschützt werden, machen sich auch private Nutzer der Software strafbar.Henrik Mortsiefer

Mehr im Internet unter:

www.kazaa.com , www.listen.com , www.popfile.de , www.clonywelt.com

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