Wirtschaft : Herbert Buhtz

(Geb. 1911)||„Ach so, hat der Buhtz wieder was gewonnen?“

Veronika de Haas

„Ach so, hat der Buhtz wieder was gewonnen?“ Herbert Buhtz war perfekt vorbereitet. Im Winter hatte er sich noch am Knie verletzt, doch die Qualifikation lief problemlos. Jetzt fing er sich auf der Schiffsreise eine Angina ein. Im Einer konnte er auf keinen Fall starten. Es ging um die Olympischen Spiele, er war der europäische Ruderfavorit.

Dass er überhaupt nach Los Angeles durfte, war nach der Sache in Henley nicht einmal selbstverständlich. Bei der vornehmen englischen Ruderregatta hatte Herbert Buhtz die berühmten „Diamonds Sculls“ gewonnen – und damit auch das Wohlwollen einiger Damen. Darauf hätte er nicht eingehen dürfen, fanden die Funktionäre. Es war das Jahr 1932, am Bootsplatz des Berliner Ruder-Clubs hing ein Schild: „Für Frauen und Hunde ist der Zutritt untersagt“.

Eine Medaille holte Herbert Buhtz in Los Angeles trotz Fieber und Funktionärsgroll: Silber im Doppelzweier. Für Gedanken über verpasste Chancen blieb ihm nicht viel Zeit. Schließlich war der Sportler auch Student der Zahnmedizin. Einer seiner Professoren bezog die Tischklopfbegrüßung der Studenten gar nicht auf sich; er fragte immer: „Ach so, hat der Buhtz wieder was gewonnen?“

Die Ruderlaufbahn hatte wenig erfreulich begonnen. Als der Vater ihm beim Bootsausflug die Ruder in die Hand drückte, fiel ihm eins ins Wasser und er fing sich eine Ohrfeige ein. In Magdeburg, wo er zur Schule ging, trat er dennoch in einen Club ein – und war schon bald Deutscher Meister. Nach seiner Schulzeit bat er den Berliner Ruder-Club um Aufnahme, einen der besten Vereine des Landes. Zunächst sollte er sich dort in der dritten Achterbesetzung bewähren, aber schnell kamen auch die Berliner dahinter, was für einen fleißigen Goldjungen sie sich ins Boot geholt hatten. Der wohnte direkt im Vereinshaus am Wannsee, ließ morgens um fünf das Boot zu Wasser und drehte nach den Vorlesungen auch noch ein paar Runden.

Unzählige Siege holte er nach Hause, nur kein Olympiagold. 1936, als die Spiele in Berlin stattfanden, heiratete er seine Freiburger Freundin Gertrud, eröffnete eine Praxis, bekam ein Kind und hatte kaum noch Zeit fürs Training. Seine Laufbahn beendete er zwei Jahre später mit einem EM-Sieg im Achter.

1947 wurde er Erster Vorsitzender des einzigen Ruderclubs im Nachkriegs-Berlin. Doch das Ehrenamt wuchs ihm über den Kopf, 1951 nahm er einen Trainerposten an, den ihm ein Freund im Ruderverein „Vasco da Gama“ in Rio de Janeiro vermittelte. Tagsüber ließ er dort den Nachwuchs rudern, abends büffelte er Portugiesisch für die Zulassung als Zahnarzt. Doch Brasilien brachte ihm kein Glück. Die Familie fühlte sich nicht wohl, Herbert junior kam bei einer Explosion ums Leben.

Am Flughafen Tempelhof nahmen die alten Freunde aus dem Ruderclub die Buhtz’ in Empfang. Nach Brasilien fuhren sie nie wieder. Keines der Kinder wurde Rudersportler, der jüngere Sohn dafür Zahnarzt. Mit ihm teilte sich Herbert Buhtz die Praxis.

Der sportliche Ehrgeiz hat den einstigen Olympioniken nie verlassen. Die Zeiten mussten immer stimmen: Beim Wandern in Kärnten oder auf den Bahnen im Schwimmbad.

Der Zeitpunkt, an dem seine Frau starb, stimmte nicht. Er hatte anders geplant und für ihr Leben nach seinem Tod vorgesorgt. Vielleicht war es ja der Sport, der ihm das längere Leben bescherte. 95 ist er geworden. Zum Geburtstag kam die Bezirksbürgermeisterin vorbei, und ein paar Journalisten wollten noch einmal wissen, wie das war vor 74 Jahren in L.A. Als Herbert Buhtz zwei Monate später starb, wehten im Berliner Ruder-Club die Fahnen auf Halbmast.

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