Wirtschaft : Hildegard Remler

Geb. 1906

Alexander Remler

In Heiligensee besserte sie Strumpfhosen aus und erfuhr alles. Die Geschichten, die sie erzählte, hat sie alle selbst erlebt. Die von der Frau des letzten deutschen Kaisers etwa, der sie vor Aufregung beinahe die Hand geschüttelt hätte, anstatt vor ihr einen Knicks zu machen. Von der ersten Rundfunksendung der Welt, als sie plötzlich die Stimme eines fremden Mannes in ihrem Zimmer hörte. Oder von den Hennigsdorfer Stahlwerkern, die im Juni 1953 an ihrer Gartenlaube vorbei ins Regierungsviertel marschierten.

Der Erste Weltkrieg. Eines Abends, im Herbst 1918, klopft es an der Tür. Hildegard ist gerade zwölf Jahre alt. Die Mutter öffnet. Steht plötzlich Eugen da, Hildegards Vater, der eigentlich an der Ostfront in Russland sein sollte. „Um Himmels Willen, was machst du denn hier?“, fragt sie ihn erschrocken. Auf Desertion steht die Todesstrafe. Eugen meint: „Wenn der Kaiser abhauen darf, dann darf ich’s schon lange.“

Die Goldenen Zwanziger. Hildegard wohnt noch immer bei den Eltern. Der Vater ist Hausmeister bei einem jüdischen Gesellschaftsverein mit Repräsentanz am Potsdamer Platz. An einem Sonnabend tritt hier die Nackttänzerin Celly de Rheydt auf. Im Publikum ausschließlich Männer. Nein, auf der Galerie, hinter einer Säule versteckt, steht Hildegard. „Als endlich alle Hüllen fielen, ging das Licht aus“, hat sie erzählt. „Typisch.“

Der Zweite Weltkrieg. Hildegard, nun als Vorzimmerdame beim Oberkommando des Heeres beschäftigt, hat zehn Jahre nach ihrer Hochzeit endlich einen Sohn bekommen – „geübt haben wir ja lange genug.“ Im November 1943 feiert sie in ihrer Schöneberger Wohnung den Geburtstag ihres Vaters, als die Sirenen heulen. Alle nach unten! Als sie im dunklen Keller sitzen, fällt eine Fliegerbombe in das Haus. Hildegard kann sich mit Sohn Wolfgang gerade noch unter einen Tisch retten. Nach mehreren Stunden gräbt ihr Mann Alwin die beiden aus. „Und vom Haus? War nichts mehr zu sehen.“ An dieser Stelle hat sie Jahrzehnte später noch angefangen zu weinen.

Die Nachkriegszeit, bescheidene Jahre. Mit Alwin und Wolfgang lebt sie in einer Ein-Zimmer-Sommerlaube in Heiligensee. Sie hatte ein kleines Geschäft, in dem sie Strumpfhosen ausbesserte, und das war der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes. Alle Frauen kamen zu ihr, nichts blieb ihr verborgen. Den kleinen Klaus, der zum Spielen zu Wolfgang wollte, fragte sie: „Was macht denn deine Mutti?“ „Die liegt auf dem Küchentisch und schläft. Und Onkel Kurth steht davor und passt auf, dass sie nicht herunterfällt.“ Wenn sie diese Geschichte erzählte, sind Hildegard auch immer die Tränen gekommen. Vor Lachen.

Sie war eine Frau mit einem starken Willen. Mit 59 Jahren wollte sie den Führerschein haben; ihr Mann fand, dass das nun wirklich nicht mehr sein müsse. Sie lernte fahren und kaufte – gegen den Willen ihres Mannes – einen VW Käfer.

Alwin starb 1970. Zusammen waren die beiden glücklich gewesen, allein war es Hildegard auch. Noch mit 98 Jahren führte sie ihren Haushalt allein. Einen Tag vor ihrem Tod stellte man ihr die beiden Pflegerinnen vor, die ihr zukünftig helfen sollten. Aber das hat sie wohl nicht mehr gewollt.

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