Wirtschaft : Hildegart Wiehe

Geb. 1919

Kerstin Decker

Sie war eine tugendhafte Frau: tendenziell unbesiegbar. Dreißig Jahre lang ging Britta jeden Sonnabendmorgen zu ihrer Tante frühstücken. Und zwar Punkt acht. Britta wäre gern etwas später aufgestanden. Wenn sie spät dran war, fuhr sie etwas schneller – es war noch nicht viel Verkehr in Berlin so kurz nach Sonnenaufgang –, denn wenn ihre Tante etwas nicht ausstehen konnte, dann war das Unpünktlichkeit. Wenn die Tante um zehn nach acht hätte frühstücken wollen, hätte sie die Nichte schließlich für zehn nach acht eingeladen.

Vielleicht war es bei einem dieser Frühstücke gewesen, dass Hildegart Wiehe ihrer Nichte eine erstaunliche Mitteilung machte. Nie habe sie, Hildegart Wiehe, in Familienkreisen meist „Ante“, von Minderheiten auch „Tante Pömmi“ genannt, etwas mit einem Mann gehabt. Nie! Keine Liebesgeschichte, nichts. Nun war Hildegart Wiehe nicht die Frau, von der man sich so etwas mal genauer erklären lässt. Denn Ante-Pömmi war eine Respektsperson. Als Kind hatte Britta Angst vor ihr gehabt. Und selbst auf späten Familienfotos ist auf den ersten Blick klar, wer den Vorsitz der Tafel innehat.

Es ist nicht ganz unüblich, mit älteren Menschen zu sprechen, als seien sie nicht bei Trost. Undenkbar, jemand wäre Hildegart Wiehe so begegnet. Nun reißen Sie sich aber mal zusammen, junger Mann!, hätte sie gesagt und den Betroffenen angeguckt, als sei er zehn Minuten zu spät zum Frühstück erschienen, mindestens.

Nein, dieses Nie-habe-ich... war einfach eine Mitteilung. Ihre Stimme zitterte nicht im Bewusstsein eines gewissen Bedauerns. Andererseits hätte man ihr das auch nicht angemerkt. Sie hatte Form. Sie besaß Stil. Sie hieß Hildegart.

Hildegart. Eine Name wie eine Festung, und das „t“ war nur die letzte Zinne obendrauf. Aber welcher Mann will eine Respektsperson heiraten? Wer verliebt sich in eine Festung?

Aber nein, das ist zu einfach. Denn Hildegart Wiehe gehörte einer Generation an, in der Männer Frauen noch eroberten, gern auch im Sturm. Tugend – das Wort klingt unheilbar historisch. Aber es ist noch nicht lange her, da hätte jeder gewusst, was das ist, eine tugendhafte Frau: Es ist eine tendenziell unbesiegbare Frau, manchmal im hohen Alter noch Fräulein genannt.

In Hildegart Wiehes Kreisen wusste man es vielleicht am längsten. Sie war die jüngste von vier Schwestern, und als Tochter eines Richters das, was man eine „höhere Tochter“ nannte. Also eine, der das Leben zufällt wie ein Geschenk. Die Schwestern studierten, denn sie hatten einen fortschrittlichen Vater, aber Hildegart wollte nicht studieren. Die höhere Tochter in Hildegart wusste: Geschenke darf man auch ablehnen. 1943 wurde sie Kinderkrankenschwester. Vor 1945 und nach Kriegsende war es sicherer, nicht ganz unorganisiert in der Welt herumzustehen. Die Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes nahm sie auf, wurde ihre Familie, und Kinder hatte sie auch, sogar sehr viele, und fast immer ganz kleine: Hildegart Wiehe war eine vorbildliche Säuglingsschwester. Und trotzdem kam, viel später, der Tag, da eine Psychologin sie und ihre Mitschwestern beiseite nahm und sagte: Sie müssen die Babys in den Arm nehmen, die brauchen das. Nun steckte auch Hildegart Wiehe die Milchflasche nicht mehr durchs Bettchengitter, sondern nahm jedes Kind einzeln in den Arm.

Zu der Zeit, als Hildegart Wiehe begann, jedes zur Adoption freigegebene Kind des Kinderheimes „Teddybär“ einzeln in den Arm zu nehmen, sagten sich die Töchter und Söhne ihrer drei Schwestern: Ich hab’ noch eine Tante in Berlin! Keine der Schwestern war in Berlin geblieben, aber deren Kinder wollten hier studieren. Und die erste Station war für fast alle Tante Hildegart im Grunewald. Schlag vier gab’s Kaffee. Die Kinder ihrer Schwestern gehören zu der Generation, die gerade ganz andere Werte im Leben entdeckte als die Pünktlichkeit, aber sie haben es jedes Mal fast bis um vier geschafft. Ich muss mich entklemmen!, ermahnte sich Hildegart Wiehe viele Jahre später, die neue Jugend entklemmte sich schon jetzt radikal.

Nichte Britta blieb in Berlin, sie bekam ein Kind. Das war Sarah. Sarah verstand nie, wie andere Kinder ohne eine „Ante“ groß werden, und kannte keine Rücksicht darauf, dass „Ante“ sich den ganz nahen menschlichen Kontakten nicht unbedingt gewachsen fühlte. Sie nahm sie bis zuletzt rücksichtslos in den Arm. Hildegart, die geschleifte Festung, ließ es geschehen. Wenn Sarah das unabweisbare Bedürfnis spürte, als Räubermädchen Frieda auf die Straße zu gehen, hatte sie keinen besseren Komplizen als Hildegart mit Nadel, Faden und Fantasie. Und als die Großnichte in das Alter kam, da sie es unzumutbar fand, ohne Nixenkostüm in eine Badewanne zu steigen, war „Ante“ die Erste, die das einsah.

Eigentlich hatte sie alles. Sie hatte die Schwesternschaft des DRK als Oberfamilie, einen Patensohn und Brittas Familie als Ersatzfamilie. Und sie hatte Sarah, die irgendwie auch ihr Kind war. Wie viele Frauen sind schon mit Männern unglücklich geworden! Alles im Leben ist zuletzt eine Formulierungsfrage. Ich hatte nie etwas mit einem Mann, heißt doch viel besser: Ich war nie unglücklich mit einem Mann! Und trotzdem. Letztes Jahr zu Weihnachten fing es an. Hildegart Wiehe fragte sich, ob sie alles falsch gemacht hatte im Leben. Das war ernst. Sie haderte mit ihrem Dasein, kein Trost half mehr. Dann ging alles ganz schnell. Ein Arzt wies sie in die Psychiatrie ein; sie kam bald in die geschlossene Abteilung. Man hatte sie mit einem Berlin-Stadtplan beobachtet und das als Vorbereitung eines Fluchtversuchs gedeutet. Guck mal, ich bin nur noch ein Mündel!, sagte Hildegart Wiehe, als Britta sie besuchte, unfassbar traurig, dass ausgerechnet ihr das passieren konnte, Hildegart mit „t“, der Respektsperson.

Sie muss hier raus, dachte Britta. Am Tag, als sie den Pflegeheimplatz hatte und ihre Tante aus der Psychiatrie abholen wollte, starb Hildegart Wiehe.

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