Wirtschaft : Hinter den sieben Bergen

Kinderzimmer werden zum Showroom für modernes zeitgenössisches Design

Nora Sobich

Im Kinderzimmer ist der Mond aufgegangen. Wie unter einem Vergrößerungsglas leuchten bei der Pendelleuchte „Moonbuzz“ die Gebirgsformationen des 400 000 Kilometer entfernten Gestirns. Der mondrunde Kindertraum ist eine 3-D-Nachbildung aus Kunstharz, entworfen von einem wahrhaft ausgewiesenen Mond-Spezialisten: dem Astronauten Buzz Aldrin, der 1968 gemeinsam mit Neil Armstrong den Mond betrat. Gut ein Dutzend Promis engagierte das englische Designunternehmen „Habitat“ für seine im Frühling präsentierte „VIP“-Kinder-Kollektion: Neben dem Astronauten Buzz Aldrin gehörten zu den Saisondesignern international bekannte Schriftsteller, Schauspieler und Fotomodells. Sophie Dahl entwickelte – inspiriert von den Schönheitsritualen ihrer Großmutter – eine art-deco-artige Miniatur-Schminkkonsole, die bezahlbar ist wie fast alle der „Very important Products for Kids“. Der Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe dachte sich einen zum Toben perfekt geeigneten Baukastenwürfel namens „Cu-Bed“ aus, und die Titanic-Heldin Kate Winslet in Erinnerung an eigene Kinderwünsche eine mit vielen Fächern und Schlüsseln versehene Geheimtruhe.

Der Markt für Kindermöbel ist nicht nur den Promis zur Spielwiese geworden. Als wollte man der alternden Gesellschaft Beine machen, bringen neuerdings auch Einrichtungsfirmen, die bislang gar nicht dafür bekannt waren, bezaubernde kleine Kindermöbel heraus. Das italienische Unternehmen „Poltrona Frau“ bietet seinen Longseller „Vanity Fair“, einen klassisch strengen Ledersessel, als niedliche Minivariante an. „Ligne Roset“ stellt seinen berühmten Knautschsessel-Klassiker „Togo“, einen gemütlichen Entwurf aus den Siebzigerjahren, als Kleinkind- und Babyvariante her. Und auch den legendären Kunststoff-Freischwinger von Verner Panton gibt es inzwischen als Kindervariante. Mit dem Panton-Chair im Junior-Format hat „Vitra“ eine Idee umgesetzt, die der Designer Panton schon Ende der Fünfzigerjahre hatte, damals aber nicht realisieren konnte. Dass Kindern von namhaften Architekten und Designern eine eigene Möbel- und Wohnwelt entworfen wird, ist nicht ganz neu. In großbürgerlichen Haushalten war die kindliche Miniaturmärchenwelt geradezu Statussymbol und reichte vom verspielten kleinen Gartenhäuschen bis zum Kinderzimmer-Gesamtkunstwerk im Stil vergrößerter Puppenstuben. Der Bauhäusler Peter Keler entwarf in den Zwanzigerjahren eine kleine Wiege, deren durchdachter Bauhaus-Charakter kaum zu übersehen ist. Geradezu berühmt für seine Kinderwelten wurde das amerikanische Designerpaar Charles und Ray Eames.

Bei vielen der designambitionierten Entwürfe, die derzeit für Kinder angeboten werden, fragt man sich allerdings, ob sie nicht bloß den Ansprüchen der Eltern genügen sollen. So wie große Modemarken mit elterngerechter Label-Kleidung in Kindern eine lukrative Zielgruppe entdeckt haben, scheint die Kollektionserweiterung mit Kindermöbeln auch im Möbeldesign nicht zuletzt an die Eltern gerichtet. Statt dem Nachwuchs jenseits von wilhelminischer Struwel-Peter-Didaktik ein verspieltes kleines Paradies zu bauen, in dem es so chaotisch zugehen darf, dass bei Besuch besser die Türen des Zimmers geschlossen werden, wird mit kostspieliger Markenware das Kinderzimmer zum modischen Vorzeige-Showroom für angesagtes Design.

Doch was ist kindgerechtes Design? Der bonzig luxuriöse Stahlrohr-Kindersessel von „Living Jewels“, der so aussieht, als sollten sich in ihm die Kleinen kultiviert zum Zeitunglesen niederlassen? Die lustigen Haushaltswarenprodukte der italienischen Designfirma „Alessi“, die mit ihrer „Haribo“-Emotionalität alle Generationen ansprechen wollen? Oder der verstellbare und pädagogisch korrekte „Stokke“-Kinderhochstuhl „Tripp Trapp“? In seiner zweckmäßigen Verarbeitung ist dieser erfolgreiche Kindermöbel-Bestseller nicht nur praktisch, sondern entspricht auch dem alten „Werkbund“-Gedanken der Geschmackserziehung und Heranführung an gute Qualität. Entworfen hat ihn in den Siebzigerjahren der norwegische Designer Peter Opsvik für seinen eigenen Sohn.

Oft liegen die Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenendesign auch gar nicht weit auseinander. Während der asketische Design-Minimalismus der Neunzigerjahre bei Kindern wohl weniger gut ankam, waren viele der Sechziger- und Siebzigerjahre-Möbel geradezu echte Familienstücke. Heute geht die Designsprache oft wieder in eine emotional verspielte Richtung. „Cartooneffekt“ nannte man das mal bei „Alessi“. Der sogenannte „Comic-Stuhl“, den jüngst das brasilianische Designer-Brüderpaar Campana aus Stofffiguren entwarf, treibt die Naivität so weit, dass man kaum glauben mag, dass das Objekt tatsächlich bei irgendwem im Wohnzimmer steht.

Immerhin strahlen viele der derzeitigen Designer-Kindermöbel statt Stardesign und Markenkult vor allem Spaß am Gestalten einer kreativen Kinderwelt aus. Der wunderbare japanische Designer Naoto Fukasawa entwarf für „Driade“ eine Serie süßer Stühlchen und Tischchen namens „Anyo Stool“ und „Anyo Chair“.

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