Hochfrequenzhandel : Schäuble will Tempolimit für die Börse

Wie riskant der Computerhandel an der Börse sein kann, ist nicht erst seit der jüngsten Panne bei Knight Capital bekannt. Finanzminister Schäuble sucht nach Regeln, den Hochfrequenzhandel künftig strenger zu kontrollieren.

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Will mit seinem Gesetz Vorreiter in Europa sein: Wolfgang Schäuble.
Will mit seinem Gesetz Vorreiter in Europa sein: Wolfgang Schäuble.Foto: dpa

Es waren Computerprobleme und eine offenbar fehlerhafte Software: Beides führte Ende Juli dazu, dass der US-Finanzdienstleister Knight Capital massenhaft falsche Handelsaufträge schrieb und mit einem Mal auf einem Berg viel zu teuer gekaufter Aktien saß. Mit 400 Millionen Dollar musste die Firma gerettet werden.

Der Vorfall zeigt die Risiken beim Einsatz von Computern an der Börse. Die bestehen auch beim Hochfrequenzhandel, bei dem Wertpapiere in Mikrosekunden ge- und verkauft und Milliarden hin- und hergeschoben werden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will diesen bisher kaum kontrollierten Bereich jetzt mit einem Gesetz regulieren.

Beim Hochfrequenzhandel geht es um Schnelligkeit. Dabei nutzen Banken und Wertpapierfirmen verschiedene Strategien: Per Computer werden laufend Preisunterschiede für Wertpapiere an verschiedenen Börsen analysiert. Schon bei Differenzen von wenigen Cent winken satte Gewinne, weil es in der Regel um große Aufträge geht und pro Tag etliche Geschäfte getätigt werden. An Börse A wird günstig gekauft, an Börse B teurer verkauft. In der Spitze wird innerhalb von 250 bis 300 Mikrosekunden, also innerhalb von einer Viertelsekunde, gehandelt.

An der Deutschen Börse entfallen nach Angaben eines Sprechers 45 bis 50 Prozent des Auftragsvolumens auf den Hochfrequenzhandel und das Algo-Trading, bei dem Computer Börsengeschäfte ebenfalls mit hoher Geschwindigkeit abwickeln. Rund ein Viertel der bei der Deutschen Börse registrierten Banken und Finanzdienstleister praktizieren den schnellen Handel. In den USA sollen es bereits 70 Prozent der Orders sein.

Die Folgen dieses Börsenhandels sind umstritten. „Den Hochfrequenzhandel generell zu verteufeln, geht in die falsche Richtung. Entscheidend ist die jeweilige Strategie“, sagt Peter Gomber, Professor für elektronische Finanzmärkte an der Uni Frankfurt. Mit einzelnen Strategien sei die Gefahr von Manipulation verbunden. Viele andere sorgten aber für Liquidität im Markt und sicherten Preiseffizienz. Elke König, Chefin der Finanzaufsicht Bafin, betont hingegen, der Hochfrequenzhandel sei ein Gefahrenherd, der Übertreibungen am Markt und Krisenentwicklungen an der Börse verstärken könne.

Gesetzliche Regeln für den Hochfrequenzhandel gibt es derzeit nicht. Das will Schäuble mit dem Entwurf für ein „Gesetz zur Vermeidung und Gefahren im Hochfrequenzhandel“ ändern. König fordert wie bei schnellen Autos, für die eine Tempo-Beschränkung von 250 Kilometer gilt (obwohl mehr möglich wäre) auch ein Tempolimit an der Börse. Anfang 2010 pochten bei einer Umfrage des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zwei Drittel von 200 Finanzexperten auf verschärfte Regeln. 70 Prozent sahen im Hochfrequenzhandel eine Gefahr für die Finanzstabilität.

Schäubles Vorstoß trifft durchaus die Erwartungen der Börsenbetreiber, obwohl sie mit dem Hochfrequenzhandel gute Umsätze tätigen. Aber sie sorgen sich gleichzeitig, dass der schnelle Handel ihre Systeme überlasten könnte. Es sei gut, dass Rechtssicherheit gelten solle, heißt es bei der Deutschen Börse. Auch Finanzmarktexperte Peter Gomber lobt die Initiative. Christoph Boschan, Geschäftsführer der Börse Stuttgart, spricht von einem nützlichen Vorstoß, gerade aus Sicht einer Privatanlegerbörse. Stuttgart hat längst Obergrenzen für Orders eingezogen. Marktteilnehmer, die sich nicht daran halten, werden im Extremfall vom Handel ausgeschlossen. An der Frankfurter Börse müssen Hochfrequenzhändler, die pro Tag eine bestimmte Obergrenze von Wertpapieraufträgen einstellen, seit März höhere Gebühren zahlen.

Mit solchen Vorgaben will man einen „Flash Crash“ wie 2010 an der Wall Street verhindern. Damals stürzte der Dow-Jones-Index innerhalb von Minuten um 1000 Punkte ab, ohne dass es einen äußeren Anlass gegeben hatte. Hochfrequenzhändler hatten die Börse mit Verkaufsaufträgen überflutet.

Es geht auch um möglichen Missbrauch. Bafin-Chefin König beklagt, dass Hochfrequenzhändler sehr oft Kaufaufträge abgeben, dann aber nicht kaufen. Experten zufolge wird mitunter nur eine von 60 Orders tatsächlich ausgeführt. Damit werde aus Eigeninteresse der Preis getrieben, um die Aktie dann doch zu verkaufen, statt zu kaufen. Der Markt werde manipuliert, auch zum Nachteil von Kleinanlegern, Pensionskassen, Lebensversicherungen und Investmentfonds.

Dies soll künftig verhindert werden. Hochfrequenzhändler sollen von der Bafin beaufsichtigt werden. Sie müssen ihre Rechner, Handelssysteme und die Organisation so ausrichten, dass sie den Markt nicht stören. Manipulationen sollen bestraft werden. Wann die Regulierung kommt, ist offen. Schäuble prescht vor: Nach der europäischen Finanzdienstleistungsrichtlinie Mifid sind Regelungen erst 2015 vorgesehen.

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