Wirtschaft : Hochgeschwindigkeitszüge: Mit Tempo 350 durch Spanien

Ralph Schulze

Spanien will sich als Pionier im Eisenbahnbau profilieren. Spätestens in vier Jahren sollen Hochgeschwindigkeitszüge mit Tempo 350 durchs Land rasen. Eine Revolution in der Eisenbahntechnik, denn derzeit gibt es noch keinen Zug in der Welt, der im regulären Linienbetrieb dieses Supertempo erreicht. Der Auftrag für das milliardenschwere Zukunftsprojekt wird unter zwei High-Tech-Unternehmen aufgeteilt: Dem Siemens-Konzern und der spanischen Talgo-Eisenbahngesellschaft. Beide sollen 16 High-Speed-Züge konstruieren. Die französische Alstom-Gruppe ging leer aus, soll aber Folgeaufträge bekommen.

Die erste Strecke, über welche die neuen Züge mit 350 Stundenkilometern (km/h) fliegen, wird Madrid mit Barcelona verbinden. Die 651 Kilometer lange Trasse mit mehreren Haltepunkten soll in zweieinhalb Stunden zurückgelegt werden. Das wäre eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 260 km/h; bisher brauchen die Schnellzüge für diese Strecke mehr als sechs Stunden. Zum Vergleich: Frankreichs TGV aus der Alstom-Werkstatt rast auf seiner schnellsten Trasse Paris-Lyon mit im Schnitt 235 km/h, der deutsche ICE von Siemens erreicht zwischen Mannheim und Stuttgart rund 192 km/h.

Der Auftrag ist eine technische Herausforderung. Auch deshalb will Spaniens Regierung die Entwicklung der Züge und Lokomotiven auf mehrere Eisenbahnbauer und Zugmodelle verteilen. Außerdem dürfte die Feuertaufe der fliegenden Züge auf der Referenzstrecke Madrid-Barcelona auch für die Auftragsvergabe für das weitere innerspanische Hochgeschwindkeitsnetz wichtig sein.

Der Superzug von City zu City wird schneller als jede Flugreise sein. Und Madrid - Paris werden in der Zukunft nur noch sieben Zugstunden auseinander liegen, statt wie bisher gute 19 Stunden.

Dieser Ausbau des Bahnnetzes gilt in der Branche als "Jahrhundertauftrag". Allein für die 32 Züge, die über die Strecke Madrid-Barcelona rasen werden, will der Staat 750 Millionen Euro ausgeben. Die spanischen Bahninvestitionen bis zum Jahr 2007 werden auf satte 28 Milliarden Euro geschätzt.

Doch das Wichtigste dürften die winkenden internationalen Folgeaufträge sein: Das geplante europäische Hochgeschwindigkeitsnetz, das den gesamten Kontinent einmal durchziehen soll. Und der potenzielle europäische Exportartikel "Eurotrain", an dem Europas Bahnindustrie gemeinsam bastelt und den sie weltweit verkaufen will - ermutigt von den gemeinsamen Anstrengungen in der Luftfahrt unter dem Dach des Airbus-Konsortiums.

Von den zwei Konzernen, die nun Spaniens Bahnzukunft bestimmen sollen, hat bis heute nur Siemens bewiesen, dass er einen Zug bauen kann, der Tempo 350 erreicht. Eine Weiterentwicklung des ICE schaffte jüngst die Spitze von 365 km/h.

Talgo, die spanische Eisenbahnfabrik, hat bisher noch überhaupt keine Hochgeschwindigkeits-Erfahrung. Die Spanier, die mit der zum Verkauf stehenden deutschen Daimler-Chrysler-Tocher Adtranz kooperieren, sind wohl vor allem aus nationalen industriepolitischen Gründen berücksichtigt worden.

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