Wirtschaft : Hoffen und Bangen im Hennigsdorfer Adtranz-Werk

FRANK HOFMANN[HENNIGSDORF]

Gedrückte Stimmung in der größten deutschen Fabrik des Unternehmens: Ende 1997 soll klar sein, wieviele der 3200 Stellen wegfallenVON FRANK HOFMANN, HENNIGSDORF

Adtranz-Mitarbeiter bevorzugen Hausgeräte von AEG: Nicht unbedingt aus guter Erfahrung, sondern weil für sie der Preis so günstig ist.Der "AEG-Hausgeräte-Shop" neben der Kantine der größten deutschen Adtranz-Fabrik, der ABB Daimler-Benz Transportation GmbH in Hennigsdorf, bietet den 3200 Beschäftigten derzeit "besondere Mitarbeiterpreise zur Weihnachtszeit". Der Laden ist ein Relikt aus alten Tagen, als die Stuttgarter Daimler-Benz AG ihre Tochter AEG noch nicht aufgelöst hatte.Damals arbeitete ein Teil der heutigen Hennigsdorfer Adtranz-Beschäftigten noch unter dem Dach der AEG in Berlin-Spandau.Der diesjährige Weihnachtseinkauf ist freilich getrübt: Bis Jahresende wird es in Hennigsdorf 360 Arbeitsplätze weniger geben.In den kommenden zwei Jahren will die deutsche Adtranz weitere 1800 Stellen streichen, viele davon in dem Werk bei Berlin.Bis Ende Dezember soll feststehen wieviel: In den Fabrikhallen herrscht Unruhe. "Wir wissen überhaupt nicht, was die wollen", sagt ein Arbeiter im Werk 24 sichtlich hilflos.Hier werden Stromabnehmer für Straßenbahnen und Züge gefertigt.Ein Schulterzucken soll seine Worte unterstreichen: Seit der Ankündigung des Stellenabbaus bekommen die Beschäftigten im Werk 24 einen Besuch nach dem anderen."Hier laufen fast jede Woche Leute aus Niedersachsen herum, von denen es heißt, sie würden unseren Teilbereich kaufen wollen", sagt der Facharbeiter und deutet mit einer Handbewegung auf die zahlreichen Werkbänke, an denen die Stromabnehmer zusammengeschraubt werden."Offizielle Informationen darüber haben wir aber noch nie bekommen." Das Schwarze Brett beläßt die Beschäftigten im Ungewissen. An den Werkbänken greifen hier flinke Hände in rote und blaue Industriekisten, holen Schalter für Schalter, Stecker für Stecker heraus und fügen die Teile zusammen.Auf dem grauen Kunststoffboden warten die Endprodukte - voll mit Elektronik - auf den Abtransport in die gegenüberliegende Montagehalle."Wir machen hier alles: Vom einzelnen Schalter bis zur Endmontage der Stromabnehmer", sagt der Mitarbeiter im Blaumann bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwendet, - ohne weiter darüber nachzudenken, daß er damit das Kernproblem des Adtranz-Werkes getroffen hat: Die hohe Fertigungstiefe. Ende September hatte Kaare Vagner, der Vorstandsvorsitzende der Adtranz-Holding, dem weltweit größten Schienentechnik-Konzern, die Konzentration auf "Kernkompetenzen" verordnet.Die in Hennigsdorf besonders hohe Fertigungstiefe soll verringert und die Produktionskosten bis zum Jahr 2000 um 35 Prozent gesenkt werden.Sein 55jähriger Vize im Vorstand der Holding und Deutschland-Chef Rolf Eckrodt hat zudem den Wettbewerb "mit allen anderen Adtranz-Standorten weltweit" ausgerufen. Seither drehen sich die Fragen in den Werkshallen am Hennigsdorfer Rathenaupark vor allem um eines: Was gehört zur Kernkompetenz und was nicht? Muß ein Hersteller von Fern- und Nahverkehrszügen Stromabnehmer im eigenen Haus herstellen, fragt sich ein junger Techniker.Wie sieht es mit den Bedienungsknüppeln in der Fahrerkabine einer Straßenbahn aus? "Baut die Autoindustrie ihre Lenkräder nicht selber?", fragt sich der Endzwanziger, während er die Funktionstüchtigkeit einer jener Knüppel kontrolliert, mit denen die Fahrer der Berliner Verkehrsbetriebe die Niederflurstraßenbahnen durch die Spree-Metropole steuern.Kernkompetenz? "Wer weiß das schon." Der Flurfunk jedenfalls soll berichtet haben, daß Werk 24 "frühestens in einem Jahr verkauft wird".Zuvor habe es noch geheißen, "wir werden jetzt gleich verlagert".Auch der junge Nachwuchstechniker quittiert seine Worte mit der vertrauten Bewegung - Schulterzucken. Die Stimmung in der Belegschaft ist "denkbar schlecht", sagen die Betriebsräte.Die Ankündigungen zum Arbeitsplatzabbau, die im September kurzfristig zu Arbeitsniederlegungen führten, hätten das ohnehin "schwierige Arbeitsklima" noch verschlechtert.Auch zwei Jahre nach der Fusion der Bahnbereiche der schwedisch-schweizerischen ABB (Asea Brown Boveri) und von Daimler-Benz, führen unsichtbare Trennlinien durch das Unternehmen, sagen die Interessenvertreter.Und das nicht nur entlang der ehemaligen ABB Daimler-Benz-Betriebe, "sondern auch zwischen Ost und West". Bei Adtranz arbeiten die verbliebenen Beschäftigten des Hennigsdorfer VEBs zusammen mit ehemaligen AEG-Werkern aus Berlin-Spandau."Ich habe schon oft gesehen, daß ehemalige Ostbeschäftigte zusammenstehen", sagt Betriebsrat Zeynel Balki."Wenn dann einer aus Spandau dazukommt, gehen sie schnell wieder auseinander.Das ist so, wie es früher mit uns Ausländern war." Der einst als Gastarbeiter nach West-Berlin immigrierte IG-Metall-Gewerkschafter, ist einer der Adtranz-Betriebsräte, die die Interessen der ehemaligen AEG-Beschäftigten aus Spandau vertreten.Die Arbeitnehmervertreter hatten sich bei den Fusionsverhandlungen Bestandsschutz erstritten.Die Trennung geht mitten durchs Werksgelände: Die Endmontage sei fest in ostdeutscher Hand, heißt es in der Baracke des Gesamtbetriebsrates flapsig. Auch die benachbarte Wagenkastenherstellung war schon zu DDR-Zeiten in Hennigsdorf.Seitdem Adtranz 75 Prozent an der polnischen Pafawag in Breslau (Wroclaw) hält, der größten Zug-Fabrik Europas, steht diese Produktion besonders unter Druck.Und dennoch: "Wir hoffen, daß wir unsere Qualitätsprobleme bald beheben können und dann mit den neuen Aluminiumkästen wettbewerbsfähig sind", sagt die Vorarbeiterin in diesem Werksteil.Ihre Hände stemmt sie dabei in die Hüfte und lächelt.Hoffnung und Frust liegen am Rathenaupark nahe beieinander. Die Hennigsdorfer Betriebsräte indes sind pessimistisch.Ihre Kollegen im Stuttgarter Gesamtbetriebsrat von Daimler-Benz haben das Unglücksszenario schon an die Wand gemalt: "Die schätzen Adtranz schon als zweiten AEG-Fall ein."

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