Wirtschaft : Hoffnung auf Südostasien

Heik Afheldt

Während seines Besuchs in Neu-Delhi und Bagalore, dem indischen Silicon Valley, kam die Rolle von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) als Promoter der deutschen Wirtschaft im Ausland zur Sprache. In seiner Begleitung reisen nicht nur die Minister Otto Schily und Werner Müller, sondern auch eine hochrangige Delegation von Unternehmern und Managern, sowie der BDI-Präsident Michael Rogowski, Siemens-Chef Heinrich von Pierer, Bahnchef Hartmut Mehdorn und der Berliner Dienstleister Peter Dussmann. Schröder, so heißt es in Regierungskreisen, sieht sich dabei nicht als Handlungsreisender einer Deutschland AG. Aber er sieht seine Aufgaben darin, der deutschen Wirtschaft im Ausland Wege zu ebnen und habe auch keine Hemmungen einmal zu sagen, man soll lieber bei uns kaufen.

Die am Dienstag mit dem indischen Ministerpräsidenten getroffene Verabredung, künftig möglichst einmal im Jahr zu Erörterungen zusammenzutreffen, markiert das wachsende Gewicht, das die Bundesregierung der asiatischen Wirtschaftsregion beimisst. Hier werden die großen Wachstumsmöglichkeiten der nächsten Jahrzehnte gesehen. Indien sei dafür ein besonders anschauliches Beispiel.

Das Land hat heute bereits 1,1 Milliarden Einwohner und wird in wenigen Jahren das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Das indische Bruttosozialprodukt ist heute erst halb so groß wie das deutsche. Darin drücke sich nicht nur ein Rückstand, sondern vor allem ein gewaltiges Potenzial aus. Siemens-Chef Heinrich von Pierer berichtete von seinem Gespräch mit dem indischen Energieminister. Demnach plant Indien in den nächsten Jahren, seine Kraftwerkskapazität um 100 000 Megawatt zu erweitern und damit zu verdoppeln. Gut ein Drittel davon als Wasserkraft.

Siemens verspricht sich davon große Aufträge auch für die Übertragungseinrichtungen. Die Firma ist bereits seit 140 Jahren in Indien tätig. Aber auch viele andere deutsche Firmen wie Bosch oder SAP haben einen Fuß im indischen Markt. Die Deutsch-Indische Handelskammer hat heute am 45. Jahrestag ihrer Gründung 6500 Mitglieder. Sie ist damit die größte deutsche Handelskammer im Ausland.

Nicht minder interessant als Wirtschaftspartner ist China, die nächste Station der Kanzlerreise. Auch dieser Markt ist riesig und wächst jährlich um gut sieben Prozent. Vor dem Abschluss stehen dort in den nächsten Tagen die Verträge über eine Reihe Milliarden schwerer Investitionsprojekte, beispielsweise der Bayer AG und des jüngsten Obi-Baumarktes in Shanghai. Besondere Aufmerksamkeit findet das im Bau befindliche Transrapid-Projekt, die Verbindung zwischen der Innenstadt und dem Flughafen dieser Stadt. Bei einem Erfolg dieser Kurzstrecke soll der Transrapid von Shanghai nach Peking weiter geführt werden.

Neben China und Indien sollen, so heißt es aus Kreisen der Bundesregierung, künftig auch die Länder Vietnam und die Tigerstaaten stärker als hoch interessante Wirtschaftspartner ins Visier genommen werden. Entsprechend würden auch die künftigen Kanzlerreisen häufiger auch in diese Staaten führen.

Der asiatische Anteil an der deutschen Außenwirtschaft werde und müsse künftig weiter kräftig wachsen. Im Gegensatz zu den positiven fernöstlichen Perspektiven, sieht die Bundesregierung, so hört man, die konjunkturellen Aussichten in Deutschland im Einklang mit den Wirtschaftswissenschaftlichen Instituten eher gedämpft. Das Arbeitsmarktziel für den kommenden Herbst, im Jahr 2002, sei nicht mehr erreichbar. Der zweifache Einbruch der amerikanischen Konjunktur schon vor und nun verstärkt nach dem 11. September habe der Bundesregierung einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Die an sich erfolgreiche Wirtschafts-, Finanz- und Arbeitsmarktpolitik der Regierung von Gerhard Schröder könne deshalb noch nicht zu dem angestrebten Erfolg führen. Vor drei Jahren bei Regierungsantritt habe keiner eine derartige Konjunkturabschwächung voraus gesehen. Sie werde aber konsequent fortgesetzt. Das Ziel einer nachhaltigen Senkung der Arbeitslosigkeit in Deutschland gelt unverändert weiter.

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