Wirtschaft : Hugo Freund

(Geb. 1919)||Seine Tarnung: Lederhandschuh an der linken Hand, den Arm steif nach unten.

Thomas Loy

Seine Tarnung: Lederhandschuh an der linken Hand, den Arm steif nach unten. Herbert 1912, Dora 1913, Elise 1914, Gerhard 1915. Dann eine Lücke, vier Jahre breit. Hugo kommt 1919 zur Welt, Irmgard 1920. Wieder eine Lücke. Ursula 1924, Gisela 1925. 1926 stirbt die Mutter. Angeblich, niemand kann es beschwören, soll der Hausarzt dem Vater zuvor mal ins Gewissen geredet haben. Die ständigen Schwangerschaften, das stehe die Mutter nicht mehr lange durch. Vergeblich.

Kurz vor Hugos Geburt sind seine älteren Brüder gestorben, erst Gerhard, fünf Tage später Herbert.

Heute würden solche Abfolgen von Tod und Leben schwere Traumata auslösen. Damals hatten die Pfarrer eine kurze, klare Antwort parat: Der Herr gibt, der Herr nimmt.

Hugo Freund hat viel gegeben. Das kann man an diesem feinen, grundzufriedenen Lächeln ablesen, das er beim Fotografen auflegte. Anzug, Krawatte, Geheimratsecken, Haare zurückgekämmt, aufrechte, wohlgenährte Statur. Ein Bild wie ein Beweis für ein erfülltes Leben, das ihm niemand mehr streitig machen kann.

Es hätte auch viel schlechter kommen können. Vom Anfang her betrachtet.

Der Vater hatte nach dem Tod seiner Frau wieder geheiratet, eine strenge Katholikin. Sonntags ging sie zur Beichte, um ab Montag wieder auf ihre Stiefkinder mit dem Rohrstock einzuschlagen. Die älteren Mädchen wurden „in Stellung“ gegeben, die kleine Gisela „wegadoptiert“. Zu Hause blieb Hugo mit zwei Schwestern.

Bald kam es auch zwischen dem Vater und der Stiefmutter zu unschönen Szenen. Mit Beil und Bratpfanne gingen sie aufeinander los, berichtete Hugo. Das Jugendamt hatte das Kinderprügeln nicht beanstandet – dass die Erwachsenen nun vor den Augen der Kinder handgreiflich wurden, bewegte die Beamten dann doch einzuschreiten.

Hugo und seine Schwester Irmgard kommen zu Bauern aufs Land, bei Landsberg an der Warthe. Dort besuchen die Kinder die Schule und den Konfirmandenunterricht. Sie sollen getauft werden. Der Vater ist jüdisch und assimiliert. Hugo weiß bis zur Taufe mit dem Wort „Jude“ nichts anzufangen. Ostern 1933 wird er konfirmiert. Es ist Zeit, eine Lehre zu machen. Hugo möchte zur Marine, bewirbt sich beim Norddeutschen Lloyd. Der Vater lässt ihn aber nicht ziehen. Bei der Marine käme ein Jude trotz Taufe nicht über den Schiffsjungen hinaus, mahnt er. Hugo soll Tischler werden, bricht die Lehre aber nach einem Jahr ab. Er will nicht den ganzen Tag in der stickigen Werkstatt stehen. Er schlägt sich mit Hilfsarbeiten durch.

1938 ist Musterung. Hugo hofft, mit seinen jüdischen Wurzeln mal im Vorteil zu sein. Dem Stabsarzt erklärt er, als „Mischling 1. Grades“ für die Wehrmacht nicht geeignet zu sein. Der Offizier fühlt sich provoziert. „Was bist du? Gesund bist du! Infanterie! Raus!“ Erst geht es zum Arbeitsdienst, dann in den Frankreich-Feldzug, als Fahrer in der Etappe. Als die Franzosen geschlagen sind, wird seine Einheit zur Vorbereitung auf den Russland-Angriff nach Polen verlegt. Jetzt kommt der Erlass, „Mischlinge“ seien aus der Truppe zu entfernen. Hugo wird als „wehrunwürdig“ entlassen. Er geht nach Berlin zurück, tritt seinen letzten Aushilfsjob wieder an, als Hausmeister und Platzanweiser in einem Kino. Dort verliebt er sich in die hübsche Uschi, 17 Jahre alt. Beziehungen zwischen „Halbjuden“ und „Ariern“ sind verboten. Heiraten geht schon gar nicht. Die jungen Liebenden überlegen, wie man die Nazis zwingen könnte, ihre Verbindung anzuerkennen. Ein Kind muss her. 1942 wird Ilona geboren. Der Plan misslingt, die bürgerliche Moral spielt in diesen Tagen keine große Rolle. Das Paar wird zur Gestapo bestellt und gezwungen sich zu „entloben“.

Der scheinheiligen Stiefmutter brauchen die Nazis nicht erst zu drohen. Sie lässt sich freiwillig vom Vater scheiden und liefert ihn so den Häschern aus. 1944 wird er nach Theresienstadt deportiert und Ende 1945 für tot erklärt. Was aus der Stiefmutter geworden ist, weiß niemand in der Familie. Es hat auch keiner mehr nach ihr gefragt.

Hugo Freund wird 1944 zum zweiten Mal einberufen, jetzt zum Arbeitsdienst in der Eifel. Dort setzt er sich von der Truppe ab, er fährt nach Berlin zurück und taucht unter. Nur selten wagt er sich aus dem Versteck bei einem ehemaligen Kollegen. In der Straßenbahn zieht er sich zur Tarnung einen Lederhandschuh über die linke Hand und hält den Arm steif nach unten. Kommen Kontrolleure der Wehrmacht auf der Suche nach Fahnenflüchtigen, grüßt er zackig mit der rechten Hand. So bleibt er unbehelligt.

Hugo Freund übersteht unbeschadet das Chaos der letzten Kriegswochen. Sein Instinkt lässt ihn die richtigen Dinge tun. Als russische Soldaten in seinem Haus nach verwertbaren Dingen stöbern, wirft er Kleidungsstücke aus dem Schrank und kippt den Mülleimer darüber aus. Die Soldaten kehren auf dem Absatz um. Nichts mehr zu holen.

Ende 1945 beginnt das gute, normale, relativ gefahrlose Leben, das Hugo Freund langsam dieses gemütvolle Lächeln aufprägt. Er geht zur Schutzpolizei, erst im Osten, dann im Westen. Er fährt Streifenwagen und chauffiert den Polizeipräsidenten zu dienstlichen und manchmal auch privaten Terminen. Er kann eisern schweigen. Das hat er unter den Nazis gelernt.

Mit ihren Motorrädern rasen Hugo Freund und ein befreundeter Polizeikollege die Havelchaussee runter. Zu langsamen nächtlichen Spazierfahrten setzen sie ihre Frauen in die Beiwagen. Es kommen zwei Kinder, ein Auto wird angeschafft. Kein Anlass verstreicht ohne feuchtfröhliche Würdigung. Kein Jahr vergeht ohne ausgiebigen Urlaub in Italien oder Spanien. Mit 60 hört Hugo Freund auf zu arbeiten. Der Sohn ist Diplomat geworden, und so eröffnen sich ganz andere, außergewöhnliche Reiseziele. Nur nach Vietnam können sie nicht fliegen. Uschi ist krank. Sie stirbt 1995.

Hugo Freund lässt sich nicht entmutigen. Er reist weiter um die Welt, sucht sich eine neue Begleiterin, genießt die Zeit, die der Herr ihm noch einräumt. Dann wird er abberufen. Ein Schlaganfall.

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