IBM : Wenn Computer denken

Seit 100 Jahren baut IBM Computer. Jetzt soll ein Modell erstmals schlauer sein als der Mensch. "Watson" tritt bald in einer Quizsendung auf.

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2007 installierte IBM im Forschungszentrum Jülich den Supercomputer Jugene.
2007 installierte IBM im Forschungszentrum Jülich den Supercomputer Jugene.Foto: IBM

Berlin - Am 14. Februar wagt IBM ein Experiment. Dann tritt der Supercomputer Watson in Jeopardy, einer der beliebtesten amerikanischen Quizshows, gegen zwei frühere Champions der Sendung an. Watson soll zeigen, dass er die menschliche Sprache versteht – auch die versteckten Hinweise, Wortspiele oder Ironie. Er muss schnell sein und dabei auch strategisch vorgehen. Der Computer ist dabei nicht an das Internet angeschlossen, sondern greift nur auf eine interne Datenbasis zu, die etwa 200 Millionen Buchseiten an Informationen umfasst. „Wir sind hoffnungsvoll, dass wir gewinnen werden“, sagt IBM-Deutschlandchef Martin Jetter.

International Business Machines, kurz: IBM, wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. An der Geschichte des Unternehmens kann man die Geschichte des Computers nachvollziehen: Alles begann vor 100 Jahren mit der Lochkartenmaschine, die in den USA etwa zur Volkszählung eingesetzt wurde oder in großen Unternehmen bei der Gehaltsabrechnung. IBM war dabei, als die Nasa zum Mond flog, erfand den PC und baut heute Hochleistungsrechner wie Blue Gene, der verwendet wird, um das menschliche Genom darzustellen. So arbeitet IBM gemeinsam mit dem Pharmakonzern Roche an einem Verfahren zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms, das weniger als 1000 Dollar kosten soll.

Im Mai 1997 ist schon einmal ein IBM-Computer angetreten, die menschliche Intelligenz herauszufordern. Deep Blue trat gegen den damaligen Schachweltmeister Garri Kasparow an und siegte mit 3,5 zu 2,5. Der Unterschied zu damals: „Deep Blue hat einfach nur brutal schnell gerechnet“, sagt Jetter. „Watson dagegen ist der Prototyp des lernenden Computers, Watson denkt.“

Denken heißt in dem Fall: Der Computer erkennt Muster, speichert Erfahrungen und verwendet sie bei späteren Lösungen. Natürlich hat IBM nicht vor, ins Showbusiness einzusteigen. Watson soll nur anschaulich zeigen, was Rechner heute leisten: Es geht nicht mehr nur darum, große Datenmengen in Hochgeschwindigkeit zu verarbeiten. Vielmehr soll der Rechner die richtigen Schlüsse aus den Informationen ziehen und intelligente Lösungen für Probleme vorschlagen, also die richtige Antwort auf eine komplexe Frage geben.

Im Forschungszentrum Jülich arbeitet seit 2007 der Supercomputer Jugene. Seine Spitzenleistung liegt bei einem Petaflop, das sind eine Billiarde Rechenoperationen pro Sekunde. Zum Vergleich: Vor 60 Jahren schaffte ein IBM- Rechner 10 000 Rechenoperationen pro Sekunde. Mit seiner Leistung steht Jugene auf der weltweiten Rangliste der Supercomputer aber nur noch auf Platz neun. „China hat in den vergangenen Jahren substanziell in Basistechnologie investiert“, sagt IBM-Deutschland-Chef Jetter. „Heute besitzt das Land die leistungsfähigsten Computer der Welt.“

Doch auch Deutschland stellt Jetter kein schlechtes Zeugnis aus. Inzwischen habe die Bundesregierung die strategische Bedeutung von Höchstleistungsrechnern für Wissenschaft und Wirtschaft erkannt, die Kompetenzen gebündelt und für eine klare Aufgabenverteilung gesorgt. „Es macht nicht mehr jeder, was er will“, lobt Jetter. Doch er sieht noch Raum für Verbesserung: „Ich wünsche mir, dass die Ministerien mit gutem Beispiel vorangehen und selbst neue Technologien stärker einsetzen. Das hat gleich zwei Effekte: Es entstehen neue Arbeitsplätze, und die neuen Technologien setzen sich schneller durch.“ Ein Unternehmen, das Hochgeschwindigkeitsrechner zur Verarbeitung von Daten einsetzt, sei denen, die darauf verzichten, um sieben Jahre voraus, sagt Jetter.

IBM selbst investiert jedes Jahr sechs Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung und hat in seiner Geschichte fünf Nobelpreisträger hervorgebracht, drei davon aus Deutschland. Mehr als 400 000 Mitarbeiter weltweit setzten im vergangenen Jahr knapp 100 Milliarden Dollar um. Deutschland ist dabei eine der wichtigsten Landesorganisationen mit rund 21 000 Mitarbeitern. Wie viel Umsatz und Ergebnis Deutschland beiträgt, verrät IBM nicht. Anders als bei anderen US-Konzernen ist die deutsche Tochter aber keine reine Vertriebsorganisation. Das Forschungszentrum in Böblingen – gegründet 1953 – mit 2000 Mitarbeitern ist eines der größten der IBM weltweit.

Die Geschichte des Konzerns in Deutschland beginnt mit der Gründung der Deutschen Hollerith-Maschinen-Gesellschaft in Berlin im November 1910, die später von der Vorläuferin der heutigen IBM übernommen wurde. Damit ist IBM in Deutschland eigentlich sogar ein Jahr älter als die Gesamtorganisation.

Ein Dinosaurier der IT-Branche wird IBM oft genannt, so oft, dass das Unternehmen eine seiner Großrechnerserien selbstironisch Raptor genannt hat. IBM habe nur so lange überleben können, weil sich das Unternehmen immer wieder neu erfunden hat, sagt Jetter. Teilweise in sehr schmerzhaften Prozessen: So spricht man im Unternehmen immer wieder von einem Nahtoderlebnis, wenn von der Zeit Anfang der 90er Jahre die Rede ist, als IBM einmal kurz vor der Zerschlagung stand. Einen weiteren tiefen Einschnitt markiert das Jahr 2004, als IBM seine PC-Sparte an Lenovo verkaufte. Den Großrechnern ist IBM treu geblieben. Doch heute erzielt das Unternehmen zwei Drittel seiner Wertschöpfung im Dienstleistungsbereich – also in der Beratung und in der Planung, dem Aufbau und Betrieb von IT für Unternehmen und Institutionen.

Jetter sieht optimistisch auf das Jahr 2011. Das erwartete Wirtschaftswachstum von 2,3 Prozent nennt er ermutigend. „Modernisieren, die Produktivität steigern und die Kosten senken – all das passiert über die IT. Da sind wir gefragt“, sagt er. Auf der Computermesse Cebit Anfang März wird IBM 100 verschiedene Anwendungen demonstrieren, unter anderem aus den Bereichen Verkehr, Umwelt und Gesundheit. Eine Prognose, wo IBM in 100 Jahren stehen wird, wagt Jetter nicht. Für die kommenden zehn Jahre sagt er voraus: „Die Geschwindigkeit der Prozessoren wird um das 1000-fache steigen, auch die Miniaturisierung wird voranschreiten“, sagt er. „Die Computerpower wird langsam an die mathematische Fähigkeit des Menschen heranreichen.“

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