Wirtschaft : „Ich habe ein reines Gewissen“

Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück über korrupte Betriebsräte, den Einstieg von Porsche bei VW und die „Pinkelpause“

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Herr Hück, wie lustig ist das Betriebsratsleben?

Mit lustig hat das nichts zu tun. Ich engagiere mich als Betriebsrat, weil ich Verantwortung für andere Menschen übernehmen will. Das hat wiederum etwas mit meiner Biographie zu tun. Weil meine Eltern sehr früh gestorben sind, habe ich 13 Jahre in Kinderheimen verbracht. In dieser Zeit habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen.

Ist es nicht verantwortungslos, wenn sich Betriebsräte ein süßes Leben vom Arbeitgeber finanzieren lassen?

Mir ist nicht bekannt, dass Arbeitgeber Betriebsräten ein süßes Leben finanzieren. Ich bin seit vielen Jahren Sportler. Und als Sportler lernt man nicht nur Disziplin, Stärke und Durchsetzungsvermögen, man lernt auch, dass man die Spielregeln nicht missachten darf.

Hat der frühere VW-Betriebsratschef Klaus Volkert Spielregeln missachtet?

Ja. Und das weiß er auch.

Ist Volkert ein Einzelfall?

Wollen Sie alle Radsportler sperren, nur weil einer gedopt hat? Oder anders gesagt: Wenn ein Arbeitgeber Dummheiten gemacht hat, dann fordere ich auch nicht die Abschaffung aller Arbeitgeber. Ich kann nicht das ganze System in Frage stellen, nur weil einer Mist gebaut hat.

Ein Merkmal des Systems ist der einzigartige Einfluss der Betriebsräte bei den Autoherstellern. Begünstigt das nicht Kumpanei und Korruption?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Recht auf Mitbestimmung durch die Arbeitnehmer verankert ist. Um dies umzusetzen, brauchen Unternehmen einen Betriebsrat. Je stärker der ist, desto besser. Und wenn ich eine Kiste Äpfel habe, in der zwei Stück faul sind, dann nehme ich die beiden raus, schmeiße aber nicht die ganze Kiste weg.

Ist der Porsche-Betriebsrat sauber?

Irgendwann müssen wir alle zum jüngsten Gericht. Dann wird entschieden.

Ihr Gewissen ist rein?

Mein Gewissen ist rein.

Porsche ist bei VW eingestiegen, obwohl die Marke Volkswagen in einer schweren Krise steckt. Ist der VW-Betriebsrat mitschuldig an der Situation in Wolfsburg?

Ein Schmusekurs bringt uns nirgendwo weiter. Aber aufwärts geht es nur gemeinsam, mit den Beschäftigten, mit dem Betriebsrat, mit dem Vorstand. Entscheidend sind dabei die Menschen. Als Dr. Wiedeking hier Anfang der 90er Jahre anfing, steckte Porsche tief in der Krise. Doch von da an ging es aufwärts, weil wir alle an einem Strang gezogen und die richtigen Modelle entwickelt haben.

Braucht VW einen Dr. Wiedeking?

VW braucht zunächst wieder Ruhe und muss schnell seine Probleme lösen. Dazu müssen Leute in den Aufsichtsrat, die anpacken und VW wieder auf den Erfolgspfad führen. Die politischen Interessen sind da manchmal nicht mit den Unternehmensinteressen gleichzusetzen.

Nach Porsche ist das Land Niedersachsen zweitgrößter VW-Aktionär. Wenn sich der Ministerpräsident Niedersachsens zu VW äußert, ist das sein gutes Recht.

Das spreche ich ihm auch nicht ab. Ich finde es aber nicht in Ordnung, wenn der Ministerpräsident dem Vorstandsvorsitzenden von Porsche einen Interessenkonflikt unterstellt. Herr Dr. Wiedeking hat nur ein Interesse, und zwar, dass Volkswagen wieder ein gesundes Unternehmen wird.

Ministerpräsident Wulff stört, dass Ferdinand Piëch als VW-Aufsichtsratschef und als Porsche-Miteigentümer bei beiden Partnern eine herausragende Rolle spielt.

Als wir mit VW den Produktionsverbund beim Geländewagen eingegangen sind, hat das niemanden gestört. Heute wissen wir, dass sowohl unser Cayenne als auch der VW-Touareg sehr erfolgreiche Fahrzeuge sind. Beide Unternehmen haben davon profitiert. Ich bin im Übrigen ausdrücklich dafür, dass sich Porsche an VW beteiligt hat. Nächstes Jahr fällt das VW-Gesetz, und dann könnte durchaus ein Hedge Fonds kommen, die Mehrheit an VW übernehmen und den Konzern in seine Einzelteile zerlegen. Allein Audi wäre vermutlich an der Börse mehr wert als der gesamte VW-Konzern.

Also rettet Wiedeking VW?

Dr. Wiedeking hat sich entschlossen, Volkswagen zu unterstützen. Das finde ich hervorragend. Und ich erwarte auch von Ministerpräsident Wulff, dass er den Einstieg von Porsche unterstützt.

Was hat Porsche von der VW-Beteiligung?

Wir haben gemeinsame Projekte und wollen diese absichern. Und es gibt künftig weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Warum sollen wir uns nicht gegenseitig unterstützen? In dieser globalisierten Welt gibt es Interessengruppen, denen geht es nur um Kohle, Kohle, Kohle. Mit unserer Kooperation können wir uns gegenseitig helfen und so Arbeitsplätze in Deutschland sichern.

Porsche hat elf Rekordjahre hintereinander hingelegt und ist der profitabelste Autohersteller der Welt. Trotzdem müssen die Beschäftigten Jahr für Jahr die Produktivität erhöhen. Wo führt das hin?

Wenn wir die Produktivität nicht ständig verbessern, wird mir zwar vielleicht einmal ein Denkmal in Zuffenhausen gebaut, aber wir haben dann keine Produktion mehr hier. Also sind wir bereit, die Produktivität fortlaufend zu erhöhen. Im Gegenzug hat der Vorstand beschlossen, in den nächsten fünf Jahren mehr als 600 Millionen Euro an den Standorten Stuttgart, Weissach und Ludwigsburg zu investieren, um die Stückzahlen der Fahrzeuge und Motoren zu erhöhen. So können wir die Rationalisierungseffekte ausgleichen sowie die Beschäftigung und die Standorte absichern. Und die Belegschaft profitiert darüber hinaus vom guten Geschäftsverlauf. In diesem Jahr gab es eine Erfolgsprämie von 3200 Euro für alle Mitarbeiter der Porsche AG – von der Küchenfrau bis zum Ingenieur.

In den nächsten Jahren soll in Zuffenhausen die Tagesproduktion von 150 Sportwagen auf 180 gesteigert werden. Reicht das, um die Beschäftigung zu sichern?

Man könnte den Mitarbeitern natürlich auch den Lohn kürzen und so die Produktionskosten reduzieren – aber das wollen wir natürlich nicht. Wir wollen stattdessen mehr produzieren, um die Standortkosten zu reduzieren, und gehen das langfristig an. Ich glaube, dass einige Autohersteller heute ein Problem haben, weil sie zu sehr auf die Quartalsergebnisse geschaut haben und nicht rechtzeitig die Strukturen weiterentwickelt haben. Andere orientieren sich an der Börse, wir orientieren uns an unseren Kunden und Mitarbeitern.

Jahrelang hat das gut funktioniert. Doch nun stockt der Absatz des Cayenne.

Die Absatzzahlen des Cayenne haben sich in den letzten Jahren auf einem sehr hohen Niveau bewegt, was uns selbst überrascht hat. Ursprünglich wollten wir einmal bis zu 25 000 Einheiten pro Jahr verkaufen – im letzten Geschäftsjahr waren es fast 42 000. Es war uns auch klar, dass sich der Absatz nicht permanent auf diesem Niveau bewegen und irgendwann wieder etwas abschwächen würde.

Gibt es nun Rabatte auf dem schwierigen US-Markt?

Nein. Rabatte richten sich auch gegen die eigenen Mitarbeiter. Wenn ein Hersteller Rabatte gibt, holt er sich das verloren gegangene Geld bei den Mitarbeitern wieder zurück. Wir haben stattdessen ein flexibles Produktionssystem. Wenn der Absatz zurückgeht, produzieren wir weniger, wenn der Absatz anzieht, dann arbeiten wir wieder mehr.

Warum brauchen die Porsche-Beschäftigten eine Pause von fünf Minuten in der Stunde, die „Steinkühler-Pause“, die es sonst so nur noch bei Mercedes gibt?

Solche Pausen gibt es bei vielen Unternehmen, nicht nur bei Mercedes oder Porsche. Das hat mit der Produktionsmethode des Taylorismus zu tun, bei der der Mensch wie eine Maschine eingesetzt wird, um einen größtmöglichen Gewinn zu erzielen. Taylorismus bedeutet eine gesundheitliche Belastung für die Mitarbeiter an den Produktionsbändern. Wenn wir aber produktive Mitarbeiter wollen, die qualitativ gute Autos bauen, brauchen wir entsprechende Arbeitsbedingungen. Für die Arbeit am Band gewährleisten das die Qualitäts- und Erholzeitpausen. Und wir werden uns diese Regelung auch nicht nehmen lassen.

Wie stoppen wir die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland?

Wir sollten es machen wie bei der Papstwahl: Arbeitgeber, Politik und Gewerkschaften in einen Raum sperren und erst rauslassen, wenn die Lösung steht. Wir brauchen zum Beispiel ein Konzept für eine Bildungsoffensive.

Hat sich die Öffnung des Tarifvertrags durch den letzten Tarifabschluss, der jetzt etwa zwei Jahre zurück liegt, bewährt?

Der Vertrag ist von vielen Arbeitgebern missbraucht worden. Es steht da zum Beispiel nicht drin, dass man umsonst arbeiten soll, indem die Arbeitszeit verlängert wird, ohne dass die Arbeitgeber dafür bezahlen. Wenn ich Papst wäre, würde ich meine Hand von einem Arbeitgeber nicht mehr küssen lassen, denn ich hätte Angst um meinen Ring.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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