Wirtschaft : „Ich habe ... – Toooor!! ... – Halsschmerzen“

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Von Charles Goldsmith

Europas Unternehmen müssen sich damit arrangieren, dass viele Spiele der Weltmeisterschaft während der Arbeitszeit übertragen werden: König Fußball schlägt den Arbeitsplatz 1:0. Nachdem am vergangenen Freitag die Fußball-Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan angepfiffen wurde, bestehen viele Angestellte - ebenso wie mancher Vorgesetzte - darauf, die wichtigen Spiele live im Fernsehen zu sehen. Durch die Zeitverschiebung finden alle an Wochentagen ausgetragenen Spiele während der in Europa üblichen Arbeitszeiten statt.

Den Unternehmen wird - vor allem nach der Vorrunde - kaum eine andere Wahl bleiben, als den Fernseher einzuschalten. Offizielle Stellen unterstützen diese Vorgehensweise, die britische Wirtschaftsministerin Patricia Hewitt drängte die Arbeitgeber sogar dazu, „flexibles Arbeiten“ zu ermöglichen: „Das Letzte, was Unternehmer brauchen, ist eine komplette Belegschaft, die sich am Tag eines wichtigen Spieles unangekündigt krank meldet."

Gesagt, getan. Der Autohersteller MG Rover will seinen 6500 Beschäftigten einen zusätzlichen freien Tag gewähren, falls England ins Viertelfinale oder gar in die Runde der letzten vier kommt und die Spiele an einem Wochentag ausgetragen werden. „Die englische Mannschaft trägt die Hoffnungen vieler unserer Arbeiter“, erklärt der Rover-Vorstandsvorsitzende Kevin Howe. Unter Hinweis auf ihre multinationale Belegschaft will auch die Unternehmensberatung Accenture dem Beispiel anderer Unternehmen folgen und jedes WM-Spiel auf Großbildschirmen in die Büros übertragen. Personalchef Tim Robinson begründet die Maßnahme damit, dass Accenture „der Situation etwas Positives abgewinnen und die Spiele nicht nur unter dem negativen Aspekt von Fehlzeiten sehen will".

Sogar die Europäische Union lässt die Zügel etwas schleifen, wie David Harley, der Sprecher des Präsidenten des EU-Parlaments, erläutert: Um sich Spiele anzusehen, können Angestellte seinen Angaben zufolge von „gleitenden Arbeitszeiten und anderen flexiblen Lösungen“ Gebrauch machen.

Und doch: Allen Bemühungen zum Trotz denken Beschäftigte in ganz Europa insgeheim darüber nach, während wichtiger Spiele der Arbeit fernzubleiben.

Einer Studie der britischen Kreditkartenfirma Barclaycard zufolge würde allein in Großbritannien ein Produktivitätsverlust von 5,06 Milliarden Euro entstehen, falls die englische Mannschaft die Finalrunde erreicht. Zur Begründung verweist die Studie darauf, dass viele Angestellte eher die Fußballspiele ansehen würden als zu arbeiten.

Fehlzeiten werden im Zusammenhang mit großen Sportereignissen immer wieder zum Thema, doch diesmal ist die Aufregung besonders groß. Dabei verließen etwa während der WM in Frankreich 1998 die Beschäftigten nicht in Massen ihre Arbeitsplätze, obwohl einige Spiele am Nachmittag stattfanden. Doch die diesjährigen Weltmeisterschaft ist anders als alles bisher Dagewesene: Über 30 Vorrundenspiele unter Beteiligung einer der 15 europäischen Mannschaften gehen an einem Werktag über die Bühne, ebenso zwei Partien des Viertelfinales sowie beide Halbfinalbegegnungen.

Um sich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen, hilft ein Blick auf die Internetseite des britischen Sportartikelherstellers Umbro. Dort werden Besucher gebeten, die zehn besten Ausreden für das Fernbleiben vom Arbeitsplatz zu wählen. Nur wenige dürften so einfältig sein, die derzeit auf Platz sechs rangierende Entschuldigung zu wählen: „Ich komme heute nicht zur Arbeit, weil .... TOOOOOOR !! .. ich Halsschmerzen habe".

Nicht jedes Unternehmen zeigt sich fußballbegeistert. „Es ist aus Sicherheits- und Gesundheitsgründen äußerst heikel, Fernseher an den Fließbändern aufzustellen“, erklärt ein Sprecher des Automobilherstellers Ford. Vielleicht kommt den Ford-Managern aber noch die Einsicht, zumindest weniger störende Radios zuzulassen.

Auch das Bier soll während der WM ungestört fließen, deshalb bestehen die Brauereien darauf, fußballfrei zu bleiben. „Wir betreiben hier eine Brauerei“, sagt Gilles Seifert, ein Sprecher der deutschen Karlsberg Brauerei, „unser Produktionsprozess erfordert die Präsenz der Beschäftigten". Die deutsche Supermarktkette Coop kommt dagegen nach Angaben von Unternehmenssprecherin Renata Ügazzi mit einer Rumpfbelegschaft aus: „Während großer Sportereignisse sind unsere Läden wie leer gefegt, sodass wir Urlaub oder arbeitsfreie Tage ohne Probleme gewähren können".

Soviel zu den kleinen Angestellten, doch wie steht es um deren Chefs? Jean-Philippe Courtois, Präsident der für Europa, den Nahen Osten und Afrika zuständigen Microsoft-Zentrale in Paris, bat seine Kollegen, eine interne Web-Kamera auf einen Fernsehschirm auszurichten, so dass dort gezeigte Spiele in das Microsoft-Netzwerk eingespeist werden können. Dass die Qualität einer solchen Übertragung nicht perfekt ist, räumt Courtois ein. Doch der in seiner Jugend als Profifußballer in Nizza aktive Manager will „wenigstens von Zeit zu Zeit die Möglichkeit haben, persönlich zu schauen, was gerade los ist".

Geht es um ein emotionsgeladenes Spiel wie das der englischen Mannschaft gegen Argentinien (auf beiden Seiten ist die Erinnerung an den Falklandkrieg ebenso wie an Diego Maradonas umstrittenes Viertelfinal-Tor von 1986 noch präsent), wetteifern viele Unternehmen um Gäste, die sich das Spiel in den Firmenräumen ansehen sollen. Niemand sollte glauben, in London am 7. Juni geschäftliche Termine wahrnehmen zu können. „Wir haben argentinischen Wein geordert“, sagt Neil Hedges, Chef der PR-Firma Fishburn Hedges, „wir sind wirklich demokratisch". 120 Kunden hat das Unternehmen eingeladen, das Spiel zu verfolgen.

Englische Pubs, denen per Gesetz an Werktagen und Samstags die Öffnung vor 11 Uhr untersagt ist und die am Sonntag sogar erst um 12 Uhr ihre Pforten öffnen dürfen, wurde durch einen Gerichtsbeschluss die Erlaubnis erteilt, bei Spielübertragungen früher aufzumachen. Allgemein wird erwartet, dass die Gaststätten am 12. Juni anlässlich des Spiels England gegen Nigeria gerammelt voll sind: der Anstoß erfolgt um 7.30 Uhr Ortszeit.

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