Wirtschaft : "Ideologische Scheuklappen helfen nicht weiter"

Herr Kauermann[die Bankgesellschaft beherrscht di]

Karl Kauermann steht seit Anfang 1999 an der Spitze der Berliner Volksbank. 1946 in Broken (Westfalen) geboren, kam er 1998 von der Hessischen Landesbank zur Grundkreditbank in Berlin und übernahm die Sanierung des Instituts.

Herr Kauermann, die Bankgesellschaft beherrscht die Schlagzeilen. Hilft das der Volksbank?

Ich bin an einem Vergleich nicht interessiert. Nur soviel: Banker arbeiten berufsbedingt am liebsten wenig spektakulär.

Legt man die Bilanzsumme der Volksbank zugrunde und die erhaltenen rund zwei Milliarden Mark Sanierungshilfe vom Genossenschaftsverband, dann ist der Kapitalbedarf prozentual fast genauso hoch wie bei der Bankgesellschaft.

Solche Vergleiche sind wenig zielführend. Sie können nicht die Bilanzsumme als Maßstab nehmen. Man muss schauen, welche Art von Krediten vergeben worden sind, wo der Wertberichtigungsbedarf entstanden ist.

Auch bei der Volksbank mussten Sie sanieren.

Ja, aber wir sind auf einem guten Wege. Die Kosten für die Risikovorsorge liegen zwischen 40 und 50 Millionen Euro. Nach der dramatischen Situation in der Vergangenheit ist dies eine beherrschbare Zahl. Heute kann ich sagen: Das operative Ergebnis 2001 wird besser ausfallen als befürchtet.

Ist die Sanierungsphase zu Ende?

Noch nicht ganz. Wir werden Ende 2004 mit der Sanierung durch sein, und erwarten für das Jahr 2005 ein Gesamtergebnis, das eine vernünftige Dotierung der Rücklagen und möglicherweise auch Rückzahlungen an den Verband zulässt.

Im Rahmen der Sanierung wollten Sie die Grundkreditbank verkaufen. Dies ist gescheitert.

Das stimmt. Nachdem man europaweit auf die Probleme im Immobilienbereich in Berlin aufmerksam geworden ist, haben wir die Verkaufsüberlegungen fallen lassen.

Was passiert nun mit der GKB?

Die Grundkreditbank wird als Niederlassung weitergeführt.

Rechnet sich das?

Ja. Wir werden beispielsweise die Dimension der GKB an die Risikotragfähigkeit der Volksbank anpassen.

Das heißt?

Heute hält die Grundkreditbank an der Bilanzsumme des Konzerns noch einen Anteil von etwa 20 Prozent. Rund 35 Prozent des Kreditvolumens des Konzerns entfallen auf die GKB. In kommenden Jahren soll auf die Grundkreditbank weniger als 20 Prozent des Kreditvolumens und etwa 10 Prozent der Bilanzsumme entfallen.

Der Name Grundkreditbank bleibt erhalten?

Der Name ist ein Begriff und bleibt erhalten. Bei der Grundkreditbank wird das gesamte gewerbliche Immobiliengeschäft finanziert. Nicht das Retailgeschäft. Einzelne Eigentumswohnungen für unsere Kunden werden weiterhin von der Berliner Volksbank finanziert.

Gibt es am Berliner Immobilienmarkt überhaupt noch genug Kunden?

Das Baufinanzierungsgeschäft läuft gut, die Wachstumsraten sind besser als geplant. Die Kundenbasis der Grundkreditbank ist sehr viel breiter geworden. 1996 beispielsweise machte das Institut fast 80 Prozent seines Geschäfts mit nur knapp 200 Großkunden. Diese Zeiten sind vorbei. Wir konzentrieren uns auf das Geschäft in der Region, aber wir gehen keine Klumpenrisiken mehr ein. Wir begleiten unsere Kunden aber natürlich auch ins übrige Bundesgebiet - zusammen mit Partnern aus dem Genossenschaftsverbund.

Wie kann Berlin wieder nach vorne kommen?

Sicherlich fehlen Berlin Konzernzentralen, es ist zu einem enormen Abbau von industriellen Arbeitsplätzen gekommen, und man merkt, dass es keinen breiten Mittelstand in Sinne von größeren Einheiten gibt. Aber wir haben auch den hervorragenden Wissenschaftsstandort Berlin, beispielhafte Angebote im kulturellen Bereich. Viele weiche Faktoren sprechen für Berlin.

Kann denn der Banker einen Tipp für die Sanierung des Landes geben?

Sowohl der Banker als auch der Finanzsenator müssen mit knappen Ressourcen wirtschaften. Ausgaben und Einnahmen müssen in einem nachhaltigen und vernünftigen Verhältnis stehen - bei der Bank, beim Land und übrigens auch beim Bankkunden. Sicherlich sollte die Privatisierung des Wohnungsbestandes einen größeren Stellenwert bekommen. Man darf dies nicht so ideologisch sehen.

Wie beurteilen Sie denn die bisherigen Privatisierungen?

Zum Teil ist es zu kuriosen Ergebnissen gekommen. Bei der Gasag beispielsweise war die Privatisierung nachhaltig erfolgreich. Das Unternehmen ist mit privaten Investoren schlank und ertragsstark geworden, auch wenn deren Investitionen hoch waren. Ein anderes Beispiel ist die Bewag. Sie gehört nun zu 90 Prozent dem schwedischen Staat. Ob der Eigentümerwechsel zwischen dem Land Berlin und dem schwedischen Staat unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten als Privatisierung bezeichnet werden kann, muss allerdings hinterfragt werden.

Was wünschen Sie sich von Berlins neuem Finanzsenator Thilo Sarrazin?

Stehvermögen, Durchsetzungskraft, und dass es ihm gelingt, die politische Unterstützung beider Koalitionsparteien geschlossen zu erhalten. Die Opposition sollte bei aller Kritik nicht vergessen, dass sie vor nicht allzulanger Zeit selbst mit den Sachzwängen, die in Berlin nun mal existieren, konfrontiert war.

Und welche Wünsche haben sie an Wirtschaftssenator Gregor Gysi?

Arbeitsplatzförderung und der Abbau der Arbeitslosigkeit müssen oberste Priorität haben. Dazu zählt auch die Arbeitsplatzsicherung, also die Unterstützung der existierenden Berliner Betriebe. Im übrigen traue ich ihm durchaus Durchsetzungskraft zu. Die beobachtende Haltung der Industrie- und Handelskammer ist richtig. Ideologische Scheuklappen helfen hier nicht weiter.

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