Wirtschaft : IFA 2001: Datenautobahn ohne Tempolimit

Maurice Shahd

Es war das Event des Jahres für die Madonna-Fans in aller Welt. Microsofts Online-Dienst MSN übertrug ein Konzert der Pop-Queen nach Jahren der Bühnenabstinenz live im Internet. Schon während des Konzerts gab es viel Kritik in Online-Foren wie Cnet oder Zdnet. Frustierte Fans beschwerten sich über ruckelnde Bilder, schlechten Ton oder abstürzende Verbindungen.

Glücklich konnten sich diejenigen schätzen, die über einen schnellen Internetzugang verfügten. Sie verfolgten das Konzert in guter Qualität, in voller Bildschirmgröße und nicht im Format einer Streichholzschachtel. An den heimischen PCs sind die Besitzer eines Breitbandzugangs zum Internet noch deutlich in der Minderheit. Mehr als 90 Prozent der 25 Millionen Internet-Surfer in Deutschland gehen mit einem fiepsenden Analog-Modem ins Web. Doch der Markt für schnelle Internetzugänge boomt. Bis Ende des Jahres könnten nach Schätzungen der Marktforscher von Forrester Research bereits rund 1,1 Millonen Haushalte mit Hochgeschwindigkeit im Netz surfen. Grafik: Der IFA-Lageplan Noch fehlt es aber an attraktiven Inhalten, da die Verbreitung von Filmen, Musik oder Spielen im Web teuer, zahlende Kundschaft aber nicht in Sicht ist. Einige Online-Dienste und Medienfirmen haben sich aber schon aus der Deckung gewagt. Die großen Hollywood-Studios kündigten an, in Zukunft ihre Filme auch über das Internet zu vermarkten (siehe Interaktiv, Seite 26). In Deutschland locken die Internet-Provider QSC und Freenet mit ihren Breitbandportalen Qurt und Freespeed die Surfer vor die Bildschirme. Der Online-Dienst AOL präsentiert zur Internationalen Funkausstellung, die vom 25. August bis 2. September in Berlin stattfindet, seinen neuen Breitbanddienst AOL Plus.

Den Anstoß für den Breitband-Boom gab die Deutsche Telekom mit dem Webzugang T-DSL, der den flinken Surf im Web über die herkömmliche Telefonleitung ermöglicht. Seit dem Start vor einem Jahr hat die Telekom rund eine Millionen DSL-Anschlüsse vermarktet. Angeschlossen sind bisher aber nur 750 000 Haushalte, da die Techniker der Telekom und die Hersteller der benötigten Geräte den Bestellungen kaum hinterherkommen. Jeden Monat gehen rund 10 000 neue Anmeldungen bei der Telekom ein.

Telekom bremst Wettbewerber

Doch der Ex-Monopolist fördert die Entwicklung zum Breitband nicht nur, sondern er behindert sie auch, indem er anderen Anbietern das Leben schwer macht. Die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) verpflichtete die Telekom schon vor einigen Monaten dazu, ihre Leitungen für andere DSL-Anbieter zu öffnen und ihnen das sogenannte Line-Sharing zu ermöglichen. Doch die Telekom klagte gegen den Beschluss. Ein "Spiel auf Zeit" nannte das der Chef der Regulierungsbehörde, Matthias Kurth. "Es ist einfacher, die Entwicklung des gesamten Breitbandmarktes zu verzögern, als mit den Wettbewerbern über den Preis zu konkurrieren", sagt Eric Paulak, Analyst des Marktforschungsinstituts Gartner-Group. In den kommenden Monaten werde die Telekom den anderen DSL-Firmen aber ein Angebot unterbreiten müssen. Unternehmen wie die Kölner QSC stehen bereits in den Startlöchern. "Sobald das Gericht entschieden hat, bieten wir Line-Sharing an", sagt der QSC-Manager Christof Sommerberg.

Neben den DSL-Anbietern haben auch andere Unternehmen den Breitbandmarkt im Visier. Gute Erfolgsaussichten bescheinigen Experten der Datenübertragung per Fersehkabel. "DSL wird zwar der dominierende Breitbandzugang bleiben, das TV-Kabel aber eine ernsthafte Konkurrenz", meint Gartner-Experte Paulak. Um die TV-Kabel internetfähig zu machen, müssen sie technisch aufgerüstet werden, was Investitionen in Milliardenhöhe erfordert. Der US-Konzern Liberty Media will in den kommenden Wochen sechs regionale Kabelnetze von der Telekom kaufen. Die Netze in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen haben bereits den Besitzer gewechselt.

Den Anbietern alternativer Techniken wie Powerline, der Datenübertragung per Stromkabel, oder Internet per Satellit werden nur geringe Chancen eingeräumt. Den erfolgreichen Firmen winkt ein gigantischer Markt. Nach einer Studie der Brookings Institution könnte Highspeed-Internet allein der US-Wirtschaft Einnahmen von 500 Milliarden Dollar bringen. Voraussetzung: Jeder Haushalt hat einen flotten Internetzugang.

Doch das wird noch dauern. Breitbandzugänge sind noch relativ teuer und attraktive Inhalte rar. "Die Kosten für die Erstellung von Breitband-Inhalten sind sehr hoch, da die Anbieter für die großen Datenmengen bezahlen müssen, die sie übertragen", erläutert Jörg Nußbaumer, Analyst des Marktforschungsunternehmens Forrester Research. Zudem müssen Filme, Musik oder Spiele für die schnellen Datennetze speziell aufbereitet werden. "Auf der Einnahmeseite sieht es dagegen alles andere als rosig aus. Die Kunden sind auf absehbare Zeit nicht bereit, für Inhalte zu bezahlen", sagt Nußbaumer. "Viele Anbieter sind daher sehr vorsichtig."

So verschiebt die Telekom den Start ihres Breitbandportals T-Vision auf Ende 2002 oder Anfang 2003. MedienunternehmerLeo Kirch hat sein ehrgeiziges Portal "Maxdome" ganz aufgegeben. Investitionen von über einer Milliarde Mark waren für das Projekt veranschlagt.

Schnelle Surfer kaufen mehr

Dabei könnten die Medienfirmen schon jetzt vom Trend zum Breitband profitieren. "Wer einen schnellen Webzugang hat, ist länger im Internet und kauft dort mehr ein als andere Surfer", sagt Nußbaumer. Unternehmen sollten daher die Möglichkeiten nutzen, die schnelle Datenübertragungen bieten. "Dreidimensionale Darstellungen von Produkten oder Werbefilme machen den E-Commerce zum Erlebnis." Ein besonderes Ereignis war das Konzert von Madonna in jedem Fall. Rund neun Millonen Zugriffe auf die Webseite machten das Spektakel zum größten Live-Event in der Geschichte des Internet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben