Wirtschaft : ILA: Europas Luftfahrtindustrie braucht Orientierung

Martina Ohm

Im Wettlauf mit den Amerikanern holen die Europäer auf. Egal, welche Messlatte man anlegt, der alte Kontinent bewegt sich. Auch in der Luft- und Raumfahrtindustrie wollen die Europäer auf Augenhöhe mit den USA kommen.

Die diesjährige Ila beweist es. Das Prestigprojekt der zivilen Flugzeugindustrie, das neue Großraumflugzeug A3XX beherrscht die Tagesordnung. Endlich soll die Monopolstellung der Amerikaner gebrochen werden und dem Jumbojet von Boeing ein Großraumflugzeug von Airbus Konkurrenz machen. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Innerhalb von drei Jahrzehnten konnte sich unter Federführung der Deutschen, Franzosen und Briten eine europäische Luft- und Raumfahrtindustrie entwickeln, die Konzernen wie Boeing/McDonnel Douglas und Lockheed Martin inzwischen das Wasser reichen kann.

Wenn die Hochrechnungen stimmen und der Flugverkehr in den nächsten 20 Jahren weiter derart expandiert, wird keiner an einem solchen Flugzeugriesen, der bis zu 1000 Plätze bieten soll, vorbeikommen. Schon heute reichen die Kapazitäten bei weitem nicht mehr aus. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis verbindliche Bestellungen der Fluggesellschaften auf dem Tisch liegen. Die momentane Zögerlichkeit der Airlines darf nicht täuschen. Auf Dauer wird sich kaum eine Gesellschaft von der investiven Neuausrichtung abhalten lassen; weder vom vermeintlichen Boom der kleineren Jets noch von den vorübergehenden geschäftlichen Engpässen.

Mit verbindlichen Aufträgen für den neuen Airbus schlägt aber auch für Europas Staatschefs die Stunde der Wahrheit. Dann wird sich zeigen, ob sie für den europäischen Vorsprung der strategisch wichtigsten Industriebranche bezahlen wollen - und dürfen. Ohne die zum Teil von den zuständigen Regierungschefs bereits in Aussicht gestellten rückzahlbaren Darlehen wird die Realisierung des zwölf Milliarden Dollar teuren Projektes schwierig. Zwar erlauben die Gatt-Vorschriften eine entsprechende Starthilfe. Und auch die mit den USA vereinbarten Richtlinien über die öffentliche Unterstützung von Großflugzeugprojekten wollen die Europäer strikt einhalten. Ärger wird es trotzdem geben. Denn die USA werden sich die Aufholjagd ihrer europäischen Freunde nicht so ohne weiteres gefallen lassen. Während beim Weltmarktführer Boeing bereits die Pläne einer gestreckten Version des Jumbos aus der Wiedervorlage geholt wurden, drohen die USA prophylaktisch mit einer Klage wegen unzulässiger Wettbewerbshilfen vor der Welthandelsorganisation

Vor allem das Tempo, das die Europäer bei der Neuordnung ihrer Luft- und Raumfahrtindustrie an den Tag legen, überrascht die Amerikaner. Während in den USA frühzeitig die Kräfte in der zivilen und militärischen Luft- und Raumfahrt durch Fusionen gebündelt wurden, bevorzugte man auf dem alten Kontinent jahrzehntelang den nationalen Alleingang. Das ändert sich jetzt. Kooperationen, das ist mittlerweile in der ganzen Branche erkannt, sind ohne Alternative. Dabei geht es der Industrie diesseits wie jenseits des Atlantiks vor allem darum, in Zeiten schrumpfender staatlicher Rüstungs- und Forschungsbudgets Konstruktionen zu finden, die auf Dauer stabile Erträge erwarten lassen. Das erklärt den anhaltenden Trend zu noch engeren Kooperationen in der Produktion von zivilen Flugzeugen wie dem Airbus, aber auch in der Herstellung von Rüstungsgütern wie beispielsweise dem Kampfhubschrauber Tiger oder der französischen Rafale.

Dass sich selbst Frankreich einsichtig gezeigt und den Weg zum Aufbau des neuen europäischen Konzerns EADS (European Aeronautic Defence and Space Company) freigemacht hat, ist bemerkenswert. Jahrelang verweigerten sich die Franzosen einer europäischen Annäherung. Und ausgerechnet unter Federführung des sozialistischen Premiers Lionel Jospin zieht sich der französische Staat jetzt aus einer seiner traditionellen Domänen zurück. Der neue europäische Industriekonzern könnte, so die Erwartung Frankreichs, den Europäern helfen, sich besser zu positionieren und eine europäische Verteidigungspolitik voranzubringen. Tatsächlich haben Europas Staatschefs lange auf einen Schulterschluss der Industrie gedrängt. Nun wird er vollzogen - und stellt die Regierungschefs prompt vor neue Herausforderungen. Denn die Marktmacht der beiden Konzerne, EADS und BAe Systems, lässt sich fast nur noch durch Aufträge oder Exportbestimmungen kontrollieren. Will die Politik nicht zum Spielball der Industrie geraten, muss sie aktiv werden. Von einer gemeinsamen europäischen Beschaffungspolitik jedenfalls ist man noch weit entfernt. Nicht einmal ein einheitliches europäisches Rüstungsexportgesetz existiert, dass dem neuen Industriekoloss verbindliche Orientierung geben würde. Das freilich ist überfällig. Bislang steht das französische Exportverhalten bekanntlich im krassen Gegensatz zu dem der Deutschen. Hier voranzukommen wäre dringlicher, als sich mit vermeintlichen Wettbewerbsverzerrungen beim Bau amerikanischer und europäischer Großraumflugzeuge aufzuhalten.

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