Wirtschaft : Ilse Rodenberg

(Geb. 1906)||Sie hörte nicht aufs Kollektiv. Eine große kleine Chefin.

David Ensikat

Sie hörte nicht aufs Kollektiv. Eine große kleine Chefin. Was tut eine Realistin, die sich für zu klein hält? Sie trägt an den Füßen hohe Schuhe und auf dem Kopf einen Dutt.

Der Vorteil der hohen Schuhe: Sie waren auch laut; man hörte Ilse Rodenberg aus der Ferne nahen. Es gab nicht wenige, die großen Respekt vor der kleinen Frau hatten, die das Thema wechselten, wenn sie die kurzen Schritte der Chefin hörten. Selbstbewusste Leute eigentlich, Theaterleute.

„Ein Theater kann man nicht demokratisch führen“, fand Ilse Rodenberg, die Realistin.

Sie war außerdem noch Kommunistin. Die Nazis hatten sie deshalb eingesperrt, danach arbeitete sie als Wäscherin, Hausmädchen und Sekretärin. Nach dem Krieg folgten eine kurze Zeit an einem linken Hamburger Kabarett, die Leitung von Theatern in Ludwigslust, Neustrelitz und in Potsdam.

Dass sie nicht Mitglied der herrschenden Sozialistenpartei wurde, sondern die Nationaldemokratische Partei mitbegründete, auch das war keineswegs einem Idealismus geschuldet. „Kommunisten wie dich haben wir in unserer Partei genug“, sagten die Strategen von der SED, „wir brauchen jetzt noch welche in den anderen Parteien!“

Ilse Rodenberg und die Männer, auch das ein Kapitel, das von großer Flexibilität geprägt ist. Fünf Mal sei sie verheiratet gewesen, vielleicht auch nur drei Mal, es gibt da unterschiedliche Auffassungen. Einigkeit herrscht aber bezüglich der Vielzahl nicht legalisierter Beziehungen. Sie hat selbst auch kein Hehl daraus gemacht. Leid tat es ihr nur, dass sie nie einen echten Afrikaner hatte. Sie war ehrgeizig und strebsam, streng jedoch vor allem gegenüber anderen.

Der wohl wichtigste Mann an ihrer Seite, der, dessen Namen sie schließlich behielt, war Hans Rodenberg, auch Kommunist, aber einer von der noch wichtigeren Sorte, stellvertretender Kulturminister, Mitglied des Staatsrates. Er hatte das größte Kindertheater der DDR, das „Theater der Freundschaft“ gegründet. Ilse Rodenberg übernahm die Leitung 1957.

Besseres kann einem Theater kaum geschehen: Eine ambitionierte Chefin mit Kontakten nach ganz oben. Mit Ulbricht und mit Honecker war sie per Du.

Kommunisten denken mehr ans Morgen als ans Heute. Deshalb machen sie so viel falsch. Aber manches auch richtig. Dem Kindertheater eine so große Rolle beizumessen, wie es damals in der DDR geschah, ist in keinem ausschließlich gegenwärtig regierten Land vorstellbar. Ilse Rodenberg konnte daher am „Theater der Freundschaft“ Großes leisten. Nur das Kindertheater in Moskau war noch größer. Wenn es auch in den anderen Bereichen nicht so gut geklappt haben mag – beim Kindertheater befand sich die DDR auf „Weltniveau“.

Und es waren durchaus nicht nur Propagandastücke, die im Rodenberghaus liefen. Dazu war die Intendantin viel zu sehr am Erfolg interessiert. Was die Zuschauer nicht sehen wollten, wurde nicht lange gespielt. Und dennoch: Wenn die Partei, der sie nicht angehörte, einen Schwenk vollzog, dann schwenkte Ilse Rodenberg selbstverständlich mit.

Sie hatte eine gute Hand für gute Leute. So wenig sie es schätzte, von anderen gesagt zu bekommen, wie man Theater machen muss, so genau wusste sie, dass sie gutes Theater nur mit Leuten machen konnte, die hier und da mehr wussten als sie selbst. Ihr Verwaltungsdirektor versuchte als Einziger einmal einen Putsch. Frau Rodenberg höre nicht aufs Kollektiv, ihr Führungsstil sei autoritär, all das trug er auf einer Versammlung vor – und bemühte sich kurz darauf um eine neue Arbeitsstelle. Er muss ein ganz guter Verwaltungsleiter gewesen sein: Die Intendantin holte ihn nicht lange darauf wieder in ihr Haus.

Mit 67 Jahren verließ sie es selbst. Selbstverständlich nicht wegen ihres Alters. Die Verwalterei ist ihr langweilig geworden, das Theater hatte ein eigenes Orchester und mehr als 40 Schauspieler, größer und wichtiger konnte es nicht werden. Ihr Ort, fand sie, war nun nicht mehr Lichtenberg, sondern die Welt. Es gab doch den Weltkindertheaterverband! Ilse Rodenberg ging zu Erich Honecker und informierte ihn vom nicht zu überschätzenden DDR-Anerkennungspotenzial auf dem Gebiet des Kindertheaters. Erich Honecker, kleiner Staatschef mit großem Drang nach Anerkennung, sah das sofort ein, gab Weisung, und Ilse Rodenberg bekam ein Auto mit Chauffeur und ein neues Büro, gleich gegenüber vom „Theater der Freundschaft“.

Die neuen Theaterchefs zitierte sie anfangs noch häufig zu sich, um sich zu überzeugen, dass die nun alles falsch machten. Doch je wichtiger sie im Verband wurde, desto unwichtiger wurde ihr das Haus gegenüber. Ihr Theaterverbandsbüro trug bald den inoffiziellen Titel „Reisebüro Rodenberg“, denn die Chefin war ständig unterwegs. Ihre drei Mitarbeiter telefonierten mit den Fluggesellschaften, luden Delegationen ein und tippten lange Reiseberichte auf Grundlage von Festivalprogrammen und wenigen Stichworten der Chefin.

Die ließ sich von der Theatermaskenbildnerin die Reiseperücke richten und mehrte damit das Ansehen der DDR im Ausland und natürlich auch das ihrige. Theaterleuten aus dem Osten half sie, im Westen zu gastieren. Theaterleuten aus dem Westen half sie, Geld einzuwerben: Sie zwang etwa eine französische Schauspielergruppe, Krawatten umzubinden und ging mit ihnen zum Bürgermeister. Dort verkündete sie, welchen Status das Kindertheater bei ihr zu Hause genieße, und dass man sich daran bitte orientieren möge. Ilse Rodenberg war zwölf Jahre Präsidentin des Verbandes und dann bis zu ihrem Tod Ehrenpräsidentin.

Das Ende der DDR trug sie mit Fassung. Sie zog aus ihrem großen Haus in Karlshorst in eine Zwei-Zimmer-Wohnung und fand die gleich viel praktischer. Bei Freunden war es nun auch wichtig, dass sie ein Auto hatten, denn den Dienstwagen mit Chauffeur gab es nicht mehr. Wie gesagt, sie war eine Realistin.

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