Wirtschaft : Im Fernverkehr sieht die Bahn schlecht aus

Die neuen Preise sollen die Wende für das Unternehmen bringen – doch noch ist die Bilanz tiefrot

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Berlin (hop). Die schlechte Lage beim Fernverkehr der Deutschen Bahn hat den Konzern im ersten Halbjahr 2003 erheblich belastet. Die Sparte rutschte tief in die roten Zahlen. Während die Bahn dort in den ersten sechs Monaten 2002 noch 50 Millionen Euro verdiente, musste sie in diesem Jahr ein Minus von 266 Millionen Euro verbuchen. Das teilte der Konzern am Donnerstag mit. Eine Prognose für das Gesamtjahr gab die Bahn nicht ab. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf den Änderungen am Preissystem, die am 1. August vorgenommen wurden. Vor allem der Verkauf der Bahncard läuft seitdem sehr gut.

Für das erste Halbjahr kamen die Änderungen aber zu spät. Neben dem Gewinn brach der Umsatz um 13,1 Prozent auf rund 1,44 Milliarden Euro ein. Eine große Rolle spielte dabei aus Sicht von Verbraucherschützern und Verbänden die Reform des Preissystems Ende vergangenen Jahres. Die Bahn machte die schwache Konjunktur, die Konkurrenz der Billigflieger und die Preissenkungen im Zuge der Tarifreform im vergangenen Dezember verantwortlich, reagierte mit den jüngsten Änderungen aber auf die Kritik.

„Wir hoffen, dass jetzt die Zahl der Reisenden steigt“, sagte Konzernsprecher Werner Klingberg dem Tagesspiegel. „Und das wird sich auch positiv auf Umsatz und Ergebnis auswirken.“ Selbst wenn die Konjunktur so schwach bleibe wie bisher, sei mit einer Verbesserung zu rechnen. Erst kürzlich hatte ein Bahnsprecher dem Tagesspiegel gesagt, dass sich der sehr gute Verkauf der neuen „alten“ Bahncard 50 – in nur drei Wochen waren es 200 000 Exemplare – positiv beim Ticketabsatz bemerkbar mache.

„Ein schwaches Licht am Ende des Tunnels ist erkennbar“, sagte Norbert Hansen, der Vorsitzende der Bahngewerkschaft zu den Halbjahreszahlen. Auch Transnet rechnet mit positiven Auswirkungen durch das reformierte Preissystem. Es werde aber dauern, bis sie sich bemerkbar machen. Hansen forderte angesichts der Entwicklung der Bahn, „das Gerede über einen Börsengang“ einzustellen. Es sei unmöglich, jetzt schon Zeitpunkt und Konditionen einzuschätzen. Bisher ist ein Börsengang der Bahn von Bund und Bahnvorstand möglichst schon für 2005 avisiert, aber noch nicht beschlossen.

Im Gegensatz zum Fernverkehr entwickelten sich andere Sparten der Bahn positiv, so dass der Konzernumsatz im ersten Halbjahr – ohne die neue LogistikTochter Stinnes, die erst im Sommer 2002 gekauft wurde – um 2,3 Prozent auf 7,9 Milliarden Euro kletterte. Auch das Betriebsergebnis des Konzerns verbesserte sich auf minus 143 Millionen Euro nach einem Verlust von 235 Millionen Euro im Vorjahr. In diesem Jahr steuerte Stinnes 129 Millionen Euro zum Gewinn bei. Aber auch bereinigt um die Effekte des Stinnes-Kaufs, also die zusätzlichen Gewinne sowie die Kosten für die nötigen Kredite, sei die Bahn in diesem Jahr besser als 2002, sagte Konzernsprecher Klingberg. Genaue Zahlen nannte er nicht. Die Bahn wollte in diesem Jahr nach Brancheninformationen eigentlich ihren Verlust auf 220 Millionen Euro begrenzen, nachdem sie im vergangenen Jahr ein Minus von fast 500 Millionen Euro eingefahren hatte.

Güterverkehr überrascht positiv

Große Fortschritte machte der Güterverkehr, auch ohne Stinnes. Die Tochter Railion, die den Gütertransport auf der Schiene durchführt, verdiente im ersten Halbjahr 67 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es nur 20 Millionen Euro. Ebenfalls positiv entwickelte sich die Infrastrukturtochter DB Netz. Dort sanken die Verluste von 226 Millionen Euro auf 170 Millionen Euro.

Und auch der Personennahverkehr konnte kräftig zulegen. Dort stiegen der Umsatz um rund sechs Prozent auf 4,06 Milliarden Euro und der Gewinn um rund 69 Prozent auf 174 Millionen Euro. Doch ist die profitable Bahntochter bedroht, denn der Nahverkehr wird im Auftrag der Länder durchgeführt, die dafür Milliarden überweisen. Und der Druck auf die Bahn wächst, die Preise für ihre Leistung zu senken. Zurzeit läuft in Sachsen-Anhalt die Ausschreibung des Nordharz-Netzes. Dabei geht es um 2,8 Millionen Zugkilometer – ein Zehntel der gesamten Strecken in dem Land. Und Baden-Württemberg vergibt die Strecken der Schwarzwaldbahn mit 4,2 Millionen Zugkilometern, was etwa fünf Prozent der dortigen Bahnlinien entspricht. Bis zum Jahresende werden in beiden Fällen Entscheidungen erwartet. Und in beiden Fällen wollen die zuständigen Ministerien nicht sagen, um wie viel Geld es geht. Es gibt jeweils mehrere Bewerber – und denen wolle man keinen Anhaltspunkt über den möglichen Auftragswert geben. Von einem Vorteil für die Bahn als Staatsbetrieb ist keine Rede mehr.

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