Wirtschaft : Im Gleichgewicht

Wie ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit gelingt.

Michaela Drenovakovic
Ausbalanciert. Wer merkt, dass die Arbeit zu viel Raum im Leben einnimmt und keine Zeit mehr für Familie, Freunde und Hobbies lässt, sollte die Notbremse ziehen. Sonst verliert man langfristig den Boden unter den Füßen. Foto: dpa
Ausbalanciert. Wer merkt, dass die Arbeit zu viel Raum im Leben einnimmt und keine Zeit mehr für Familie, Freunde und Hobbies...Foto: picture alliance / dpa

Morgens auf den letzten Drücker aufstehen, mittags ein schneller Snack vor dem Rechner und statt Feierabend mal wieder Überstunden – viele Arbeitnehmer merken erst zu spät, wenn beruflicher Stress sie einholt und auch das Privatleben färbt. Wir fühlen uns nicht nur schlapp, leer und kraftlos, eine aus dem Lot geratene Work-Life-Balance kann schlimmstenfalls krank machen.

So ging es auch Carsten Willert: Er arbeitete im Management von British Airways und war jobmäßig immer unterwegs. „Mein Tag begann um fünf Uhr morgens, ich pendelte mit dem Flugzeug zwischen verschiedenen Städten und war froh, wenn ich gegen 22 Uhr im Hotel war.“ Carsten Willert hatte einen verantwortungsvollen Job, den er liebte, doch Reisestress und Karrieredruck hinterließen Spuren. „Mit 40 merkte ich, dass mein Körper nicht mehr wollte“, erzählt er, „ich wies immer mehr psychosomatische Störungen auf.“ Er suchte Hilfe bei einem Coach und entdeckte: „Ich will raus aus dem Job.“

Dreieinhalb Jahre ist das her und Carsten Willert gründet gerade als Coach das Unternehmen „Home of Coaching“ mit Kollegen. Doch nicht immer muss man gleich den Job wechseln. „Auch kleine Schritte können zum Ziel führen“, unterstreicht der 47-Jährige. „Unser Leben fußt auf vier Säulen: Gesundheit, Hobbys, Arbeit, Beziehungen. Das System funktioniert gut, wenn die Säulen im Gleichgewicht sind. Gerät jedoch eine oder mehrere ins Hintertreffen, dann fehlt uns die Balance“, erklärt er. Doch es ist nie zu spät, etwas zu verändern, so Willert. „Wichtig ist, dass man überlegt: Was ist mir wichtig?“ Eine Liste schreiben, mit Freunden reden oder auch der Besuch bei einem Coach können dabei helfen. Ob eine Reduzierung der Arbeitsstunden, ein Sabbatical oder berufliche neue Wege die Lösung sind, das kann nur in jedem Fall individuell erarbeitet werden.

Heiner Diepenhorst ist Business-, Team- und Life-Coach in Berlin und ganz Deutschland und berät Einzelpersonen sowie Unternehmen. Das Thema Work-Life-Balance beginnt seiner Meinung nach mit dem Bewusstsein für den eigenen Zustand. „Wir müssen achtsam sein und immer hinterfragen: ‚Wie geht es mir gerade mit der Situation?‘“, erklärt er. Klingt einfach, fällt aber sehr vielen seiner Klienten schwer. „Wenn Stress zum dauerhaften Begleiter wird, dann muss man schauen, was man ändern kann.“ Natürlich gibt es dabei kein Schema F, ein genauer Blick auf den täglichen Zeitplan ist jedoch dabei ein wichtiger Schritt.

MORGENS

Beim Aufstehen gibt es unterschiedliche Persönlichkeiten. Schaffe ich es in letzter Sekunde aus dem Bett, um möglichst lange zu schlafen, ist das nicht unbedingt die entspanntere Vorgehensweise. „Wer sich morgens ein paar Minuten mehr Zeit gönnt, der wird langfristig erholter in den Tag starten“, so Diepenhorst. Auch die Wahl des Frühstücks sollte nicht unterschätzt werden: „Wir alle haben eigentlich ein Gespür dafür, was uns gut tut. Doch meist kommt uns die Bequemlichkeit dazwischen. Ein gutes Müsli bereitet uns aber einfach anders auf den Tag vor als ein Croissant im Vorübergehen.“ Ein weiterer Tipp des Experten: die morgendliche Dusche mit einem kalten Guss abschließen. „Das schließt die Gefäße und wirkt belebend.“

Auf dem Weg zur Arbeit kann eine kleine Variation viel bewirken. „Nehmen Sie eine andere U-Bahn oder für eine Teilstrecke das Rad, gehen Sie ein Stück. So bricht man aus der alltäglichen Blindheit und dem Allerlei aus.“

MITTAGS

In der Mittagspause sagt uns der gesunde Menschenverstand eigentlich schon, dass Schnitzel und Pommes keine guten Energielieferanten sind. Auch hier gilt: Öfter variieren und die Zeit bewusst als Pause nutzen – mit gutem Essen.

„Wenn Sie im Laufe des Tages Stress hatten – ob mit dem Chef, Kollegen oder Kunden – kann ein kleiner Trick helfen, diesen abzubauen“, so der Coach. Sein Tipp: Gehen Sie ins Badezimmer oder die Toilette, schließen Sie sich ein und versuchen Sie, dem Stress mit Mimik und Gestik Gestalt zu geben. „Boxen Sie in die Luft, machen Sie ein grimmiges Gesicht, strecken Sie die Zunge raus! Nur mit dem Schreien sollten Sie sich zurückhalten“, warnt der Experte schmunzelnd, „das könnte dazu führen, dass die Kollegen an ihrem Verstand zweifeln.“

NACH FEIERABEND

Wenn Sie das Büro verlassen, versuchen Sie etwas Ungewöhnliches auf dem Nachhauseweg einzubauen. Das kann auch hier eine Streckenveränderung sein. „Oder Sie versuchen, den Weg einmal anders wahrzunehmen. Wenn Sie etwa einen Obdachlosen treffen, geben Sie ihm heute Geld. Nehmen Sie Kontakt mit der Umgebung auf. Denn wer mit anderen Kontakt aufnimmt, der nimmt auch zu sich selbst Kontakt auf.“ Es gilt, den Sinnen neue Reize zu bieten. So bleiben wir beweglich im Kopf.

„Vor dem Einschlafen sollten Sie zudem nicht unbedingt einen Krimi oder gewalttätige Filme schauen, denn dieses sind die letzten Bilder, die uns in den Schlaf begleiten. Wir schlafen besser, wenn wir Körper und Geist stattdessen vor dem Einschlafen danken.“ Diepenhorst weiß, dass derartige Tipps nicht bei jedem auf Gehör stoßen. „Wer meint, das sei zu esoterisch, der soll es einfach einmal ausprobieren“, so der 34-Jährige. „Der bewusste Umgang mit allem, was uns umgibt und unserem Körper, gibt uns die Möglichkeit, die Dinge wirklich wahrzunehmen.“

Vor allem sei es wichtig, Beruf und Person voneinander zu trennen, meint Diepenhorst: „Viele nehmen Kritik aus dem Job sehr persönlich.“ Besser sei es, die berufliche Seite als Rolle wahrzunehmen, die nicht unsere ganze Persönlichkeit bestimmt. Damit sei kein Verdrängen gemeint, sondern die Einsicht: Ich bin mehr als mein Beruf! Diese Trennung sei jedoch ein langwieriger Prozess, weiß Diepenbrock. Gerade Männer leben den Heldenmythos nach dem Motto „Ich rette die Firma“ oft im Job aus. Fest steht für Diepenhorst : „Es gibt unzählige Türen, die zu Glück und Ausgeglichenheit führen. Jeder muss sich seine Tür suchen.“

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