Wirtschaft : Im Mittelpunkt steht die Verteilung der Arbeit

JOBST-HINRICH WISKOW

Es ist der zweite Versuch mit dem Bündnis für Arbeit: Die neue Bundesregierung will versuchen, was der alten am Tisch mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern mißlang.Sechs bis sieben Millionen Arbeitsplätze fehlen heute in Deutschland, zählt man zur Zahl der offiziell gemeldeten Arbeitslosen noch die der stillen Reserve.Doch schon vor dem ersten Treffen sorgt die Forderung der Industriegewerkschaft Metall nach 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt für Unruhe.Das, so der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, Hans Peter Stihl, verstehe er nicht gerade unter einem vertrauensbildenden Signal für ein solches Bündnis.Hans-Olaf Henkel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, setzte noch einen drauf.Er warnte, man könne "keine Hand zum Bündnis reichen", wenn sich die Steuer- und Sozialpolitik so entwickeln, wie sich das in den Koalitionsverhandlungen abzeichne.

Ursula Engelen-Kefer, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), zeigt sich unterdessen gelassen.Die Arbeitnehmer würden sich nicht so etwas wie Lohnleitlinien vorgeben lassen.Der Vorsitzende der IG Metall, Klaus Zwickel, riet den Arbeitgeber-Verbänden, ein solches Bündnis "nicht von vornherein mit unsinnigen Hypotheken und Bedingungen zu belasten".Der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe sieht das anders: Über die Lohnforderung der IG Metall werde man "am runden Tisch eines neuen Bündnisses für Arbeit noch zu reden haben".

Für Spannung ist gesorgt.Ist die Debatte davor nun heiße Luft oder ein Zündstoff, der die Pläne des designierten Kanzlers Gerhard Schröder zunichte macht? Doch er will nicht nur das Bündnis, sondern auch den schnellen Erfolg der Maßnahmen: Schließlich soll sich das Bündnis für Arbeit bald auf den Arbeitsmarkt auswirken.Wie schnell neue Beschäftigung allerdings entstehen kann, zumal am Verhandlungstisch, ist höchst umstritten.Mehrere Faktoren spielen eine Rolle: Wer ist der Akteur, dessen Handeln Jobs bringt? Der Staat, der recht plötzlich mit Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen oder der gesetzlichen Beschränkung der Arbeitszeit nach französischem Vorbild eingreifen kann? Gewerkschaften und Arbeitgeber-Verbände, die sich erst bei den anstehenden Tarifverhandlungen auf beschäftigungswirksame Regeln einigen können - was aber, zum Beispiel im öffentlichen Dienst, erst Mitte nächsten Jahres ansteht?

Pessimistische Beobachter wie Herbert Henzler, Deutschland-Chef von McKinsey & Company, sagen, die runden Tische führten zum Trugschluß."Konsens bedeutet bei uns Status quo - nach dem Motto: Laßt uns bloß nichts verändern." Viele der Reformideen dürften Schröder sowieso nicht gefallen, weil sie erst langfristig wirken.

Im Mittelpunkt des Bündnisses steht daher die Umverteilung der bestehenden Arbeit - eine defensive Strategie.Trotzdem eine, die Gerhard Kleinhenz, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, für richtig hält."Da der konjunkturelle Aufschwung die Arbeitsmarktprobleme allein nicht lösen kann, können auch Strategien der Aufteilung von Arbeit eine flankierende Rolle spielen", stellt der Forscher fest.Eine derartige Umverteilung wären der Abbau von Überstunden und der Ausbau der in Deutschland nach wie vor wenig populären Teilzeit: Allerdings arbeitet inzwischen immerhin jeder fünfte Beschäftigte nicht mehr voll, Mitte der 80er Jahre war es erst jeder achte.

Wenn alle Arbeitnehmer früher in den Ruhestand wechseln, die 60 Jahre oder älter sind, wären das 700 000 Menschen - und Arbeitsplätze.Wenn alle ab 55 Jahre gingen, käme man sogar auf das "gewaltige Potential von 3,2 Millionen Menschen, die man bewegen könne", so schwärmt IG-Metall-Chef Klaus Zwickel.Sein Noch-Vize Walter Riester hat durchblicken lassen, was sein wichtigstes Ziel für die Wiederauflage der konzertierten Aktion ist.Ein neuer Generationenvertrag soll die Jungen auf die Arbeitsplätze leiten, die derzeit die Alten besetzt halten.Die Zahl von mehreren Millionen möglichen freien Stellen beeindruckt offenbar mehr als die Aussichten langfristiger Strategien.Das ultraliberale Frankfurter Institut zum Beispiel zweifelt an jeglichem Erfolg des neuen Bündnisses.Vorwurf: "Wir pflegen die Illusion, Arbeitslosigkeit irgendwann doch mit einem bestimmten Zauberschlüssel bannen zu können - mit einem Bündnis für Arbeit oder mit einer anderen magischen Formel, die schnell hilft, ohne weh zu tun." Dabei haben heute die meisten begriffen, daß sie mit Schmerzen rechnen müssen."Aber", sagt Hartmut Seifert, Leiter des DGB-nahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in Düsseldorf, "die müssen gleich verteilt sein."

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