Wirtschaft : Im Rekordjahr Warnung vor dem nächsten Abschwung

BERLIN (alf).Die deutsche Autoindustrie steuert im laufenden Jahr Rekorde an.In der Produktion, beim Umsatz und Export würden 1998 neue Höchstmarken erreicht, erklärte am Freitag in Berlin der Verband der Automobilindustrie (VDA).Allerdings kündige sich bereits ein Abschwung an, da die inländische Pkw-Nachfrage "tendenziell leicht abwärts gerichtet" ist und im Export "nach zwei Rekordjahren ein etwas moderaterer Verlauf" erwartet wird, sagte VDA-Präsidend Bernd Gottschalk bei der Vorlage des Jahresberichts "Auto 1998".Gottschalk betonte zwar, angesichts eines Auftragsbestands von 750 000 Fahrzeugen "stehen wir nicht unmittelbar vor einer dramatischen Entwicklung".Aber zumal in Deutschland lasse die Nachfrage zu wünschen übrig.Im bisherigen Jahresverlauf habe es Zuwächse nur aufgrund der gewerblichen Nachfrage (plus 14 Prozent) gegeben, während sich Privatleute zwei Prozent weniger Autos kauften als im Vorjahreszeitraum."Bei den privaten Haushalten ist die Autokonjunktur noch nicht angesprungen", ergänzte VDA-Geschäftsführer Kunibert Schmidt.

Gottschalk zufolge "wird beim Inlandsabsatz mehr denn je die Politik die Verantwortung dafür tragen, ob es zu einer durchgreifenden Belebung kommen wird".Zur Verbesserung der Standort- und Kostenbedingungen sei "zu allererst" eine Steuerreform nötig.Angesprochen auf mögliche Auswirkungen einer rot-grünen Koalition in Bonn sagte Gottschalk, "Ministerpräsident Schröder versteht sehr viel vom Autogeschäft".Er sei jedoch "sehr betrübt, daß einige, die sich um ein politisches Mandat bemühen, die wenigen Reformen wieder rückgängig machen wollen", kritisierte der Autopräsident die Pläne des Kanzlerkandidaten.Auch Diskussionen über einen Benzinpreis von fünf DM pro Liter oder ein Tempolimit schadeten der Konjunktur auf dem deutschen Automarkt, der "alles andere als belastbar" sei.Alles in allem hofft Gottschalk dennoch, daß "wir beim privaten Konsum erst am Anfang des Konjunkturaufschwungs stehen".

Der VDA rechnet in diesem Jahr mit einer Pkw-Produktion von gut fünf Mill.Einheiten, was einem Zuwachs um sieben Prozent entspreche.Bei Nutzfahrzeugen gebe es derzeit eine "wahren Boom", in den ersten sieben Monaten hätten Produktion, Export und Zulassungen um jeweils sieben Prozent zugelegt.Insbesondere bei schweren Lkw ziehe die Nachfrage mit plus 19 Prozent enorm an; für Gottschalk ein "Indiz für die Wiederbelebung der Investitionsbereitschaft in unserem Land".Die gute Autokonjunktur habe schließlich zu 54 000 neuen Arbeitsplätzen seit Ende 1996 geführt, damit arbeiten Gottschalk zufolge gegenwärtig knapp 710 000 Personen in der Branche.Der Autopräsident stellte die Investitions- und Innovationsanstrengungen heraus.Seit 1990 seien die F +E-Aufwendungen um zwei Drittel gestiegen, derzeit machten sie mit rund 15 Mrd.DM etwa ein Viertel der gesamten Investitionen der deutschen Wirtschaft für Forschung und Entwicklung aus.Bei den Patentanmeldungen liege die deutsche Autoindustrie "inzwischen wieder deutlich vor Japan und den USA".Zulieferer und Hersteller zusammengefaßt komme die Branche für den Zeitraum von 1996 bis 1998 auf ein Investionsvolumen von 47 Mrd.DM im Inland.Im Ausland investierten deutsche Hersteller 1997 rund sieben Mrd.DM.

Auch im Hinblick auf eine schwächer werdende Nachfrage forderte Gottschalk die Unternehmen auf, flexiblere Arbeitszeitmodelle zu praktizieren.Das Potential sei "noch keineswegs ausgeschöpft".Arbeit müsse dann geleistet werden, wenn Aufträge da sind, und "Freizeit muß dann genommen werden können, wenn die Nachfrage schwach ist".Der VDA-Chef kritisierte ferner den hohen Schwefelgehalt in Kraftstoffen, wodurch der Einsatz "weit fortgeschrittener Mager-Motoren mit Direkteinspritztechnologie und Abgasnachbehandlungssystemen" blockiert werde.Da die Mineralölbranche ihre Raffinerien nicht nachrüsten wolle, sei die Politik zum Einsatz "steuerlicher Anreize" aufgefordert worden.

In der Asienkrise bewiesen die deutschen Hersteller Gottschalk zufolge Reaktionsfähigkeit.Verluste hätten auf anderen Märkten kompensiert werden können.Mit Sorge würden aber die Turbulenzen in Rußland verfolgt, obwohl der Exportanteil nur bei 0,3 Prozent liege.Aber von dort könne ein Flächenbrand in Osteuropa ausgelöst werden, wohin fünf Prozent der Pkw- und 7,5 Prozent der Nutzfahrzeugexporte gingen.

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