Wirtschaft : Immenses Kapital wird vernichtet

HOLGER NACKEN (HB)

Die Erkenntnis ist weit verbreitet: Wer seine Ersparnisse auf dem grauen Kapitalmarkt verloren hat, ist dumm, geldgierig und wollte sowieso nur Schwarzgeld anlegen. Daß es sich dabei um einen Irrglauben handelt, wurde auf der Veranstaltung "Selbstverteidigung für Anleger" deutlich, zu der jüngst die Düsseldorfer Börse und das Handelsblatt Experten und Interessierte geladen hatten."Es ist sehr schwierig, dieses Vorurteil von leichtsinnigen Investoren aus den Köpfen herauszubekommen - besonders bei Richtern und Staatsanwälten, die in Rechtsfällen zu entscheiden haben", sagte Rechtsanwalt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Die Opfer kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Ärzte, Rentner, Arbeitslose - alle sind vertreten." Schwarzgeld anzulegen sei nur selten ein Motiv. Karl Donkels von der WGZ-Bank wies darauf hin, daß Anleger bei den windigen Geschäften oft genug das Kapital für ihre Altersversorgung vernichten. "Dem organisierten Kapitalmarkt gehen enorme Summen verloren."Die Betrüger arbeiten meist hochprofessionell, ihre Produkte sind so raffiniert entwickelt, daß selbst fortgeschrittene Anleger den betrügerischen Hintergrund nicht erkennen können - insbesondere die Geschäftsanbahnung und die Gestaltung der ersten Angebote erfolgt oft so geschickt, daß alles ganz seriös aussieht. Schriftliche Unterlagen werden so abgefaßt, daß daraus ein Betrug in der Regel kaum nachweisbar ist."Die Strukturen sind globaler geworden, die kriminelle Energie wurde spürbar erhöht", bilanzierte Jügern Brockhausen von der Handelsüberwachungsstelle der Düsseldorfer Börse. Die gesetzlichen Regelungen reichten nicht aus, um der Branche Paroli zu bieten. Besonders die Gruppe der Finanzdienstleistungsvermittler sei keiner effektiven Kontrolle unterworfen. "Dieses Gewerbe ist in seinen Randzonen Teil des allgemeinen kriminellen Milieus geworden." In den Nachbarstaaten Niederlande, Frankreich, Luxemburg sei hier die Kontrolle besser. Diese Länder blickten mittlerweile mit Sorge über die Grenze, weil Betrüger mit deutscher Operationsbasis sich dort zu schaffen machten.Über die schlechten Arbeitsbedingungen der Ermittlungsbehörden klagte Klaus Hunold vom Polizeipräsidium Düsseldorf. Es sei schwierig den Überblick über die Branche zu behalten und Täter effektiv zu verfolgen "Bildlich gesprochen sind die Wirtschaftskriminellen mit einem Ferrari unterwegs, und wir versuchen mit einem Motorroller hinterherzukommen." Im Vergleich dazu, so griff Rainer Metz von der Verbraucherzentrale NRW das Bild auf, sei man von Seiten der Verbraucherschützer nur mit der Straßenbahn unterwegs. "Bei uns häufen sich die Anfragen geprellter Anleger. Bessere Information der Anleger allein bietet keinen ausreichenden Schutz mehr." Man müsse endlich die langanhaltende Großkriminalität bekämpfen.Ähnlich sieht das der frühere Frankfurter Staatsanwalt Klaus-Dieter Benner, der sich lange mit dem Thema Anlagebetrug beschäftigt hat. "Mit netten Faltblättern erreicht man nicht viel." Beispielsweise verliere die Warnung vor hochprozentigen Renditeversprechen ihre Wirkung, wenn ein Blick in Zeitungsanzeigen genüge, um festzustellen, daß teilweise auch normale Kreditinstitute zehn Prozent und mehr in Aussicht stellen. Hochschiessende Kurse am Aktienmarkt erleichterten Betrügern zudem die Argumentation. Tenor: Wert X sei gestern um 20 Prozent gestiegen, wir versprechen nur zwölf Prozent, diese dafür aber garantiert.Welche Rolle beim besseren Anlegerschutz das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel spielen kann, darüber informierte Vizepräsident Georg Dreyling. "Wer sich als Anleger schlecht beraten fühlt und dadurch Geld verloren hat, oder wem ein Angebot suspekt vorkommt, sollte sich bei uns melden." Bei begründeten Beschwerden hake man bei dem betroffenen Institut nach. Allerdings sei es der Behörde rechtlich nicht möglich, Anlegern ihr Geld wiederzubeschaffen. Ansprüche könnten nur über die Zivilgerichte geltend gemacht werden.Auf die Frage von Moderator Hermann Kutzer, welche konkreten Vorschläge es zur Verbesserung der Situation gebe, fanden die Experten unterschiedliche Antworten. Für Handelsüberwacher Dieter Brockhausen wäre es sinnvoll, wenn jeder Finanzdienstleister eine Zulassung vorweisen muß. Verbraucherschützer Metz fordet zusätzlich eine Pflichtversicherung für alle Anbieter, die ähnlich konstruiert sein müsse wie in der Reisebranche. Georg Dreyling vom Aufsichtsamt plädiert für eine zentrale Bundesstaatsanwaltschaft, die sich nur mit Wirtschaftsstrafsachen befaßt. Karl Donkels von der WGZ-Bank und Kriminalhauptkommissar Hunold sprachen sich für eine schärfere Kontrolle bereits im Vorfeld eines möglichen Betrugs aus.

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